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Graffiti wird salonfähig


10.07.2008 (T. Kaiser) Kategorie: Lifestyle

Bild: de.wikipedia.org

Hektik, Lärm, wuselnden Menschen und Blechlawinen – das alles sind Begrifflichkeiten, die das Bild moderner Großstädte nachhaltig prägen. Seit einigen Jahren lassen sich knallbunte Bilder an Hauswänden, Bahnhöfen und U-Bahntunneln ebenfalls dazuzählen. Kryptische Zeichen und abstrakte Figuren, die einen farbenfrohen Kontrast zu ihrer oft tristen Umwelt bilden – bunt, schräg und auffällig. Die Rede ist von Graffiti.

Graffitis sind Ausdrucksmittel eines städtischen Lebensgefühls. Als fester Bestandteil der Hip-Hop-Kultur finden sie besonders bei Jugendlichen Anerkennung. Dennoch wird das Thema immer wieder kontrovers diskutiert. Während die eine Seite den künstlerischen Anspruch der Sprühkunst hervorhebt, empfindet die andere Seite die so genannten „Tags“ (Signaturkürzel) als Verunstaltung und puren Vandalismus.

Bestärkt werden die beiden Tendenzen durch die illegalen Nacht-und-Nebel-Aktionen einiger „Writer“, wie die Mitglieder der Szene genannt werden. Weder Züge noch Denkmäler sind sicher vor den nächtlichen Farbanschlägen der kreativen Art. Dabei sind die „Kunstwerke“ nicht immer als solche zu erkennen, was bei einem Großteil der Bevölkerung für Unverständnis sorgt.

Laut einer Studie der Universität Potsdam steht die mutwillige Verschandelung fremden Eigentums aber gar nicht im Vordergrund. Das Ausleben der eigenen Kreativität und die Selbstbestätigung im Wettkampf mit anderen Sprayern scheinen als Motivation zu dienen. Der Staat zeigt dafür jedoch wenig Verständnis. Zahlreiche erlassene Gesetze machen das „Sprayen“ zum Delikt und den „Writer“ zum Verbrecher. Eigens dafür ins Leben gerufene Sonderkommissionen treten den Straßenkünstlern mit voller polizeilicher Härte entgegen.

Doch Graffiti findet langsam seinen Weg aus der Nische weg vom Schmuddelimage hin zur Trendkunst. Graffiti-Künstler wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat haben in Kunstkreisen schon einen beachtlichen Status erlangt. Ab dem 23. Mai 2008 widmet eines der wichtigsten Museen der Welt, das „Tate Modern“ in London, der Straßenkunst eine eigene Ausstellung.

Maßgeblich am Aufschwung beteiligt ist ein Brite mit dem Künstlernamen Bansky. Durch gezielte Provokation trifft der Mann aus Bristol, über den sonst wenig bekannt ist, genau den Nerv der Zeit. So verarbeitet er in seiner Kunst höchst brisante Themen wie Rassismus oder die Folgen der Globalisierung. Mit erhobenem Zeigefinger weist er auf soziale und politische Missstände hin, was nicht nur in der Graffiti-Szene großen Anklang findet. Seine Werke werden mittlerweile auf dem Kunstmarkt in Millionenhöhe gehandelt. Das Hollywood-Traumpaar Angelina Jolie und Brad Pitt hat erst kürzlich einige Bansky-Arbeiten im Wert von mehr als einer Million Euro erstanden.

„Die Nachfrage nach Straßenkunst ist da, und die Preise reflektieren das“, erklärte James Sevier vom Londoner Auktionshaus Sotheby’s. Aufgrund des enormen Erfolges sind nun sogar Museen auf die ehemals verpönte Kunst aufmerksam geworden. „Street-Art ist momentan extrem angesagt, wir verkaufen alles, sofort“, sagte der Kunstexperte Remi Kabaka von der Londoner Galerie „Laz.inc“, die bekannte Künstler wie Banksy vertritt.

Allerdings äußerte Remi Kabaka auch seine Zweifel an der Haltbarkeit des Interesses: „Es gibt in der Kunst immer wieder Wellen. Wer weiß, wie lange sich diese hält.“ Da sich für viele „Sprayer“ der Kunstbegriff durch Nicht-Kommerzialisierung und Illegalität definiert, dürfte die Enttäuschung darüber in der Szene selbst nicht allzu groß ausfallen.



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