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Kanadas umstrittener Robbenfang - Jagd oder Schlacht?


16.04.2008 (C. Nurtsch) Kategorie: Welt

Bild: www.robbenschutz.de

Ende März 2008 war es wieder so weit. Die kanadische Regierung gab grünes Licht und 1.000 Robbenjäger in 16 Schiffen brachen von der zu Québec gehörenden Insel Madeleine zum den Sankt Lorenz Strom auf. Die erste der drei Runden der alljährlichen Robbenjagd war eingeläutet. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Zur Fortpflanzung wandert die Sattelrobbe, die meistgejagte Art, zu Zehntausenden Tieren in losen Kolonien auf das Eis.

Grausam für das Tier, gefährlich für den Menschen

Die zweiwöchige Jagd in dem 1.000 Kilometer langen Grenzfluss zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada ruft seit Jahren Tierschützer auf den Plan. Als „nicht zu rechtfertigendes Gemetzel“ kritisieren die größten Gegner Greenpeace und der internationale Tierschutzfonds IFAW (International Fund for Animal Welfare) das Unterfangen, das auch für die Menschen gefährlich sei. Das zeige das Schiffsunglück, das sich gleich zu Beginn der Saison 2008 ereignet hatte und bei dem drei Fischer ums Leben gekommen waren.

Beide Organisationen vertreten die Position, dass Menschen Tiere zum Verzehr nutzen und dass eine nachhaltige Verwendung von Naturressourcen grundsätzlich unbedenklich ist, wenden sich allerdings gegen jeden kommerziellen Fang. Zudem habe die kanadische Regierung in den vergangenen Jahren die Quoten überschritten. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Art der Tötung. Das Totschlagen mit den traditionellen Keulen, den so genannten Hakapiks, die verwendet werden, um das Fell nicht durch Einschusslöcher zu entwerten, wird als qualvoll und brutal bewertet.

Es waren Fotos von mit Hakapiks blutig geschlagenen Robbenbabys, die in den 70er Jahren um die Welt gingen und damit erste Protestwellen auslösten. Die Ablehnung gipfelte in einem Zusammenbruch des Absatzmarktes in den 80er Jahren. Doch 1996 wurde die Jagd wieder aufgenommen, mit dem Argument, die Robben würden den Fischbestand dezimieren. Lediglich die Jagd auf so genannte „Whitecoats“ und „Bluebacks“, Jungtiere, die nach zwölf Tagen ihr weißes Fell verlieren, ist seit 1987 verboten. Die Online-Informationsseite www.Robbenschutz.de bezweifelt, dass dieses Gesetz eingehalten wird und geht davon aus, dass die Quote der seit 2003 geschlachteten Babyrobben 1,9 Millionen beträgt.

Kanadische Regierung weist Vorwürfe zurück

Die kanadische Regierung weist die Vorwürfe der Tierschützer zurück. Dass der Bestand der Tiere nicht gefährdet ist, belegen die Zahlen. Nach Behördenangaben wurden bei der jährlich stattfindenden Überprüfung für 2008 circa 5,5 Millionen Robben gezählt, drei mal mehr als 1970. An diesem Trend würden auch die Zahlen der zur Jagd freigegebenen Tiere nichts ändern, die die kanadische Regierung jedes Jahr neu bestimmt. Dieses Jahr durften 275.000 Tiere erlegt werden. Letztes Jahr waren es 5.000 weniger, das Jahr davor allerdings noch 335.000.

Die Geschäftsführung für Fischerei und Aquakultur versucht mit den „Mythen“ um die Robbenjagd aufzuräumen, wonach es sich bei dem Hakapik um eine barbarische Waffe handle und die Robben lebendig gehäutet würden. Nach ihren Angaben werden 10 Prozent – auch aufgrund des Gedränges in dem das Schießen für die Jäger selber gefährlich wäre – erschlagen und 90 Prozent erschossen. Außerdem, so die Geschäftsführung, stellt der Robbenfang ein ökonomisches Standbein dar, mit dem sich die Fischer 35 Prozent ihres Einkommens sichern.

Kanadische Regierung auf Image-Tour

Die Diskussion ist über einen Streit zwischen der kanadischen Regierung und nicht-regierungsgebundenen Umweltorganisationen hinausgewachsen und hat die politischen Institutionen erreicht. Kanadas Regierung muss sich nicht mehr nur vor Tierschutzorganisationen rechtfertigen, sondern auch vor der EU-Kommission. Deshalb reist eine kanadische Delegation seit einer Woche durch Europa. Mit dabei sind der Premierminister des kanadischen Inuit-Territoriums Nunavut, Paul Okalik, und der kanadische Vertreter für die Erhaltung der Fischerbestände Loyola Sullivan. Aufgabe der Delegation ist es, die Haltung ihrer Regierung zu erläutern und somit das angekratzte Image Kanadas aufzupolieren, was dringend notwendig ist. Momentan nämlich diskutiert die EU-Kommission über ein Importverbot sämtlicher Robbenprodukte wie Fell, Öl und Fleisch.

Dem Beispiel der USA, der Niederlande und Belgien folgend, hatte Mitte Oktober 2007 auch der Bundestag einstimmig für ein Importverbot für Robbenprodukte gestimmt. Einen Monat zuvor hatte sich auch das Europaparlament für ein Handelsverbot ausgesprochen, die ungebundene EU-Kommission hat noch keinen Entwurf für eine entsprechende Verordnung vorgelegt. Eine Zustimmung könnte die Chance auf ein europaweites Einfuhr- und Handelsverbot von Robbenprodukten vergrößern. Zwar sind die europäischen Länder schon lange kein lukrativer Absatzmarkt mehr, doch sind Deutschland und Griechenland Standorte weiterverarbeitender Industrie für die Hauptabnehmer China und Russland.

Von der Diskussion ausgeschlossen und doch am meisten betroffen waren die Inuit, die Ureinwohner Kanadas. Der weggefallene Markt für Robbenpelze stürzte sie, zusammen mit anderen sozialen Faktoren, in eine tiefe Krise, für die Greenpeace häufig verantwortlich gemacht wird.

Die Geschäftsführung für Fischerei unterstreicht, dass 60 Prozent der kanadischen Bevölkerung die Robbenjagd befürwortet. Das Erlegen der Robben ist nicht weniger tierfreundlich als das Schlachten in europäischen Schlachthöfen, heißt es. Die kanadische Regierung steht seit je her grundsätzlich hinter dem Fang und prallt hier mit der europäischen Kritik aufeinander. Es sind die kulturellen Unterschiede und Empfindlichkeiten der Parteien, die dieser Diskussion zugrundeliegen. Während die einen als „blutrünstige Schlachter“ dargestellt werden, werden die anderen beschuldigt, mit zweierlei Maß zu messen. Ob eine Annäherung der Positionen erzielt werden kann, bleibt abzuwarten.



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