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Ein graugelber Schleier liegt über Huangmengying. Der von Industrieabwässern tiefschwarz gefärbte Shanying-Fluss, den alle im Dorf „Krebsstraße“ nennen, sprudelt schäumend vor sich hin. 1,2 Millionen Tonnen Abwässer und andere Schadstoffe werden jährlich in das Gewässer hineingeleitet. Täglich atmen die Einwohner so viel schlechte Luft ein, als würden sie zwei Schachteln Zigaretten rauchen. Krebserkrankungen sind hier nichts Ungewöhnliches. Zudem ist Huangmengying kein Einzelfall. Überall in China ist die Umweltsituation ähnlich. Nach Angaben einer Studie der Weltbank sterben hier jährlich 460.000 Menschen vorzeitig an den Folgen der Umweltverschmutzung. Die Treibhausgas-Emissionen sind besorgniserregend. Das rücksichtslose Wirtschaftswachstum fordert immer mehr Opfer.
Eine Befragung der „National Geographic Society“ und des Meinungsforschungsinstituts „GlobeScan“ ergab jetzt jedoch überraschenderweise, dass China weltweit eines der umweltfreundlichsten Länder ist. Der erstellte „Greendex 2008“ zeigt, dass nur die Brasilianer und die Inder noch umweltbewusster sind. Die Ergebnisse der Studie sind dabei sehr sorgsam zu betrachten. Untersucht wurde nur das Konsumbewusstsein der Menschen.
Die untersuchte Umweltfreundlichkeit ergibt sich jedoch nicht aus einem Umweltbewusstsein, sondern aus der finanziellen Not der Chinesen. Die geringen Gehälter zwingen die Menschen, an allen Stellen zu sparen. In Schwellenländern wie China gibt es kaum elektrische Geräte und in Plastik verpackte Lebensmittel. Die unverpackten Waren auf den Märkten sind schlichtweg billiger. Recycling und alternative Energiequellen wie Solarenergie sind nur deshalb interessant, weil sie sich finanziell für die Menschen lohnen. Viele Chinesen fahren auch nur mit dem Fahrrad, weil sie sich kein Auto leisten können und nicht, um die Umwelt zu schonen.
Der Preis spielt hier überall die entscheidende Rolle. Ein weiterer Grund ist der, dass die vielen ländlich geprägten Regionen die stark umweltverschmutzenden Regionen bei großangelegten Umfragen und Studien kompensieren. Viele Berichte betrachten nur die Durchschnittswerte und keine Extremwerte. Nur so ist ein solches Ergebnis zu erklären. Wirtschaftexperten sind sich einig, dass die gemessene Umweltfreundlichkeit mit der Zunahme der Mittelschicht rapide sinken wird.
Das Thema Umweltschutz hat seit der verstärkten Klimaschutzdiskussion stark an Interesse in der Öffentlichkeit gewonnen. Generell ist festzustellen, dass das Umweltbewusstsein der meisten Chinesen nur recht gering ausgeprägt ist. Das liegt zum Teil daran, dass die Menschen in China nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu ausgewählten Daten bezüglich der Umweltsituation haben. China hat weltweit die meisten Umweltgesetze. Sie werden jedoch nicht konsequent umgesetzt. Umweltsünder kommen in der Regel ungeschoren davon.
Einige Chinesen sind jedoch über ihre Gesundheit besorgt und fordern die Umweltschutzbehörden in Protesten zu vermehrtem Handeln auf. Im Oktober 2007 war Umweltpolitik daher ein Schwerpunkt beim Parteitag der Kommunistischen Partei. Präsident Hu Jinatao versprach: „Wir werden ein System errichten, das zum Energiesparen verpflichtet.“
Die Chinesische Umweltbehörde SEPA rechnet zur Umsetzung mit einem Kostenaufwand in Höhe von etwa 10 Prozent des Bruttosozialproduktes. Die Chinesische Regierung hat eingesehen, dass sie etwas ändern muss, um die Lebensgrundlage für etwa 1,3 Milliarden Menschen zu erhalten. Angestrebt wird eine kontinuierliche Verbesserung der Umweltsituation. Westliche Umweltstandards bestehen momentan fast nur in den Touristengegenden. Das soll sich ändern.
Weiterhin sind bessere Kontrollmechanismen und die Verbesserung der Wasserqualität geplant. Große Hoffnungen werden auch in erneuerbare Energien gesetzt. Außerdem könnte der wachsende Umweltmarkt große Chancen für ausländische Unternehmen bieten. Von deren langjährigen Erfahrungen im Umweltsektor könnte China nur profitieren. Ferner sollen Umweltbehörden künftig konsequenter auf die Umsetzung der etwa 375 Umweltgesetze achten und Vergehen sofort ahnden. Die konkrete Umsetzung und die zukünftigen Erfolge bleiben jetzt jedoch noch fraglich.
Bis dahin wird noch eine Menge Wasser den Shanying-Fluss hinabfließen und unzählige Menschen töten. Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Jeder nimmt die Farbe seiner Umwelt an.“ Diese ist in China weitestgehend gelb und grau.
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