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Ein trübes Wochenende im Spätsommer an einem Sonntagnachmittag. 16.30 Uhr. Ich sitze auf der Couch, vor mir der so genannte „Zauberwürfel“ oder auch „Rubik’s Würfel“. Die Oberfläche präsentiert sich gemischt bunt. Das Puzzeln kann beginnen.
Die Geschichte des Zauberwürfels nahm in den 70er Jahren im damals zum kommunistischen Block zählenden Ungarn ihren Anfang. Dort beschäftigt sich der Budapester Architekt Erno Rubik leidenschaftlich mit geometrischen und dreidimensionalen Modellen. Er setzte sich zum Ziel, einen beweglichen Würfel zu konstruieren, der als Puzzle um drei Achsen rotieren sollte. Das Unterfangen stellte sich als äußerst schwierig heraus. Beim Anblick der Donau, die durch die ungarische Hauptstadt fließt, kommt Erno Rubik jedoch eine Idee.
16.31 Uhr: Langsam drehe ich die ersten Reihen – mal nach unten, mal seitwärts. Dabei sinne ich über den erstaunlichen Mechanismus des Würfels. Wie ist es möglich, einen Gegenstand, der augenscheinlich aus vielen kleinen Quadraten besteht, in alle vier Himmelsrichtungen rotieren zu lassen? Müssten dabei nicht Reibungspunkte im Inneren des Konstrukts entstehen? Die Versuchung ist groß, den Würfel auseinander zu bauen und den Mechanismus zu ergründen.
Als Erno Rubik von Wind und Wasser abgerundete Steine am Ufer der Donau betrachtete, erkannte er, dass er sich für seinen Zauberwürfel desselben Prinzips bedienen kann: eine runde Struktur im Inneren des Würfels, sodass Verkantungen vermieden werden. Es dauerte noch eine Weile, bis Erno Rubik den zylindrischen Mechanismus endgültig erarbeitet hatte. Schließlich ist der aber fertig. Ein sechsseitiger Würfel mit 54 Einzelfeldern stellt das Ergebnis dar. Dabei sind jeweils 9 Felder blau, grün, orange, gelb, weiß und rot. Höhe, Breite und Tiefe des Würfels messen jeweils drei Felder.
16.45 Uhr: Langsam, sehr langsam verschwindet das anfänglich bunte Bild auf manchen Seiten meines Würfels. Die weißen Felder habe ich schon fast zusammen gebracht. Auf einer anderen Würfelseite sieht es schon sehr gelb aus. Irgendwie komme ich aber nicht weiter. Sobald ich den Würfel drehe, um weitere Teile des Weißen Puzzles zusammenzutragen, zerstöre ich die weiße Würfelseite. Mit den gelben Feldern passiert es genauso.
Seine Erfindung führte Erno Rubik, inzwischen Dozent an der Budapester „Moholy-Nagy-Universität“, zunächst Studenten und Freunden vor, die sich zum großen Teil begeistert zeigten. Dadurch ermutigt ging er im Jahr 1974 mit seinem Würfel bei zahlreichen Firmen hausieren. Die Produktion, für die sich zu Beginn die Firma „Politechnika“ verantwortlich zeigte, ging allerdings schleppend voran. Schließlich handelte es sich bei dem „Zauberwürfel“ um ein handgefertigtes Produkt, das erst auf eine Produktion für die Masse eingestellt werden musste. Als es 1977 auf den Markt kam, begeisterte es sofort immer größere Kreise. Vor allem die mathematische Herausforderung zur Lösung des Puzzles spornte Alt wie Jung an, sich mit Erno Rubiks Erfindung auseinander zu setzen.
17.28 Uhr: Verzweiflung macht sich schleichend in mir breit. Ich komme einfach nicht weiter. Es muss doch möglich sein, einen Lösungsmechanismus für den „Zauberwürfel“ zu erarbeiten. Ich halte es nicht mehr aus und setze mich vor den Computer. „Zauberwürfel“ wird bei einer Internet-Suchmaschine eingegeben. Wenig später navigiere ich auf eine Seite, die verspricht Lösungen für mein Problem parat zu haben. Wäre doch gelacht!
Die bemerkenswerte mathematische Konstruktion des „Zauberwürfels“ sorgte dafür, dass er auch in der westlichen Welt bekannt wurde. So gab er beispielsweise Anlass zu Artikeln in englischsprachigen Wissenschaftsmagazinen. Im Jahr 1979 erwarb das amerikanische Unternehmen „Ideal Toy Corporation“ die weltweiten Vermarktungsrechte. Bei der Kontaktaufnahme bekam Erno Rubik entscheidende Hilfe von Tom Kremer, seinerzeit Leiter der Firma „Seven Towns Ltd“, der helfen wollte, den Würfel zum Erfolg zu verhelfen. Der stellte sich schließlich auch in den Ländern des Westblocks ein, in die der „Zauberwürfel“ exportiert wurde. Zu Beginn der 80er Jahre war er zum Massenphänomen geworden. Überall versuchten Menschen unterschiedlicher Bevölkerungsschichten, das Puzzle des Würfels zu vollenden.
17.49 Uhr: Ich bin den Tränen nahe. Ich verstehe das nicht. Kantenstücke sollen gesucht, Eckstücke „gerichtet“ werden. Kanten tauschen, Ecken tauschen. Kanten kippen, Eckstücke kippen. Ich verstehe nur Bahnhof. Der „Zauberwürfel“ enthält 43.252.003.274.489.856.000 mögliche Kombinationen, lese ich und überlege, ob mir für diese Zahl ein Wort einfällt.
In Deutschland veröffentlichten die Zeitschriften „Bild der Wissenschaft“ (11/1980) und der „Spiegel“ (4/1981) die ersten Lösungen, um das Puzzle des „Zauberwürfels“ aus jeder erdenklichen Position heraus zu vollenden. Inzwischen sind mehrere Zugfolgen erarbeitet worden, die Acht oder auch mehr Züge enthalten, die mehrere Male wiederholt werden müssen. Sie lassen sich im Internet oder in zahlreichen Buchpublikationen zum Thema recherchieren.
Nachdem das Interesse an dem Spielgerät Mitte der 80er Jahre wieder etwas abflachte, erlebt der Rubik’s Würfel in den 90er Jahren eine Neuauflage. Tom Kremers Firma „Seven Towns Ltd.“ hatte sich 1985 alle Rechte an „Rubik’s Würfel“ gesichert. Dessen Erfinder hingegen bemüht sich zur selben Zeit darum, weitere (Denk-) Spielzeuge und Würfelkonstruktionen zu erfinden. Etwas vergleichbar Erfolgreiches wie sein „Zauberwürfel“ gelang Erno Rubik bis heute jedoch nicht mehr. Die Verkaufszahlen für sein Spielgerät belaufen sich nach Schätzungen auf weit mehr als 100 Millionen Stück. Auch heute noch sind hier und da Menschen zu sehen, die darin versunken sind, einen „Zauberwürfel“ in der richtigen Weise zu drehen.
18.15 Uhr: Ich habe es aufgegeben, kapituliere vor dem Würfel. Die Nerven sind am Ende. Ich werde den „Zauberwürfel“ wohl nie verstehen. Jetzt vielleicht doch einen Blick in das Innere riskieren, auch wenn so die Möglichkeit besteht, dass das Gerät Schaden nimmt, wenn ich mich ungeschickt anstelle? Ich wage es. Die Teile liegen nun vor mir. Jetzt werfe ich einen ersten Blick darauf. Aha, so sieht das also aus!
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