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Reif für die Couch?


11.09.2008 (J. Lieberwirth) Kategorie: Gesundheit

Heutzutage noch skeptisch zu reagieren, wenn das Wort „Psychotherapeut“ fällt, scheint unangebracht. Der Mensch des 21. Jahrhunderts begegnet dem Thema wesentlich aufgeschlossener. Durch die verschiedenen Stressfaktoren, die einen psychisch völlig stabilen Menschen im Alltag treffen können, entwickelt sich Psychotherapie zu einem Dauerthema unserer Gesellschaft. Multitasking sowie die Vereinbarung von Familie und Beruf können schwer zusetzen, wenn nicht schnell genug die Notbremse gezogen wird. Wenn selbst die Familie und Freunde nicht mehr helfen können das psychische Gleichgewicht wieder zu finden, ist für viele der Gang zum Therapeuten der letzte Ausweg aus dem Dilemma. Für Betroffene stellt sich vorab jedoch die Frage, wann und warum ein solcher Arztbesuch überhaupt notwendig wird und was dort eigentlich passiert.

Zunächst einmal gehen sehr viele Menschen zu einem Psychotherapeuten. Das belegen nicht sowohl die ausgebuchten Terminkalender der Praxen als auch aktuelle Studien. Laut dem Gesundheitsreport der Techniker-Krankenkasse aus dem Jahr 2008 ist jeder fünfte Erwerbstätige psychisch krank. Das Fatale an selbst „leichten“ psychischen Krankheiten, wie andauernde Müdigkeit oder Konzentrationsschwächen, ist, dass die Betroffenen ihren Zustand kaum oder erst sehr spät als ernsthafte Krankheit wahrnehmen. Viele müssen erst von Freunden oder Bekannten auf ihr gegebenenfalls zu stressreiches Leben hingewiesen werden. Im schlimmsten Fall macht der Körper die Überlastung nicht mit. Anhaltende Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen können die Folge sein.

Einige Menschen kennen ihre Psyche und ihren Körper allerdings und wissen recht gut, wann der Stress zuviel wird. Doch allein mit dem Wissen, dass etwas nicht stimmt, geht niemand automatisch zu einem Psychotherapeuten. Woran also erkennt ein Betroffener selbst, dass professionelle Hilfe nötig ist? Panikattacken, Hypochondrie, Ticks und Zwangsneurosen gehören zu den bekanntesten Ausprägungen der Stresssymptomatik und werden normalerweise schnell erkannt. Andere psychische Krankheiten wie Schizophrenie oder das Border-Line-Syndrom können selbst dem nahen Umfeld verborgen bleiben. „Man kann mit der größten Persönlichkeitsstörung völlig unauffällig durchs Leben gehen“, so Gottfried Fischer, Direktor des Instituts für klinische Psychologie und Psychotherapie in Köln.

Heftige oder öfter auftretende Stimmungsschwankungen, Leistungsabfall, Konzentrationsschwierigkeiten oder auch anhaltende körperliche Beschwerden sollten nicht unterschätzt werden. Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen oder dem so genannten „Burnout-Syndrom“. Der Gang zum Hausarzt allein hilft allerdings nicht jedem. Laut Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Verhaltenstherapie in München, verschreiben Hausärzte gerne Beruhigungs- oder Schlafmittel, die jedoch nicht der Ursache der Symptome auf den Grund gehen. Wenn der Grund für die Krankheit tiefergehende Wurzeln hat, sollte besser ein Profi Hilfestellung geben.

Einen Psychotherapeuten zu finden ist allerdings nicht so einfach, denn über fehlende Patienten können sich die Ärzte kaum beklagen. Dass ein sofortiger Termin gefunden wird, ist laut Niedermeier eher selten der Fall. Psychotherapeutische Beratungsstellen und die kassenärztlichen Vereinigungen helfen bei der Informationsbeschaffung über Therapeuten in der Stadt oder Region. Betroffenenorganisationen, wie „Das Bündnis gegen Depressionen“ helfen ebenfalls bei der Suche nach einem geeigneten Arzt. Den Weg zur Praxis selbst muss der Patient ebenfalls nicht alleine gehen. Partner, Eltern oder gegebenenfalls auch ein guter Freund können mitgebracht werden, solange ihre Anwesenheit für die Therapie hilfreich, beziehungsweise unterstützend ist.

In den ersten Sitzungen geht es vor allem darum, dass der Therapeut und der Patient sich kennen lernen. Daraus soll sich nicht unbedingt eine Art freundschaftliche Beziehung entwickeln. „Es geht um eine gemeinsame Basis, es muss nicht heißen, dass man sich super sympathisch findet“, so Gottfried Fischer. Ob es sich um einen langen oder kurzen Prozess handelt, hängt selbstverständlich vom Patienten und seiner Vorgeschichte ab. Manche Probleme liegen klar auf der Hand, dafür genügen laut Nico Niedermeier ein paar Sitzungstermine. Wenn das Problem tiefer liegt, erscheint eine längere Therapiephase sinnvoll. Laut Gottfried Fischer sollte der Patient nach spätestens einem Jahr besser mit seinem Leben zurechtkommen. Die ersten Verbesserungen machen sich im Normalfall schon nach zehn Sitzungen bemerkbar.

Der Erfolg einer Psychotherapie hängt jedoch nicht nur vom Therapeuten ab. Es ist vor allem unerlässlich, dass der Patient eine hohe Bereitschaft mitbringt, sich selbst und notwendigerweise auch seinen Lebensstil zu verändern. Psychotherapeuten geben Ratschläge und Handlungsvorschläge für den Alltag, die logischerweise auch Anwendung finden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten. Deshalb ergibt es auch keinen Sinn sich zu einer Therapie „zwingen“ zu lassen. Die ersten, so genannten probatorischen Sitzungen, sind kostenfrei. Erst danach kann bei den gesetzlichen Krankenkassen eine Übernahme der weiteren Therapiekosten beantragt werden. Ob die Kosten der Therapie übernommen werden, richtet sich danach, ob tatsächlich eine psychische Störung nachgewiesen werden kann. Die Kosten für die sehr individuell gestaltete Gesprächstherapie werden bisher noch nicht übernommen.

Seit der Einführung des Psychotherapeutengesetzes am 1. Mai 1999 ist die Ausbildung eines Therapeuten offiziell geregelt. Betroffene brauchen somit nicht mehr zu befürchten, dass sie von einem unqualifizierten „Seelenklempner“ behandelt werden. Für weitergehende Informationen stellt der Psychotherapie-Informations-Dienst (PID) unter der 0228-746699 einen Telefonservice und auf www.psychotherapiesuche.de eine Online-Beratung zur Verfügung. Beides ist kostenlos.

Lesen Sie zum Thema „Stress“ und „Burn-Out-Syndrom“ auch folgende Artikel auf Life-Go:
-Stressfrei durch den Alltag
-Hilferufe des Körpers - Wie Stress uns krank macht
-Burn-Out: Arbeit – Stress – Erschöpfung
Hier finden Sie Links zu anderen hilfreichen Internetseiten:
-www.therapie.de
-www.psychotherapiesuche.de



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