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Die Spraydose Ihres Vertrauens


14.07.2008 (E. Nitzsche) Kategorie: Wissenschaft

Schweizer Forscher haben die Wirkung des körpereigenen Hormons Oxytocin untersucht und ein Nasenspray aus dem Hirnboten hergestellt. Ihre erschreckenden Ergebnisse haben sie in der Zeitschrift „Neuron“ veröffentlicht. Wird bald selbst unsere Intuition durch Chemie überlistet?

In Zürich haben der Neuroökonom Ernst Fehr, der Psychologe Markus Heinrichs und der Neurowissenschaftler Thomas Baumgartner eine erstaunliche Entdeckung zur Wirkungsweise des Oxytocins gemacht. Der besagte Hirnbotenstoff wird von der Hypophyse ausgeschüttet und spielt bei zwischenmenschlichen Beziehungen eine wichtige Rolle. Dadurch erhielt das Hormon Spitznamen wie „Kuschelchemikalie“ und „Liebeshormon“. So löst es unter anderem die Beschützer-Instinkte der Mutter nach der Geburt ihres Kindes aus, da es während der Geburt vermehrt ausgeschüttet wird. Zusätzlich kommt es zur erhöhten Produktion des Hormons, wenn das Baby an der Brust saugt. Die engere Bindung, welche die Mutter also zu dem Kind hat, ist durch Oxytocin zu erklären.

Erstaunlicherweise hat das Hormon eine geringere Aktivität bei Menschen, die in Kindertagen wenig Zuneigung durch ihre Eltern erfahren haben. Das fand der Psychologe Seth Pollack von der Universität in Wisconsin (USA) heraus. Früher „Liebesmangel“ hat somit Einfluss auf die spätere Bindungsfähigkeit. Dadurch könnte das unverständliche Verhalten von „Rabenmüttern“ erklärt werden, die ihre Kinder verwahrlosen lassen.

Oxytocin wird jedoch auch beim Geschlechtsverkehr ausgeschüttet. Dessen Freisetzung scheint der Grund dafür zu sein, dass der Beischlaf auch während der unfruchtbaren Zeit vollzogen wird. Ein Trick der Natur, denn die Eltern sollen sich aneinander gebunden fühlen und den Nachwuchs zusammen großziehen, so dass eine höhere Sicherheit für das Kind herrscht.

Dass das Hormon selbst Vertrauensbruch revidieren kann, konnten Ernst Fehr und sein Team herausfinden. Sie ließen Versuchspersonen an einem „Spiel“ teilnehmen, bei welchem sie beliebig viel Geld der „Bank“ zukommen lassen sollten. Wählten die Probanden die Hälfte ihres Geldes, so verdreifachte sich der Gewinn der Bank. Jedoch konnte sie den Gewinn willkürlich zurückverteilen. Wurde eine Testperson unfair behandelt, so spürte sie nach Einnahme des Oxytocin-Nasensprays keine Antipathien mehr gegen den „Betrüger“.

Durch den Konsum des Sprays gelangt das Hormon über die Schleimhäute direkt in das Gehirn, wo es Vorgänge im dorsalen Kern der Caudatus-Struktur, im Amygdala (zuständig für Gefühlsverarbeitung) und in Regionen des Zwischenhirns hemmt. Dieses Muster weist darauf hin, dass Oxytocin die Gehirnstrukturen hemmt, welche für Angstverarbeitung oder Verhaltensanpassungen nach einem negativen Erlebnis zuständig sind. Folglich misstrauten die Probanden nach dem Konsum der Bank nicht mehr – trotz eigentlichem Vertrauensbruch.

Das wirft die Frage auf, ob bald Menschen für jegliche Zwecke durch das Hormon gefügig gemacht werden können. Doch dieses Szenario hält Markus Heinrichs für utopisch: „Es macht Menschen ja nicht willenlos.“ Abgesehen davon, müssten Unmengen des Sprays direkt in die Nase gesprüht werden, um einen solchen Effekt zu erzielen, so der Psychologe.

Doch diese Begründung allein sollte nicht zur Beruhigung reichen. Besonders in Anbetracht dessen, wenn im Internet Gerüchte kursieren, nach welchen Soldaten in Afghanistan das Hormon verabreicht wurde. Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich die Industriezweige und Regierungen dafür interessieren.

Chancen bietet das Spray für Menschen mit Bindungsstörungen. Es nimmt ihnen die Nervosität. Ein Mangel des Hormons sei unter anderem Ursache für Ängste bei Sozialphobikern, erklärt Thomas Baumgartner. Untersucht wird noch, ob das Nasenspray auch Autisten sowie Menschen mit Schizophrenie und Borderline-Syndrom hilft.

Ein großer Vorteil des Hormons ist, dass es keine Nebenwirkungen hat. Der Konsument kann es also unbedenklich verwenden. So wird es zum Beispiel Schwangeren gegeben, um die Geburt einzuleiten.

Ist die Erfindung des Oxytocin-Nasensprays nun Gottes Werk oder Teufels Beitrag? Wie immer bleibt abzuwarten, welche Seite der Medaille überwiegen wird und was der Mensch daraus macht.



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