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Der französische Regisseur Mathieu Kassovitz zeigte 1995 in dem Film „La Haine“ 24 Stunden aus dem Leben von Vince, Saïd und Hubert, drei Jugendlichen aus den Pariser Vororten. Ein Leben, das bestimmt ist von Gewalt, Drogen und Perspektivlosigkeit. Der Schwarzweißfilm, der auf einer wahren Begebenheit beruht, dokumentiert eindrucksvoll das Elend der Jugendlichen und wurde mit dem Europäischen Filmpreis, in Cannes und dem César ausgezeichnet. Sebastian Nübling wagte sich dreizehn Jahre später an die Inszenierung und kreierte etwas ganz Eigenes. „Hass“ feierte am 18. Januar 2008 seine Uraufführung in den Münchner Kammerspielen.
Auf der Bühne türmen sich unzählige leere Pappkartons, zu denen im Laufe des Stückes immer mehr hinzukommen. Die Bühne wird regelrecht überflutet von Kartonagen, die normalerweise in Supermärkten die Warenregale füllen. Auf dieser Müllkippe schlagen die drei Hauptfiguren die Zeit tot. Wer den Film kennt, wird nach der Überraschung über das symbolhafte Bühnenbild nochmals irritiert, denn die drei Protagonisten werfen mit Kraftausdrücken um sich. Sie randalieren und pöbeln die Zuschauer in der ersten Reihe an: Es liegt Testosteron in der Luft, jedoch werden die Hauptrollen von drei Frauen besetzt. Auch die Kostüme wirken befremdlich. So trägt Saïd (Katharina Schubert) hin und wieder einen Mäusekopf und Hubert (Katja Bürkle) übergroße Schuhe sowie eine Pinocchionase. Alle drei Hauptdarsteller haben den Schriftzug „Hass“ auf der Brust.
Die Handlung setzt nach einer aufreibenden Nacht ein, in der sich Polizei und Anwohner der Vororte heftige Straßenkämpfe lieferten. Auslöser der Krawalle war eine Routinekontrolle der Polizei, nach der Abdel, ein Freund der Hauptfiguren, im Krankenhaus um sein Leben ringt. Die äußere Handlung tritt nun fast vollständig in den Hintergrund. Im Fokus stehen die drei Jugendlichen mit ihren Problemen und ihrer Hoffnungslosigkeit. Der angestaute Hass gegenüber falschen Versprechen von Politikern und sadistischen Polizeibeamten scheint sie zu erdrücken. „Wenn es Gott gibt, hat er sich verpisst“ stellt Vince (Brigitte Hobmeier) resigniert fest.
Die Protagonisten werden nicht nur an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sie werden in einem Berg von Müll begraben. Beim Bühnenbild, den Kostümen und der Besetzung wenden Regisseur Sebastian Nübling und Dramaturgin Julia Lochte den klassischen Verfremdungseffekt an. Dadurch gehr der dokumentarische Charakter des Filmes verloren. Trostlose Betonwüsten werden gegen einen bunten Kartonberg eingetauscht, und harte Kerle gegen junge Frauen. Andererseits wird das Elend der Vorstädte dadurch so abstrahiert, dass es noch grotesker wirkt. Was in den Mittelpunkt rückt, ist das beklemmende Portrait einer Jugend, die von Politik und Gesellschaft isoliert und allein gelassen wurde. Eine Jugend, die keine Zukunft für sich sieht und ihren Stress bei einem Joint vergisst.
Zehn Jahre bevor die Welt durch brennende Autos in den Pariser Banlieus schockiert wurde, erkannte Mathieu Kassovitz die tickenden Zeitbomben in der Gesellschaft Frankreichs. Die französische Migrationsgeschichte ist zwar nicht mit der deutschen zu vergleichen; trotzdem ist die Thematik aktueller denn je, seit in Hessen und Bayern im Wahlkampf mit der Angst vor Gewalt gespielt wird. Wie auch der Film ist das Theaterstück kein idealistischer Aufruf an Verständigung und Nächstenliebe, lediglich eine Warnung, die Signale zu erkennen und frühzeitig zu reagieren.
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