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Die politische Szene hat sich verändert. Wer denkt, es handele sich um reines Machtgeplänkel, was sich täglich dort abspielt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Es ist Liebe.
Deutschland ist ein sehr ausgeglichenes Land. Was die einen gut finden, ist für die anderen schlecht. Das trifft immer zu, es sei denn, es ist umgekehrt. Wir können noch von Glück reden, dass sich mehr als zwei streiten, so kommen wir wenigstens um den sich freuenden Dritten herum und das ist auch gut so.
Seit dem Visa Untersuchungsausschuss wissen wir, dass „täuschen, tricksen und betrügen“ legale Mittel beim Wählerfang sind. Das steht fest, weil sich die großen Parteien gegenseitig diese Mittel offen und ehrlich zugestanden. Ein Ignorant, der glaubt, man könne in einer solchen Öffentlichkeit die Unwahrheit sagen. Mit Logik kommt man hier nicht weiter. Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit definieren sich über die Frage der Zielsetzung.
Um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen, hat man ein Orakel installiert, Volkes Stimme. Diese Stimme des Volkes erkennt offensichtlich die Wahrheit in den Subtexten der politischen Kultur.
Es gibt Leute, die glauben, die Stimme des Volkes ist das Geräusch, das Frau Merkel hört, wenn sie alleine zu hause in ihrer Badewanne sitzt und den Kanzlereid auswendig lernt. Nachdem das „Spieglein, Spieglein an der Wand“, auch nach eindringlichster Nötigung, nicht mit der gewünschten Antwort herausrückte, würdigte sie ihn keines Blickes mehr und simulierte echte, ostdeutsche Betroffenheitsmimik gegen die mattweiß getünchte Wand, um die Illusion zu perfektionieren. Nach altem Ritual trinkt sie anschließend das Bad aus, um beim Ausstieg zu entgleiten und den nahenden Sturz nur durch den beherzten Griff in die Steckdose zu mildern. Die Energie reguliert auf natürliche Weise ihren Kopfschmuck, der ihr nach all den Jahrzehnten immer noch die unnachahmlich leblose Traurigkeit verleiht.
Vermutlich in einer ebensolchen, alltäglichen Situation, als sie mit dem Kopf gegen das Rednerpult schlägt, in den das Handwaschbecken eingelassen ist und sich der einzigen Macht hingibt, der sie sich bedenkenlos hingeben kann, der Ohnmacht, genau da hat sie eine Erleuchtung. „Schlafen, schlafen, schlafen“, denkt sie, das ist es. Einen ehrenwerten Abgang machen und schlafen. Während dieser Zeit kommt niemand auf die Idee im Keller, unter dem Bett, oder sonst wo, nach Leichen zu suchen. So lange schlafen, bis im Allgemeinwissen des Volkes die Erinnerung verblasst und neutralisiert ist.
Dann wird die Erinnerung neu aufgebaut, mit positiven Gedanken ausgefüllt, mit den Attributen des neutralen Gutmenschen versehen, denn es gilt zum Wohle des Volkes zu reinkarnieren. Hier kommt sie wieder zum Einsatz, die beschriebene Stimme des Volkes. Denn sie ist es, die das feststellen muss, die fordernd verlangt nach einem Retter, dem Erlöser.
Doch wer kann es tun? Kohl braucht noch 20 Jahre. Lafontaine bietet sich zwar an, aber seine Insulin gesteuerte Ich-AG ist lange nicht mehr in jedem Rotlichtviertel der Steher. Scharping der Radspräsident? Das würde zu lange dauern. Schäuble vielleicht, der würde wenigstens nicht weglaufen. Oder Harald Schmidt, der hat’s eigentlich erfunden oder waren’s doch die Schweizer?
Die Erleuchtung Merkels bringt eine neue Symbiose in unsere Streitkultur. Sie verbindet Macht und Liebe. Frau Merkel wendet die altbekannte Weisheit der Liebe an: Wenn Du etwas wirklich liebst, musst Du es loslassen können. So fordert Merkels Zielsetzung jetzt den Tribut. Sie lässt die Macht los, um an die Macht zu kommen.
Jetzt, gut ein Jahr später, ist es soweit. Noch ist die Stimme des Volkes schwach, ein knappes Update für die Erinnerung der Wähler. Doch sie wird lauter werden und wir können sicher sein, dass dem Verlangen der Volkes Stimme letztlich genüge getan wird. Phoenix wird sich aus der Asche erheben, sich vorstellen wie jeder ernstzunehmende James Bond: Mein Name ist Merz, Friedrich Merz, um dann in den Fußgängerzonen Lizenzen zum Kartoffelholen zu erteilen, die aus übernatürlichen Gründen ins Feuer zu liegen kamen. Es wird ein langes Zögern und hin und her, Volkes Stimme wird alles geben müssen, bis der neue Merz endlich dann doch seiner Liebe folgen und die Macht anstreben wird. Er wird das Argument der Überqualifikation verwenden, das ihn zwingt, das zu tun, was er als einziges kann, die Welt retten.
Ein Schelm, der anders denkt. Und wenn, na und? Es ist legal. Wofür hat man denn Untersuchungsausschüsse? Genau betrachtet ist das Modell, richtig angewendet, doch recht vielversprechend. Allerdings sollte man Volkes Stimme im Zaume halten, um den Frieden der Asche nicht zu stören. Politiker, die sich in die Asche, der eigens dafür verbrannten Erde taktieren, sollten zum Wohle des Volkes und seiner Stimme dort für immer dem scheuen Feuer des gebrannten Kindes überlassen sein.
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