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Kurzgeschichte: Leben zwei


09.03.2008 (C. Wiechert) Kategorie: Specials

Bild: www.sapmi.de

„Liegt zu Hause Schnee?“, fragt er, sieht dabei auf die Schneeflocken, die sich zu Boden kräuseln. Wir stehen unter dem Dach eines Bushäuschens. Einzelne weiße Punkte wagen sich in den geschützten Bereich, streifen eine Wange und schmelzen sofort, werden mit einer unbewussten Handbewegung weggestrichen. Das Ende eines Schneeflockenlebens.
„Heute Morgen lag noch keiner.“
Distanz.
Er ist seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Ich frage mich, ob er unseren Ort überhaupt noch als zu Hause bezeichnen darf und vergrabe meine Hände tief in den Taschen, den Kopf weiter im Jackenkragen.
Er hat sich für ein anderes Leben entschieden. Ein besseres, wie er sagt. Jetzt ist er wieder da, vielleicht ist er gescheitert, vielleicht hat er Gründe, vielleicht...

Ich erinnere mich an die verständnislosen Blicke meiner Eltern, als er sich entschlossen hat zu gehen. Ihre ganzen Worte haben nichts genutzt. Nächtelang haben sie darüber gesprochen, wie sie ihn zu ihrer Vernunft bringen können. Aber er wollte nicht.
Irgendwann hat er versucht mir seine Gründe zu erklären. „Ich will nicht dieses bürgerliche Leben“, hat er gesagt, während ich ihn mit meinen 14-jährigen großen Augen angesehen habe. „Ich will nicht die Sicherheit, ich will keine Familie, kein Haus, keinen Rassehund.“ Für mich klang das wie Zeilen aus einem Song. Ein Lied, das Sehnsucht verbreitet, die nie gestillt werden kann. Worum es ihm ging, habe ich nicht verstanden. Ich konnte mir nicht erklären, woher seine Feindseligkeit auf die Welt kam. Wahrscheinlich verstehe ich ihn bis heute nur in Ansätzen. Dann war er am nächsten Tag weg.
Das ist fünf Jahre her.

Ich frage mich, ob er glücklich mit seiner Entscheidung ist, ob man überhaupt so leben kann.
„Die Menschen mögen keine wahren Tatsachen, die sie verurteilen.“ Er hat wohl schon eine ganze Zeit geredet während ich meinen Gedanken nachhing.
„Sie lieben diese rosarote Wattewolkenwelt. Wenn du ihnen erzählst, was sie nicht hören wollen, dann machen sie dicht und verschließen die Augen.“
Er hat mir Karten aus allen Ecken der Welt geschickt, auf denen nur kurze Zeilen standen. Einige hingeworfene Worte ohne Bedeutung. Die Karten habe ich behalten, säuberlich gestapelt in einer Schublade gesammelt. Sie haben immer gezeigt, dass es ihm gut geht. Wie ein Beweis lagen sie im Briefkasten. Ein Leben zu führen, wie andere es nicht haben. Etwas besonderes sein.
„Es ist nicht einfach“, sagt er. „Es ist nicht einfach anders zu handeln als die anderen. Dieses ständige Schwanken zwischen eigenen Überzeugungen und dem, was die Gesellschaft verlangt, dem was viel einfacher ist.“
Der Bus fährt die Haltestelle an, meine Augen verfolgen die Spuren, die er in den Schnee gezogen hat.
„Ich habe lange nicht mehr mit jemandem geredet“, sagt er.



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