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Es war fünf Uhr früh, eiskalt und dunkel, aber trotzdem saß ich bereits in der Küche. Ich war noch total müde. Dies war wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich weder die Heizung noch das Licht angeschaltet hatte und lediglich die Straßenlaterne das Zimmer beleuchtete. Hier war es still und nur das Abstellen meiner Kaffeetasse verursachte ab und zu leise Geräusche. Der Kaffee war bereits kalt, aber ich wollte nicht aufstehen, ihn wegschütten oder einen neuen aufbrühen. Mein Gefühl sagte mir, dass ich noch mindestens zehn Minuten sitzen bleiben konnte. Nur noch zehn Minuten, dann würde ich aufstehen und mich langsam zur Universität begeben.
Der Weg bis zur Universität war nicht lang und umfasste lediglich drei Häuserblocks. Ich beeilte mich deshalb auch nicht sehr, denn ich wusste, dass selbst eine Schnecke rechtzeitig ankommen würde. Noch etwas müde lief ich die Straße entlang und zählte die Menschen, die mir entgegenkamen. Jetzt ließen sie sich noch sehr gut zählen, denn es waren nur wenige zu Fuß unterwegs. In einigen Stunden dagegen würde es hier nur so von Leuten wimmeln. Wie Ameisen würden sie sich ihre Wege zum gewünschten Ziel suchen.
Mein heutiges Ziel war mir bereits klar. Ich wollte schnell die eine Vorlesung besuchen und dann meine Belegarbeit beginnen. Ich hatte sie schon seit einiger Zeit vor mir hergeschoben. Doch heute würde ich damit anfangen. Bereits gestern hatte ich dafür Stifte und Papier auf meinen Schreibtisch gelegt, damit ich es auch nicht vergessen konnte. Gerne gebe ich zu, dass ich mir für einen Freitag bessere Aussichten gewünscht hätte. So wäre ich gerne mit einigen Freunden in eine Bar gegangen oder hätte mich fürs Kino verabredet. Allerdings ging die Arbeit vor. Es darf nur nichts mehr dazwischen kommen. Nichts! Aber es sollte anders kommen.
Es waren nur noch zwei Schritte bis zur Tür des Vorlesungsraumes und ich wäre auch ohne Probleme reingekommen. Hätte mich da nicht ein roter Zettel abgelenkt. Er hing direkt an der Tür und verwies auf eine Anzeige. Es ist nicht so, dass ich mir alles durchlesen würde, was an einer Tür steht, vor allem weil ich gerade keine Zeit dafür hatte. Dennoch war das Rot so dominant, dass ich es einfach lesen musste. Die Anzeige bestand lediglich aus einem Satz sowie einer Orts- und Zeitangabe. Sie lautete wie folgt: „Ich suche dich!“ Ein Satz mit großer Bedeutung, wie ich fand, denn schließlich ließ er einige Fragen und Vermutungen offen. Wer suchte wen? Warum wurde jemand gesucht? Was wollte er oder sie? Vielleicht hatte sich jemand einen Scherz erlaubt oder es handelte sich nur um eine Partyanzeige, wie es oft der Fall war. Dennoch beschäftigte mich dieser Satz.
Die Vorlesung war damit gelaufen, denn ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Völlig gebannt starrte ich auf den roten Zettel, der nun auf meinem Tisch lag und mich verspottete. Könnte mich jemand gesucht haben? Wer könnte mich suchen? Fragen über Fragen drehten sich in meinem Kopf und ließen mir keine Ruhe. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein einfacher Satz so faszinieren könnte. Dennoch tat er es. Ich muss nun auch erklären, dass ich, bevor ich diesen Zettel von der Tür getrennt hatte, einen Gang durchs Universitätsgebäude gemacht hatte. Ich wollte wissen, wie viele dieser roten Zettel existierten. Die Antwort darauf war ebenso verblüffend wie erschreckend, denn es gab nur einen Zettel im ganzen Gebäude – meinen Zettel.
Zu meinem großen Glück war meine Spannung nur von kurzer Dauer, denn schon bald sollte sich das Geheimnis des Zettels lüften. Eine Orts- und Zeitangabe verriet mir, dass der Verfasser des Satzes sich noch am heutigen Tag mit dem „Gesuchten“ treffen wollte. Neugier ist wohl das falsche Wort, um zu beschreiben, was ich empfand. Ich war hypnotisiert und völlig eingenommen von diesem Zettelgeheimnis. Es war so ähnlich wie beim Lesen eines Kriminalromans, in dem ich Detektiv spielen darf und den Mörder schon riechen kann. Gespannt sah ich auf meine Uhr und stellte fest, dass ich noch eine Stunde Zeit zur Verfügung hatte. In dieser Zeit hätte ich so einiges machen können, dennoch begab ich mich zum Ort des Treffens, ein Buchladen in der Nähe des Universitätsgeländes. Dort wartete ich und zählte erneut die Leute, welche rein und raus gingen.
Endlich war es so weit und der Zeitpunkt des Treffens war gekommen. Zu meinem Bedauern hatte meine intensive Beobachtung der Buchladenbesucher nichts ergeben. Niemand sah in irgendeiner Weise verdächtig aus und selbst das Personal wirkte völlig normal. Trotzdem betrat ich mit schweißnassen Händen das Geschäft. Langsam und mit kleinen Schritten bewegte ich mich fort, denn ich wollte alles sehen und nicht auffallen. Sorgfältig begutachtete ich jede Ecke des Geschäftes und da sah ich es. Ein roter Zettel leuchtete an einem Bücherregal.
Vorsichtig näherte ich mich dem Regal und beugte mich zum Zettel herunter. Auf ihm stand geschrieben: „Du hast mich gefunden!“ Etwas verwundert hob ich den Zettel hoch und war sofort begeistert. Jetzt begriff ich, was vorgefallen war und wer wen suchte. Meine Suche hatte ein Ende, denn hinter dem Zettel saß ein kleiner Stofflöwe. Es war mein Stofflöwe. Ich hatte ihn vor einigen Tagen bei einer Prüfung verloren. Und da war er wieder, mein Glücksbringer bei mir und ich bei ihm. Überglücklich schloss ich ihn sogleich in meine Hand. Ich wusste, dass der Finder des Löwen mein Retter war, denn ich hätte ohne meinen Glücksbringer keine erfolgreiche Belegarbeit schreiben können. Immerhin verhilft Wissen nicht alleine zum Erfolg, auch Glück trägt dazu bei. Mein Glück hatte ich in Form meines Stofflöwen zurück. Wir hatten uns gesucht und gefunden. Wer ihn jedoch entdeckt hatte, blieb ein Geheimnis, das ich einfach dem Schicksal zuschrieb.
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