|
Auf der Bologna-Konferenz im Jahr 1999 entschloss sich Deutschland, neben den übrigen europäischen Ländern, zu eine der größten Hochschulreformen Europas. Bis 2010 sollen alle Hochschulen auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt werden um das Studium internationaler, kürzer und vor allem praxisnah zu gestalten. Mit dieser Entscheidung wollten die Bildungspolitiker besonders dem typisch deutschen Studentenbild entgegenwirken. Studierende beenden teilweise erst kurz vor ihrem 30. Lebensjahr ihr Studium und treten ohne Berufserfahrung ins Arbeitsleben.
Mittlerweile haben schon so gut wie alle Hochschulen in Deutschland die ehemaligen Magister- und Diplomstudiengänge auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt. Typisch für jeden zukünftigen „Bachelor“ ist eine obligatorische, zumeist dreimonatige Praxisphase, die den Absolventen schließlich den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll. Die Praktika sollen unerlässlicher Teil des Studiums und ähnlich wie schon seit jeher an Fachhochschulen üblich in das Studium integriert sein. Leider zeigt die Hochschulpraxis momentan, dass Bachelorstudenten noch weniger als früher die Möglichkeit haben während ihres Studiums ein Praktikum zu absolvieren.
Grund hierfür ist vor allem, dass mit der Kürzung der Studienzeit keine Kürzung des theoretischen Stoffes einhergeht. An vielen Hochschulen werden die Inhalte heute in sechs Semestern anstelle von den früher üblichen neun Semestern gelehrt. Da bleibt neben dem Studium teilweise noch nicht einmal Zeit für Nebenjobs oder gar Werkstudentenarbeit. Die Europäische Kommission gibt auf ihrer Internetpräsenz an, dass ein Vollzeitstudium an Zeitaufwand mittlerweile einem Vollzeitjob gleicht. Das heißt im Klartext: 1.500 bis 1.800 Stunden verbringt ein Student pro Jahr mit seinem Studium. Das entspricht einem 40-Stunden-Job.
Da Klausuren und Hausarbeiten in der vorlesungsfreien Zeit geschrieben werden müssen, bleibt den Studenten nicht mal in ihren „Semesterferien“ der nötige Spielraum um ein mittlerweile fast überall gewünschtes verlängertes Praktika zu absolvieren. Aus diesem Grund entscheiden sich immer mehr Studierende dafür ein Urlaubssemester zu beantragen in dem sie ein bis zu sechsmonatiges Praktika zu absolvieren. Das hat einerseits den Vorteil, dass die Studenten umfangreichere Erfahrungen im Arbeitsleben sammeln können, als es in ein paar Wochen möglich wäre. Andererseits werden die meisten längeren Praktika bezahlt, was wiederum den eventuell zusätzlichen Miete- oder Reisekosten zu Gute käme.
Allerdings kann sich ein verlängertes Praktikum auch negativ auf das Studium auswirken. Die Bachelor-Studiengänge gelten als sehr verschult. Das bedeutet, dass sehr genau vorgegeben wird, welche Seminare und Vorlesungen in welchem Semester zu belegen sind. Teilweise finden die Kurse nur in Jahreszyklen statt. Wer sich also für ein Urlaubssemester entscheidet, riskiert damit ein ganzes Studienjahr zu verlieren. Hierbei werden die Mängel in der Kommunikation zwischen Unternehmen und Hochschulen deutlich, da sich Arbeit und Studium somit schwer vereinbaren lassen.
Viele Unternehmen bieten mittlerweile kürzere Praktika von acht bis zwölf Wochen an, obwohl die Meisten es lieber sehen, wenn Absolventen längere Praktika vor dem Berufseintritt absolviert haben. Genauso gern wünschen sich Hochschulen, dass Studenten in der Regelstudienzeit ihr Studium beenden. An soviel Druck scheitern viele junge Menschen. „Die Studenten wollen perfekt sein und alle Anforderungen erfüllen – das heißt ein schnelles Studium, tolle Praktika und Auslandsaufenthalte vorweisen können“, so Peter Eichhorn, Sozialwissenschaftler beim Career-Service der Universität Hannover.
Für die derzeitigen Bachelor- und Masterstudenten wird sich leider in naher Zukunft nichts an der Situation ändern. Zukünftige Bacheloranwärter sollten das Auslandsjahr am Besten noch vor Studienantritt hinter sich zu bringen. Das Praktikum sollte so schnell wie möglich, also noch in den ersten drei Semestern, absolviert werden. Trotz aller Mängel sind die Unternehmen allgemein jedoch zufrieden mit der Lehre der neuen Studiengänge. In einer bundesweiten Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Herbst 2008 gab jedes zweite Unternehmen an, dass die derzeitigen Absolventen ihre Erwartungen erfüllt haben. Dennoch bringt die momentane Situation noch viel Stress und Frust für die Studierenden mit sich.
|