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Eine 1970 in Berlin geborene Autorin macht in der Literaturwelt Furore und das nun schon zum zweiten Mal. Nach ihrem erfolgreichen Kurzgeschichtendebüt „Sommerhaus, später“ im Jahr 1999 legte Judith Hermann 2003 einen zweiten Band nach: „Nichts als Gespenster“. Das Buch ist mittlerweile von Martin Gypkens verfilmt worden. Die Werke der Autorin erfreuen sich demnach großer Beliebtheit. Daher ist es höchste Zeit das Buch und die Verfilmung in einen Kontext zu setzen!
Sie ist von Marcel Reich-Ranicki zum neuen Star am Lesehimmel gekürt und von Hellmuth Karasek als das „Sprachrohr einer Generation“ bezeichnet worden. Dabei beschreibt Judith Hermann scheinbar Alltägliches. In ihrem neuen Band, der aus sieben Kurzgeschichten besteht, befinden sich die jeweiligen Protagonisten der Erzählungen alle auf Reisen. Die Szenerie ist mannigfaltig – sei es Island, Venedig, Karlsbad (Tschechien), Sierra Nevada (USA) oder Deutschland. Sie besuchen Freunde und Familie oder reisen mit dem Ziel, Neues zu entdecken. Alle Charaktere sind jedoch auch beständig auf der Suche nach sich selbst.
Ein kleiner Einblick in die Erzählungen
Eine junge Frau fährt nach Venedig, um ihre Eltern zu besuchen, die dort Urlaub machen. Es treiben sie kindliche Ängste vor dem Verlust ihrer inzwischen pensionierten Eltern, die sie nie abschütteln konnte, wann immer die beiden auch auf Reisen gingen. Doch der Besuch bringt keinen Trost, denn der Tochter gelingt es nicht, ihre Gefühle mitzuteilen. Die festgefahrenen, jahrelang gleich ablaufenden Kommunikationsstrukturen erlauben es der Familie nicht, andere Verhaltensmuster zu entwickeln.
Ellen und Felix setzen sich das Ziel, die USA mit dem Auto von Osten nach Westen zu durchqueren. Das Paar scheitert an den fundamental unterschiedlichen Ansichten, die sie ihrer gemeinsamen Zeit in den Staaten entgegenbringen. Die mitteilungsbedürftige und dickköpfige Ellen möchte vor allem viele Fotos von bekannten Schauplätzen machen, die sie zu Hause ihren Freunden zeigen kann. Felix kann nicht aus seinem Kokon der Schweigsamkeit heraus und regt sich im Stillen darüber auf, dass seine Freundin keinen Moment ohne Kamera genießen kann. Wie wenig sie noch gemeinsam haben, zeigt ein denkwürdiger Abend in einer verlassenen Dorfkneipe Austins mitten in der Wüste, wo sie den Amerikaner Buddy und eine verrückte Geisterjägerin treffen.
Die traurigen Protagonisten Judith Hermanns
„Sie würde dem Kind gerne sagen, dass sie in den entscheidenden Momenten ihres Lebens immer so etwas wie bewusstlos gewesen ist.“ Das Zitat aus dem Band „Nichts als Gespenster“ umschreibt treffend das Gefühl der Hilflosigkeit, der Leere und Emotionslosigkeit, das alle Personen der Erzählungen charakterisiert. Der Leser wird sich entsprechend seiner eigenen Lebenshaltung und Stimmung mehr oder weniger gut in die Charaktere hineinversetzen können.
Die einen empfinden sie als nur schemenhaft umrissene, nicht greifbare und leicht weinerliche Persönlichkeiten. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes gespenstisch. Die anderen sehen in ihnen die Verkörperung eines aktuellen Zeitgefühls. Sinnentleert und orientierungslos fühlen sich viele Mittdreißiger in der modernen Gesellschaft. Dabei bietet der zweite Band im Gegensatz zum ersten noch etwas hoffnungsvollere Protagonisten.
Vom Buch zum Film
Judith Hermann erzielt mit ihren einfachen, klaren Sätzen, mit ihren feinen Beobachtungen und dem Erzähler, der über den Geschehnissen schwebt, einen faszinierenden Effekt. Nach der Lektüre bleibt dem Leser nicht die Kenntnis der Details einzelner Geschichten im Kopf, sondern vor allem eine melancholische, nachdenkliche Stimmung. Genau diese Stimmung einzufangen und in Bilder zu verpacken, war das Ziel des Regisseurs Martin Gypkens, der mit zahlreichen deutschen Jungschauspielern den Episodenfilm „Nichts als Gespenster“ aus den Geschichten Judith Hermanns drehte.
Das Schwierige an der Umsetzung bestand in der Verfilmung der Kurzgeschichten. Martin Gypkens löst die Aufgabe souverän, indem er die Episoden zeitgleich ablaufen lässt. Der Zuschauer erhält abwechselnd einen Einblick in die eine Geschichte, während der nächste Schnitt die Erzählung einer anderen Episode fortführt. Alle Geschichten kommen dann gleichzeitig zu einem Ende. Die Amerikareise von Felix und Ellen bildet eine Art Rahmen.
Lesens- und sehenswert
Was in dem Buch mit Worten erreicht wird, kann der Film in Farbe, Szenerie und Ton umsetzen und somit die ausgelösten Gefühle noch einmal verstärken. Die Wüsten Amerikas leuchten in einem warmen Ocker und Rot, während die Szenen in Island von grauen und blauen Farben geprägt sind. Stimmungsvolle, dezente Musik unterstreicht die Einsamkeit und Verlorenheit der Protagonisten, welche auf ihre Rollen hervorragend passen. So wirkt beispielsweise Fritzi Haberland als schweigsame und frustrierte Tochter sehr authentisch.
Die Beobachtung, dass nach Büchern gedrehte Filme oft schlechter sind als die Originale, lässt sich hier demzufolge nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Martin Gypkens „Nichts als Gespenster“ ist eine wahre Augenfreude, von der auch eingefleischte Hermann-Fans nicht enttäuscht sein werden. Natürlich sollten Sie nicht verpassen, die Erzählungen der Berliner Autorin selber zu lesen. Vielleicht haben Sie dazu ja die Zeit, wenn Sie auf Reisen sind...
Haben Sie das Buch gelesen oder den Film gesehen? Kennen Sie das Lebensgefühl der Protagonisten Judith Hermanns? Wir laden Sie herzlich dazu ein, mit uns im Life-Go-Forum über das „Phänomen Hermann“ zu diskutieren.
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