|
Halid ist genervt. Der 16-jährige sieht aus dem Fenster des Münchner Waisenhauses, auf den Nymphenburger Park. Die Sonne scheint herein, es ist ein milder Wintertag. Lieber würde er jetzt draußen sein und Fußball spielen. Auf dividieren, addieren und multiplizieren hat er gar keine Lust, aber sein Nachhilfelehrer Dominik Bauer (27) bleibt hartnäckig. Sein Erfolgsrezept lautet: „Übung macht den Meister“, und daher ackern sich die beiden durch die Lerntrainer für den Hauptschulabschluss. Auch er ist langsam genervt, schließlich hat der junge Mann eine 60-Stunden Woche hinter sich. Momentan arbeitet er an seiner Doktorarbeit in Physik am Max-Planck-Institut. Das bedeutet mühsames Experimentieren und lange Abende im Labor. Außerdem gibt er einmal in der Woche ehrenamtlich Mathenachhilfe im Münchner Waisenhaus.
Sein derzeitiger Nachhilfeschüler Halid versteht noch nicht wirklich, dass er für sich selber lernt. „Am Anfang ist es immer ein Kampf, die notwendige Autorität muss ich mir zuerst erkämpfen“, meint der junge Mann mit dem Dreitagebart und den kurzen schwarzen Haaren. Die Jugendlichen, mit denen Dominik Bauer für den Hauptschulabschluss paukt, sind zwischen 15 und 17 Jahren alt. Die meisten kommen aus dem Ausland. Einige wurden von ihren Eltern, die lange gespart haben, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, nach Deutschland geschickt. Andere haben ihre Familie verloren. Die schrecklichen Schicksale der Jugendlichen können Jugendamt und Erzieher oft nur erahnen. Halids Vater wurde in Afghanistan politisch verfolgt, doch dank eines Onkels in München kam der Junge mit elf Jahren in die bayerische Landeshauptstadt. Die Familie musste im Heimatland zurückbleiben.
„Die Jugendlichen haben oft keine Bezugsperson, sie leben in ihrer eigenen Welt“, meint Dominik Bauer. Zuallererst müssen die Kinder die deutsche Sprache erlernen, das nächste Ziel ist dann der Hauptschulabschluss, für den der Doktorand mit ihnen lernt. Darüber hinaus gehen sie manchmal gemeinsam Pizza essen oder Fußball spielen. „Oft wollen sie einfach nur mit jemanden reden.“ Außerdem versucht der 27-jährige sich mit den Jugendlichen über das Tagesgeschehen zu unterhalten, um ihnen Allgemeinwissen zu vermitteln.
Sein erster Nachhilfeschüler war motivierter als der junge Afghane Halid. Vor etwa sechs Jahren kam Philipe von Angola nach Deutschland. Nach dem Tod des Vaters wurden er und seine Geschwister in ein Lager gebracht, aus dem er dank eines Fluchthelfer entkommen konnte. Seit seinem Hauptschulabschluss, den Philipe mit Bravour bestanden hat, lebt er in einer Jugend-Wohngemeinschaft. Irgendwann hat der Afrikaner Interesse an dem Physikstudium des Doktoranden gezeigt. Mittlerweile macht der Jugendliche eine Ausbildung zum Elektriker, an der er großen Spaß hat. „Das ist mein Einfluss“ grinst Dominik Bauer. Dies war für ihn die wohl bisher schönste Erfahrung in seiner Zeit im Waisenhaus.
Als Student hat Dominik Bauer mit gewöhnlicher Schülernachhilfe sehr viel Geld verdient. Doch irgendwann entschied er sich für das Ehrenamt und sprach eine gute Freundin an, die im Münchner Waisenhaus als Betreuerin arbeitet. Er möchte seinen Beitrag dazu leisten, dass die Situation von Kindern wie Halid und Philipe besser wird. „Ich will nicht die Welt retten, ich tue nur, was ich kann“, betont der Doktorand. „Ich habe fünf Jahre lang studiert, da erfuhr ich so viel Wohlfahrt des Staates, dass ich der Gesellschaft jetzt etwas zurückgeben möchte.“
Die soziale Ader scheint in der Familie des jungen Mannes zu liegen: Sein Bruder arbeitet bei der Polizei, seine Schwester hat in einem Altenheim Sozialdienste geleistet und sein Vater wandelte in Gröbenzell einen kleinen Altentreff in ein ganzes Zentrum um. „Eigentlich haben Physiker eher einen schlechten Ruf, was Sozialkompetenz angeht“, lacht Dominik Bauer. Jedoch scheint das bei diesem Physiker nicht der Fall zu sein. Ihm macht es Spaß, jungen Menschen Mathematik und Physik näher zu bringen. Vor allem dann, wenn die Jugendlichen anfangen, ihm zu vertrauen und ihm ein Stück ihrer Lebensgeschichte zu erzählen.
Für die Zukunft hegt Dominik Bauer viele Pläne. Er möchte in die Forschung oder die Wirtschaft gehen. Einen Beruf im sozialen Bereich strebt der Doktorand jedoch nicht an. Allerdings möchte er eine Zeit lang in der Entwicklungshilfe arbeiten, vielleicht auch als Lehrer, um „den Menschen und Kindern das Wissen näher zu bringen“. Er möchte Interesse wecken und die Menschen für Naturwissenschaften begeistern. Auch wenn die eine oder andere Nachhilfestunde nicht so gut gelaufen ist, hat Halid mittlerweile seinen Hauptschulabschluss bestanden. Seit einiger Zeit macht er eine Ausbildung zum Koch und versucht hier in Deutschland, einem ihm fremden Land, eine Existenz aufzubauen. Auf dem Weg dahin waren ihm Menschen wie Dominik Bauer, die ihm eine Chance gegeben haben und manchmal einfach nur zugehört haben, sicherlich eine große Hilfe.
|