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Es waren damals die ersten Frühlingstage des Jahres gewesen. Schade nur, dass auf dem Schwarz-Weiß-Foto weder der strahlend blaue Himmel noch die gelben Krokusse oder Raquels leuchtend roter Rock auszumachen waren. Lewin beugte sich dichter über die Fotografie. Seine Augen waren auch nicht mehr das, was sie mal gewesen waren. Er kniff sie zusammen und entdeckte einen Fleck auf Raquels Wangen. Verblüfft starrte er auf den Fleck im Gesicht des Mädchens. Wie hatte er das nur vergessen können?
Er war damals der Einzige gewesen, den sie in ihr Geheimnis eingeweiht hatte und wie oft hatte er es bereut. Sie hatte dieses Muttermal gehasst, genau in der Mitte der linken Wange – eigentlich ihre Schokoladenseite, wie sie stets anderen Jungen gegenüber betont hatte. Wie sie dieses Gefühl bei ihm erweckt hatte, wusste er heute noch nicht. Aber er spürte immer wieder den beschleunigten Schlag seines Herzens, wenn er daran dachte, wie er sich plötzlich und unentrinnbar in einer Falle geglaubt hatte, sobald er es wagte das Muttermal anzusehen. Ihre Pupillen hatten sich dann immer verengt und ihre grünen Augen fixierten seine, nicht gerade zierliche, Nase. Lewin war es dann, als ob er noch etwas sagen wollte, aber vor Erregung nicht sprechen konnte. Das ärgerte ihn, nie in seinem Leben hatte er sich wieder auf solch besondere, wortlose Art geärgert, wie bei Raquel.
Wieder verschwamm das Bild vor seinen Augen. Zornig rieb er sich die Stirn. Die Vergangenheit schmerzte umso mehr, je schöner sie gewesen war. Die Zeit mit Raquel war die schönste seines Lebens gewesen. Plötzlich fiel ihm wieder ein, warum er ihr Muttermal hatte vergessen können. Sie hatte es so sehr gehasst, dass sie ohne Puderdose nie aus dem Haus gegangen war. Damals im Frühling hatte er es wahrscheinlich zum letzten Mal gesehen.
Von Trauer übermannt stand er vom Sessel auf, zog sich, vorsichtig nach ihrem Foto fühlend, seine Jacke an und ging spazieren. Als der Polizeibeamte am Morgen an seiner Tür geklingelt hatte, war er zu verwirrt gewesen um vernünftig nachzudenken. Fotos, er wollte Fotos. Seltsam. Erst hier im Wald gelang es ihm die Ereignisse des Tages zu realisieren. Die würzige, frische Luft wirkte von jeher befreiend auf ihn. Lewin blieb stehen und betrachtete die gefällten und kahl geschorenen Bäume. Die nackten Stämme blieben im Wald liegen, bis sie getrocknet waren. Später wurden sie dann mit den Pferdegespannen abgeschleppt. Dieses Stück Normalität tat ihm gut. Es wurde schnell dunkel und mit der Dunkelheit kam ein leichter kühler Wind. Er ging schneller.
Der Polizeibeamte hatte Fotos von Raquel gewollt, egal in welchem Zustand und in welchem Alter. Anfangs war er völlig überfordert gewesen und hatte den Namen gar nicht einzuordnen gewusst. Viel zu lange war alles her gewesen. Nachdem er sie endlich gefunden hatte, war er noch verwirrter gewesen und hatte die Fotos auf dem Fußboden verstreut. Zum ersten Mal fragte er: „Warum?“. Lewin hatte nicht gewusst, dass Raquel berühmt geworden war. Nachdem sie mit ihren Eltern nach Norwegen hatte gehen müssen, hatten sie sich aus den Augen verloren. Doch Raquel hatte gemalt, Theaterstücke inszeniert, geschauspielert.
Lewin hatte verstört auf dem Küchenstuhl gesessen und gedankenverloren zugehört – seine Raquel war eine Künstlerin. Er schmunzelte. Für ihn war ihre größte Kunst immer der Zauber der Puderdose und des verschwundenen Muttermals gewesen. Der Polizist hatte weiter geredet, Raquel sei vor wenigen Wochen verstorben und ihre Familie wolle ihr eine Ausstellung widmen. Man hatte in Raquels Nachtschrank sehr alte Briefe mit seiner Adresse gefunden und die deutsche Polizei beauftragt ihn zu finden um alte Fotos zur Verfügung zu stellen und ihn über das Leben ihrer Jugend erzählen zu lassen.
Während er den Vormittag Revue passieren ließ, musste er lächeln. Sie hatte also seine Briefe bekommen und über Jahrzehnte hinweg aufgehoben – im Nachttisch. Dass sie ihm nie geantwortet hatte, war ihm jetzt nicht mehr so wichtig. Gerührt und bereitwillig hatte er dem Polizisten Auskunft gegeben. Der Schalk, der ihr ständig in den Augen saß, der zuckende Mundwinkel, wenn sie sich über ihn amüsierte... Nur... Nur die Sache mit der Puderdose verschwieg er. Er wusste selbst nicht warum.
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