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Regalhaltung ist Buchquälerei


27.12.2007 (A. Strehle) Kategorie: Kultur

Bild: www.kk.org

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Buchladen vor dem Regal, stöbern ein wenig herum, lesen den ein oder anderen Klappentext und denken sich, was für eine tolle Geschichte. Leider ist das gute Stück mal wieder viel zu teuer in der Anschaffung. Oder Sie haben sich einen Schmöker gekauft, finden aber nach dem Lesen keinen Platz mehr dafür, da Ihr Bücherschrank bereits übervoll ist. Was also tun?

Für begeisterte Leser und Abenteuerlustige gibt es seit einigen Jahren eine kostenlose Möglichkeit Bücher zu erlangen und weiterzugeben: das sogenannte „Bookcrossing“. Dabei werden Bücher ganz einfach in der Öffentlichkeit ausgesetzt. Dahinter steht der Gedanke, sie von ihrem trostlosen Dasein im Regal zu befreien. Unter der deutschen „Bookcrossing“-Gemeinschaft hat sich deshalb der Slogan „Regalhaltung von Taschenbüchern ist Literaturquälerei“ eingebürgert. Ob in einer Telefonzelle, auf einer Parkbank oder in der Straßenbahn, überall warten Bücher darauf gefunden zu werden.

Damit der sogenannte „Bookcrosser“ auch weiß, wo er suchen muss, ist jedes Buch mit einer eigenen Nummer auf einer Internetseite registriert. Ein Blick auf den jeweiligen Eintrag verrät, wo und wann es von wem freigelassen wurde. Wird es entdeckt, braucht der Finder nur noch die im Buch verzeichnete Registrierungsnummer auf der Webseite eingeben und kann nachschauen, wo es überall schon gewesen ist. Nachdem er es gelesen hat, setzt er es an einem beliebigen Ort aus, sodass die Jagd erneut beginnt. Einige Exemplare sind bereits um die halbe Welt gereist. Andere hingegen gelten als verschollen, weil sie vom Finder behalten werden oder so gut versteckt sind, dass sie erst nach Jahren wieder entdeckt werden.

Die Idee des „Bookcrossing“ wurde 2001 geboren, als der Amerikaner Ron Hornbaker die dazugehörige Internetseite ins Leben rief. Zurzeit sind in ihrer Datenbank 4.389.192 Bücher registriert. Weltweit zählt die Bewegung 612.924 Anhänger (Stand: November 2007). Täglich kommen circa 400 neue dazu. Die Jagd nach den Büchern ist dabei nicht auf bestimmte Orte begrenzt. Sie kann theoretisch überall stattfinden. Die Zentren sind allerdings die Großstädte der Welt, die mehr als 100.000 Einwohner haben. In zahlreichen deutschen Städten finden zudem regelmäßige Treffen von Mitgliedern statt. Die erste Zusammenkunft von „Bookcrossern“ aus aller Welt wurde im Jahr 2004 in Tübingen abgehalten.

Was macht nun aber den Reiz des Ganzen aus? Zum einen hat es den Charakter einer Schnitzeljagd. Der Suchende folgt den Hinweisen, um am Schluss den Schatz, also das Buch, zu finden. Dabei ist ein gewisser Nervenkitzel im Spiel, weil andere Leute den Band schneller aufspüren könnten. Zum anderen ist es für viele Menschen interessant die Reise ihres Buches im Internet mitzuverfolgen. Wie schnell die Werke den Besitzer wechseln, hängt davon ab, wie lange jeder einzelne zum Lesen braucht. Einige der umherwandernden Exemplare sollen schon bei über 200 „Bookcrossern“ gewesen sein. Sie erzählen also unabhängig von ihrem Inhalt eine abwechslungsreiche Geschichte.

Nicht überall wird das Projekt positiv aufgenommen. Schriftsteller und Verleger geben zu bedenken, dass dadurch die Verkaufszahlen zurückgehen könnten. Die Befürchtung, dass sich die kostenlose globale Bibliothek nachteilig auf den Buchmarkt auswirkt, scheint jedoch unbegründet zu sein. In einer Umfrage unter deutschsprachigen „Bookcrossern“ gab knapp die Hälfte an, mehr Bücher als vorher zu kaufen. Sie werden meist angeschafft, um sie danach „freilassen“ zu können. Ein kleiner Teil der Befragten kauft Bücher sogar doppelt: eins fürs eigene Regal und eins zum Aussetzen. Laut den Mitgliedern mache das Projekt zudem auf unbekannte Werke aufmerksam.

Wenn Sie also das nächste Mal beobachten, wie jemand ein Buch auf einer Bank vergisst, rennen Sie ihm nicht gleich hinterher. Schauen Sie lieber zuerst nach dem Hinweis, dass es mitgenommen werden möchte. Schließlich könnte der Besitzer ein „Bookcrosser“ sein, der daran interessiert ist, dass Sie das Buch finden.

Auf der folgenden Seite erfahren Sie mehr zum Thema: www.bookcrossing.com. Hier finden Sie auch alle Bücher, die in Ihrer Stadt kursieren. Life-Go hat sich ebenfalls an dem Projekt beteiligt. Gehen Sie auf die Jagd und finden Sie folgende Bücher: „Herrenmenschlichkeit“ und „Frühstück bei Tiffany“.



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