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Der Krieg des Charlie Wilson: Südstaatendekadenz trifft auf Flüchtlingselend


07.02.2008 (J. Constantin) Kategorie: Kultur

Bild: www.filmstarts.de

Mit „Der Krieg des Charlie Wilson“ ist Mike Nichols wieder eine brillante Politsatire gelungen. Schon „Mit aller Macht“ richtete ein bitterböses Auge auf US-amerikanische Politiker. Nun erzählt er die Geschichte des relativ unbedeutenden Kongressabgeordneten Charlie Wilson Anfang der 80er Jahre. Mit der Unterstützung der reichen Südstaatenschönheit Joanne Herring und des ungehobelten CIA-Agenten Gust Avrakotos hat er eine entscheidende Rolle bei der Vertreibung der Kommunisten aus Afghanistan. Mike Nichols hat keinen Kriegsfilm gedreht. Er liefert stattdessen einen intelligenten, von schwarzem Humor durchzogenen Einblick in die politischen Manipulationen eines US-amerikanischen Politikers, der sich vom Pfadfinder-Unterstützer zum Staaten-Lenker entwickelt.

1980: Charlie Wilson, Kongressabgeordneter eines kleinen christlich-religiösen Wahlkreises in Texas, lässt es sich mit Frauen, Drogen und Lokalpolitik gut gehen. Er sitzt umgeben von nackten Blondinen in einem Whirlpool, als ihm eine Reportage über das Schicksal der afghanischen Bevölkerung auffällt. Kurz darauf nimmt seine politische Karriere durch die reiche Anti-Kommunistin Joanne Herring eine drastische Wendung. Unter Ausnutzung ihrer weiblichen Reize „überzeugt“ sie ihn, sich über die Situation in Afghanistan kundig zu machen. Auf ihre Bitte hin besucht er Pakistan, wo er in einem Flüchtlingslager über die unmenschlichen Verhältnisse in Afghanistan aufgeklärt wird. Zurück in Washington D.C. läuft er zur Hochform auf und kurbelt die politischen Mühlen des US-Kongresses an, sich der Sache durch finanzielle Hilfe und geheime Waffenlieferungen zuzuwenden. Der Rest ist Geschichte.

Doch nicht alleine die unübliche Verarbeitung des politischen Stoffes besticht in dem Film. Aaron Sorkins Drehbuch lässt die potentiell trockene Polit-Intrigen-Geschichte durch nicht übertriebene, humorvolle Dialoge so leichtfüßig erscheinen wie ein Oscar-Wilde-Stück. Außerdem verzichtet er auf die für das Genre üblichen, langweiligen Flure in Regierungsgebäuden. Stattdessen platziert er die wichtigen Gespräche nach dem Sex im Schlafzimmer oder gar während einer Bauchtanz-Show. Anstatt den moralischen Finger in Hinsicht auf die Terror-Anschläge, die die USA Anfang dieses Jahrzehnts getroffen haben, zu heben, stellt Sorkins subtil die Motivationen der unterschiedlichen religiösen Parteien in Frage. Kaum eine kommt ohne ein metaphorisches blaues Auge davon: weder die christlich-radikale politische Elite noch die zur Unterstützung genötigten jüdischen und moslemischen Parteien des Konflikts.

Die Hauptkritik des Films richtet sich jedoch gegen die US-Politik, die nach der erfolgreichen Durchsetzung ihrer Agenda keinen Gedanken mehr an die ruinierte Bevölkerung Afghanistans verschwendet. So versucht der Protagonist vergebens seinen Kollegen die kleinsten Summen für den Wiederaufbau zu entlocken. Gegen Ende des Films liefert der CIA-Agent mit einer Geschichte, die routinierte Cineasten bereits öfters auf Zelluloid gesehen haben, den moralischen Kern der Erzählung. Demnach ist die US-Politik seit dem Kalten Krieg möglicherweise nicht ganz unschuldig an der anti-amerikanischen Haltung des Nahen Ostens.

Trotz des dramatischen Themas sorgt die Vorstellung von Philip Seymour Hoffman („Capote“) in der Rolle des unverblümten CIA-Agenten Gust – der nicht dem Agentenklischee entspricht – für erheiternde Augenblicke. Das gelingt, ohne den Ernst der damaligen weltpolitischen Situation ins Lächerliche zu ziehen. Tatsächlich liefert gerade der untersetzte, Hornbrille tragende Geheimagent dem Zuschauer die am wenigsten verklärte Sicht auf die Situation in Afghanistan. Seine Rolle schlägt die Brücke zwischen den dekadenten Affären der US-Politiker und dem Leid der afghanischen Bevölkerung. Der Darsteller begeistert wieder einmal durch seine außerordentliche schauspielerische Leistung, mit der er den Rest des hochkarätigen Staraufgebots in den Schatten stellt.

Tom Hanks glänzt in der Rolle des Whiskey trinkenden Playboy-Politikers wie seit „Forrest Gump“ nicht mehr. Mit einem trägen Südstaatenakzent schwebt er in der Originalversion gelassen von einer Szene in die nächste und liefert einen außerordentlich gelungenen Kontrast zum ruppigen Gust Avrakotos. Ergänzt durch Julia Roberts in einer für sie untypischen Rolle als die manipulierende Prominente Joanne Herring bietet „Der Krieg des Charlie Wilson“ die wohl besten schauspielerischen Leistungen dieser zwei sonst etwas blass wirkenden Stars.

Sowohl in der künstlerischen Umsetzung wie auch in der Verarbeitung des Themas ist der Film außerordentlich gut gelungen. Seit „Lord of War“ wurde in einem Film selten ein brisantes politisches Thema so kunstvoll mit situativem Ernst und angemessenem, schwarzem Humor gemischt. Gekoppelt mit der großartigen schauspielerischen Leistung der drei Hauptdarsteller sind dabei anderthalb Stunden leicht verdaulicher Gedanken- und Konversationsstoff entstanden. Es sollte nicht verwundern, wenn der Zuschauer nach dem Film nicht einfach nur leicht benommen, sondern in Gesprächen vertieft aus dem Kinosaal geht.



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