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Der Gang ins Krankenhaus – sei es als Besucher oder als Patient – ist für viele Menschen kein willkommener Gedanke. Allein schon der typische Krankenhausgeruch schreckt ab. Dennoch gibt es jährlich 234 Millionen Operationen weltweit. Ob die Eingriffe nun notwendig sind oder der Schönheit dienen, Angstschweiß und zitternde Hände begleiten wohl die meisten Patienten in den OP-Saal und das nicht ohne Grund. Bei sieben Millionen Patienten treten Komplikationen nach einer Operation auf, eine Million stirbt daran. Das Schlimmste: Die Hälfte der Fälle wäre vermeidbar.
Chirurgische Sicherheit ist nun schon seit mehr als einem Jahrhundert ein wichtiger Teil des Gesundheitssystems. Obwohl es im letzten Jahrzehnt viele Verbesserungen gab, ist die Qualität und Sicherheit der chirurgischen Betreuung in den verschiedenen Ländern der Welt sehr unterschiedlich. Vermeidbare Schäden und sogar Todesfälle werden zu einem immer größerem Problem. Hier greift nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein, um Fehler zu vermeiden und die Patientensicherheit zu erhöhen, so dass überall wachsende Standards erwartet werden können.
Um die weltweite Situation richtig einschätzen zu können, führte die WHO eine umfassende Studie durch, deren Ergebnisse im Medizinjournal „Lancet“ präsentiert wurden. Es wurden Operations-Daten aus 56 der 192 WHO-Mitgliedsstaaten von 2004 untersucht und auf alle Länder hochgerechnet. Gezählt wurden nur Eingriffe mit dem Skalpell und mindestens einer lokalen Betäubung. Geleitet wurde das Projekt von Thomas Weiser von der „Harvard School of Public Health“ in Boston (USA).
Laut der Untersuchung unterzieht sich innerhalb eines Jahres einer von 25 Menschen einer Operation. Die jährlich 234 Millionen Eingriffe sind laut der Untersuchung weltweit ungleich verteilt. An einem Drittel der Weltbevölkerung (wohlbemerkt: dem reichen Drittel) werden drei Viertel aller Eingriffe durchgeführt. Hier führen drei bis 16 Prozent der Operationen zu größeren Zwischenfällen. Bei 0,4 bis 0,8 Prozent ziehen sie bleibende Schäden nach sich oder führen zum Tod. Anders sieht es in den Entwicklungsländern aus. Sie machen mit 35 Prozent einen erheblichen Anteil an der Gesamtbevölkerung aus, aber nur 0,3 Prozent der weltweiten Operationen werden hier durchgeführt. In diesen Ländern gibt es ein erhöhtes Infektionsrisiko und viele postoperative Komplikationen. In fünf bis zehn Prozent der Fälle sterben die Patienten. Im südlichen Afrika ist sogar die Betäubung lebensgefährlich, einer von 150 Betäubten überlebt die Narkose nicht.
Matthias Schrappe, der Vorsitzende des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit, behauptet, dass ein Drittel bis die Hälfte der Komplikationen schon durch das Einhalten einfachster Hygieneregeln vermieden werden könnte. Eigentlich sollte gerade die Desinfektion in Medizinerkreisen selbstverständlich sein, aber nur 50 Prozent der Ärzte desinfizieren ihre Hände vor dem Verband- oder Katheterwechsel. Doch das ist längst nicht alles. Jährlich werden in Deutschland 100 bis 200 Organe und Körperteile fälschlich operiert, wieder wäre mindestens die Hälfte der Fälle durch etwas höhere Sorgfalt vermeidbar.
Die WHO hat sich nun für die Definition eines Mindeststandards entschieden. Über 200 nationale und internationale Medizinergesellschaften und Gesundheitsministerien haben unter der Leitung von Harvard-Wissenschaftlern eine Checkliste für Operationen festgelegt. Auf einer dreifarbigen übersichtlichen DIN-A4-Seite sind allgemeine Sicherheitsstandards in leicht verständlichen Anweisungen festgehalten.
Zu drei Zeitpunkten sollen Chirurgen und Anästhesisten während der Operation innehalten bis ein Koordinator die Kriterien der Checkliste überprüft und abgehakt hat. In der Phase vor der Narkose, der „sign in“-Phase, wird die ausreichende Markierung der zu operierenden Körperregion und die Identität des Patienten kontrolliert. Außerdem wird er nach Allergien oder Überempfindlichkeiten befragt. Unmittelbar vor dem ersten Schnitt, der „time out“-Phase, werden alle Instrumente, Schwämme und Nadeln gezählt. Abermals nachgezählt werden die eingesetzten Geräte bevor der Patient den Saal verlässt, in der „sign out“-Phase. Zu diesem letzten Zeitpunkt werden außerdem Risiken wie Blutverlust erfragt und abgeklärt, ob im Falle einer Nachblutung oder Komplikationen genügend Blutkonserven vorhanden sind. Zu allerletzt werden noch einmal alle Sterilitätskriterien und deren Einhaltung nachvollzogen.
Erste Pilotversuche an rund 1.000 Patienten in acht Kliniken auf insgesamt fünf Kontinenten waren ein voller Erfolg. Die Einhaltung der auf der Checkliste festgehaltenen globalen Standards stieg von anfänglich 38 Prozent auf überzeugende 69 Prozent. Dementsprechend sank die Anzahl der Komplikationen und Todesfälle. Doktor Atul Gawanda, Professor an der „Harvard School of Public Health“, führte die Entwicklung der Checkliste. Laut seiner Aussage haben bis auf weiteres bereits drei Länder (Großbritannien, Irland und Jordanien) fest zugesagt, die Checkliste zu übernehmen, weitere werden vermutlich bald folgen.
Letztendlich ist es schade, dass eine Weltgesundheitsorganisation mittels eines kleinen DIN-A4-Zettels auf schon alte Weisheiten hinweisen muss. Bereits vor über 150 Jahren wusste Ignaz Semmelweiß, wie lebensrettend die Händedesinfektion sein kann. Wahrscheinlich wäre der Arzt über die Aktualität seiner Erkenntnis im 21. Jahrhundert erschrocken.
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