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Eine Handvoll Mensch: Zu früher Start ins Leben


12.10.2007 (J. Richter) Kategorie: Wissenschaft

Bild: www.clarin.com

Nicht viel schwerer als ein Päckchen Butter war Amilia, als sie das Licht der Welt erblickte. Sie war das jüngste überlebende Frühchen, das je geboren wurde. Amilia wurde am 24. Oktober 2006 in den USA entbunden und wog bei ihrer Geburt in der 22. Schwangerschaftswoche lediglich 284 Gramm und war 24,1 Zentimeter groß.

Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Von einer Frühgeburt wird dann gesprochen, wenn die Entbindung vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche erfolgt. Dank ständiger Fortschritte in der Medizin haben mittlerweile auch deutlich zu früh geborene und sehr leichte Kinder weit unter 1000 Gramm gute Überlebenschancen. Jährlich gibt es in Deutschland etwa 50.000 Frühgeburten, was zirka acht Prozent der Gesamtzahl der Geburten entspricht.

Schwierigkeiten bei Frühgeborenen

Je früher ein Kind geboren wird, desto unreifer sind seine Organfunktionen und desto höher ist die Gefahr, dass bleibende Schäden zurückbehalten werden, die die körperliche und geistige Entwicklung beeinträchtigen. Insbesondere die fehlende Lungenreife des Frühchens ist problematisch. Die unterentwickelte Lunge ist aufgrund der zu frühen Geburt häufig nicht leistungsfähig genug, um die Atmung selbstständig zu übernehmen. Das Neugeborene muss dann künstlich beatmet werden. Ist eine drohende Frühgeburt zeitig genug absehbar, kann der Mutter Kortison gespritzt werden, das die Lungenreife des Kindes beschleunigt.

Auch andere wichtige Organe können unterentwickelt und somit noch nicht voll funktionsfähig sein. Dies betrifft vor allem das Gehirn, den Magen-Darm-Kanal und das Auge. Zudem haben Frühchen die sogenannten „Speckwochen“ noch nicht hinter sich. Im letzten Schwangerschaftsabschnitt nimmt ein Baby in wenigen Wochen besonders viel an Gewicht zu. Da Frühgeborene nicht genug Zeit im Mutterleib hatten, sind sie entsprechend zart.

Bedrückender Anfang für die Eltern

Was bei all den Problemen, die das früh geborene Kind betreffen, unberücksichtigt bleibt, ist die hohe psychische Belastung für die Eltern. Der unbeschwerte und sorglose Start ins neue gemeinsame Leben fehlt. Stattdessen wechseln sich Hoffnung und Angst um das Leben des Kindes ab. Für viele Eltern ist im Besonderen die Hilflosigkeit belastend, in der sie sich erleben. Das Neugeborene kann nicht gleich mit ins gemeinsame Zuhause genommen werden, sondern bleibt die ersten Lebenswochen in der Klinik und wird im Brutkasten von medizinischen Geräten umgeben. Das ist für viele Eltern nur schwer zu ertragen.

Manche Kliniken verfügen über betreute Selbsthilfegruppen für Frühchen-Angehörige, in denen sie sich mit anderen Betroffenen austauschen können. Der Kontakt zu Menschen, die gerade Ähnliches durchmachen, kann Mut machen und die Ängste kleiner werden lassen. In vielen Städten gibt es auch nach der Entlassung die Möglichkeit, in einer Frühchen-Selbsthilfegruppe das Gespräch zu suchen.

Mögliche Ursachen für eine zu frühe Geburt

Die Gründe können sehr unterschiedlich sein, manchmal sind sie auch überhaupt nicht auszumachen. Jedoch ist eine Scheideninfektion, die in die Gebärmutter aufsteigen und im schlimmsten Fall auf das Ungeborene übergehen kann, eine der häufigsten Ursachen. Hinzu kommt, dass sie wehenauslösend sein kann und so zusätzlich durch das Hervorrufen von Wehen das Risiko für eine Frühgeburt erhöht. In besonderen Fällen kann sogar ein vorzeitiges Sich-Öffnen der Fruchtblase (Blasensprung) von einer Infektion ausgelöst werden, was mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer baldigen Geburt führt. Weitere Ursachen für eine zu frühe Entbindung kann eine Gestose sein, die auch vereinfachend als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet wird. Sie ist eine schwangerschaftsspezifische Stoffwechselstörung. Auch eine vorzeitige Öffnung des Gebärmutterhalses bei einer Muttermundschwäche kann eine Frühgeburt auslösen, ebenso wie starker psychischer Stress.

Als weitere Risikofaktoren gelten starkes Übergewicht, Rauchen und extreme körperliche und seelische Belastung während der Schwangerschaft. Weiterhin werden Frauen, die bereits eine Fehl- oder Frühgeburt hatten, als Risikoschwangere eingeschätzt. Auch das Alter spielt eine Rolle: Mütter, die unter 18 oder über 35 Jahre alt sind, sind ebenfalls besonders gefährdet. Außerdem sind bei Mehrlingsschwangerschaften Frühgeburten überdurchschnittlich häufig.

Einer Frühgeburt vorbeugen

Generell ist der regelmäßige Besuch der üblichen Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen eine wichtige Maßnahme zur Vorbeugung. Bei vorzeitigen Wehen können so rasch wehenhemmende Medikamente verschrieben werden. Bei einer frühzeitigen Öffnung des Gebärmutterhalses kann der Muttermund durch ein Kunststoffbändchen verschlossen werden (Cerclage).

Zusätzlich kann aber noch mehr zur Prophylaxe getan werden. Gerade einer der häufigsten Ursachen für eine zu frühe Geburt kann zu Leibe gerückt werden: Spezielle Handschuhe, die in der Apotheke rezeptfrei zu bekommen sind, zeigen den pH-Wert der Scheide an. Wenn dieser aus dem Gleichgewicht geraten ist, liegt eventuell eine Infektion vor. Dann sollte möglichst zügig ein Arzt zu Rate gezogen werden. So ist es möglich, Infektionen bereits im Anfangsstadium zu erkennen. Es kann rechtzeitig eine Behandlung begonnen und ein Aufsteigen von Bakterien in die Gebärmutter verhindert werden, damit das Baby so lange wie möglich gut geschützt im Bauch der Mutter heranwachsen kann.



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