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Dramatischer Bevölkerungsschwund: Wohin entwickelt sich Europa?


23.12.2008 (C. Schaper) Kategorie: Europa

Bild: www.pixelio.de

Bisher waren die Bevölkerungszahlen nur in einzelnen Ländern rückläufig. Nun scheint sich dies jedoch zu einem europaweiten Problem zu entwickeln. Die Geburtenraten waren in der Vergangenheit vor allem in Deutschland, Italien und der Ukraine besonders niedrig. Doch scheint sich der Trend auch vor allem in den Balkanländern und Osteuropa durchzusetzen: Menschen mit einem höheren Schulabschluss wandern in den Westen aus und diejenigen, die zurückbleiben, bekommen wenig Nachwuchs.

Das kann dramatische Konsequenzen nach sich ziehen. So werden besonders abwanderungsgeschwächte Regionen auch wirtschaftlich immer weiter abgehängt. Die Arbeitslosigkeit steigt, weil Fachkräfte fehlen. Dadurch investieren Konzerne weniger in bevölkerungsschwache Regionen und die Steuereinnahmen sinken. Die Finanzhaushalte solcher Gegenden leiden unter dieser Entwicklung und geben kaum noch Raum für Gegenmaßnahmen. Es scheint wie eine unaufhaltsame Kettenreaktion.

Dabei hat Europa an vielen Orten Lösungen für die genannten Probleme parat. So sind besonders die Bildungspolitik in Finnland, die Familienpolitik Frankreichs und die Altersbeschäftigungsstrategien der Schweiz hervorzuheben. Aus ihnen lassen sich durchaus Lösungen hervorbringen. Die Geburtenrate in Frankreich liegt im Schnitt über zwei Kindern pro Frau, was eine stabile Bevölkerungszahl bedeutet. Dies wird unter anderem auch durch eine gezielte Förderung im Bereich der Kinderbetreuung und durch eine finanzielle Entlastung von Familien unterstützt. Aufgrund des Beispiels wurde ebenfalls gezeigt, dass die Geburtenzahl in Ländern mit vielen erwerbstätigen Frauen nicht zwingend rückläufig sein muss, wie lange Zeit angenommen wurde. Eine gezielte Förderung und Entlastung kann sogar bedeuten, dass mehr Kinder geboren werden.

Ebenso wichtig ist die Bildungspolitik. Als gutes Beispiel dienen hier die skandinavischen Länder. Dort ist das Studium kostenlos und den Studenten wird mit finanziellen Entlastungen ein selbstständiges Leben schmackhaft gemacht. Die Strategie scheint sich auch auf das spätere Leben auszuwirken, denn in Ländern wie Deutschland oder Italien, in denen solch eine Unterstützung fehlt, ist auch die Geburtenrate unter den jüngeren Menschen geringer als in Ländern mit derartiger Unterstützung. In Skandinavien sind die Geburtenraten nämlich im Vergleich zum restlichen Europa ebenfalls sehr hoch. Je eher die Menschen demnach selbstständig ihr Leben gestalten, desto sicherer fühlen sie sich und können sich Gedanken um Familiengründung machen.

In Skandinavien werden knapp neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung ausgegeben, in Deutschland sind es hingegen nur knapp fünf Prozent. An den Ergebnissen der PISA-Studie, die an Grund- und auch an weiterbildenden Schulen durchgeführt wird, wird zum Beispiel ersichtlich, wie wichtig eine frühe Förderung in den Bereichen Bildung und Kinderbetreuung ist. Im PISA-Test werden den Schülern Testaufgaben gestellt, die sie altersgemäß beantworten können müssten.

Doch selbst diese Förderungen wären nur Anfänge. Denn allein mit diesen beiden Bereichen ist noch kein Bevölkerungswachstum gesichert. Es müssen ebenso diejenigen Milieus gezielt gefördert werden, die leicht aus den Augen verloren werden. Das wäre zum Beispiel die große Masse der Familien, in denen die Eltern, deren Kinder und Kindeskinder erwerbslos sind, sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Leben ohne Perspektiven führt häufig zu Resignation. In beiden Randgruppen scheint ein Leben im selben Milieu wie dem der Eltern unausweichlich. Armut bedeutet hier geringe Chancen auf Bildung. Kindern aus ärmeren Familien wird häufig keine Perspektive gegeben, einen hohen Bildungsabschluss zu erlangen. Es scheint ein Teufelskreis zu sein der unmöglich zu durchbrechen ist. Genannte Gruppen bleiben zurück, während die Gebildeten in reichere Regionen auswandern.

Genauso wichtig wie Investitionen in das Bildungssystem und die Kinderbetreuung sind somit die sozialen Investitionen. Gegenden und Milieus mit sozialen Brennpunkten sollten nicht aufgegeben werden, sondern Perspektiven erhalten, wie zum Beispiel in Form von Sprachschulen für Migranten und Einrichtungen für Kinder. Wenn die Wurzeln eines Lebens in Armut nicht entfernt werden, ist die Zukunft der Kinder aus solchen Gegenden nicht gesichert. Auch wenn solche Investitionen erst einige Jahre später ihre Wirkung zeigen, muss jetzt damit angefangen werden der Entwicklung entgegenzuwirken. Sonst verlieren die Gebiete noch weiter den Anschluss.

Die Europäische Union wurde gegründet, um einen zerrütteten ehemaligen Kriegsschauplatz aus Einzelstaaten in einen vereinten Kontinent des Wohlstands zu formen. Wenn sich die Union und das restliche Europa an diesen Grundgedanken halten und die Länder zusammenarbeiten, können Lösungen für die Probleme gefunden werden. Sie liegen nicht am Straßenrand, aber sie sind überall in Europa zu finden. Wenn die grundlegenden Probleme beseitigt werden, dann kann auch der Wohlstand steigen und das, worauf er ursprünglich einmal beruhte – das solide Bevölkerungswachstum.



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