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Wahltag in Berlin


28.09.2005 (N. Spönemann) Kategorie: Politik

Bild: www.aac-berlin.de

Berlin hat mittlerweile ein Parlaments- und Regierungsviertel wie aus dem Bilderbuch. Da ist das alte Reichstagsgebäude mit der neuen Glaskuppel. Jeden Tag stehen die Besucher in einer langen Schlange, um von oben einen Blick auf die Stadt und in den Plenarsaal zu werfen. Großzügige Neubauten für die Abgeordnetenbüros und ein ebenso großzügiger Amtssitz für den Bundeskanzler sind entstanden.

Ganz in der Nähe wird gerade der Lehrter Bahnhof gebaut. Zur Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 soll er als neuer Berliner Hauptbahnhof zur Verfügung stehen.

Auf der Spree fahren die Ausflugsschiffe und die staunenden Touristen erfahren per Lautsprecher, was es links und rechts zu sehen gibt. Vor dem Reichstag ist eine riesengroße Wiese, auf der man bei schönem Wetter sitzen oder liegen kann. Das taten viele Einheimische und Besucher auch am 18. September 2005, als der Bundestag neu gewählt wurde.

Über der Säulenreihe des Reichstags steht: „Dem Deutschen Volke“. Dem deutschen Volke wurde am Wahlsonntag und am Tag danach internationale Aufmerksamkeit sondergleichen zuteil. Um den Reichstag und die Reichstagswiese waren unzählige Übertragungswagen postiert. Überall Satellitenschüsseln und Kabel. Die ARD hatte eine Hebebühne mit 60 Meter Ausfahrhöhe aufgestellt. Aus Großbritannien, Niederlande, Belgien, Frankreich, Polen und Japan waren Korrespondenten angerückt, aus der Türkei sogar ein großes Aufgebot. Die noch amtierende rot-grüne Bundesregierung will ja Verhandlungen mit der Türkei mit dem Ziel einer Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union, während von der CDU / CSU allenfalls eine „privilegierte Partnerschaft“ zu erwarten ist. CNN hatte sogar in der Stadt Plakate angeklebt mit der Botschaft: Da wird es Wichtiges zu berichten geben aus good old Germany, und wir sind selbstverständlich dabei.

Und dann lieferten die Wählerinnen und Wähler ein so unschlüssiges Ergebnis ab, nicht Fleisch und nicht Fisch. Auf einer Großleinwand der ARD wurde die Nachwahlrunde übertragen. Und was gab es da zu sehen: zwei Verlierer; einen Amtsinhaber, der wegen Flapsigkeit hätte vor die Tür gesetzt werden müssen, und eine Kandidatin, die aus der Wäsche guckte wie sieben Tage Regenwetter.

Da hatte der Bundeskanzler keine Zuversicht mehr gehabt, weiter zu regieren. Dann verliert er 4 % und die Koalition und die Zuversicht ist wieder da wie nie zuvor.

Das Wahlvolk macht es den gewählten Volksvertretern und den Parteien aber auch nicht leicht. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis erhielten SPD 34,3 %, CDU/CSU 35,2 %, Grüne 8,1 %, FDP 9,8 %, die neue Linkspartei 8,7 % und andere Parteien 3,9 Prozent der Wählerstimmen.

Zweierkoalitionen ergeben keine absolute Mehrheit, Dreierkoalitionen sind zu exotisch und der großen Koalition, die eigentlich niemand will, die nun aber unvermeidlich wird, steht die Empfindlichkeit darüber entgegen, wer das oberste Regierungsamt erhalten soll. Das primadonnenhafte Gehabe von Bundeskanzler Schröder ist das größte Hindernis auf dem Weg zu einer neuen Regierung. Erst sagte ihm sein kleiner Finger, dass er nicht mehr regieren könne; nun sagt er ihm, dass kein anderer als er es könne. Und wenn er schon das Amt abtreten muss, will er wenigstens den Triumph, dass seine Konkurrentin es auch nicht erhält.

Auch am Montag nach der Wahl waren die zahlreichen Übertragungswagen noch am Ort. Danach verlagerte sich das Geschehen auf den Friedrich-Ebert-Platz hinter dem Reichstag. Kamerateams warteten dort auf Politprominenz, die in den Räumen der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft Sondierungsgespräche führte.

Berlin ist eine sehenswerte Stadt und es ist immer etwas los. Am Wahltag fand gleichzeitig in Fußweite das Weltkindertagsfest statt. Am Sonntag nach der Wahl war Berlin-Marathon. Wenn Berlin auch noch Sitz einer handlungsfähigen Bundesregierung wird, wäre die Sache perfekt.



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