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Das verschleierte Sterben: Brasiliens Urwaldrodungen schlimmer als vermutet


19.11.2005 (S. May) Kategorie: Wissenschaft

Bild: www.wissenschaft-online.de

Bereits im Juli letzten Jahres machte Brasilien Negativschlagzeilen aufgrund der enormen Ausmaße der Brandrodungen im Amazonasgebiet und löste damit eine Regierungskrise aus. Nachdem die Regenwaldzerstörung in Brasilien 2004 das weltweit zweithöchste Niveau aller Zeiten erreicht hatte, zog sich die Grüne Partei Brasiliens aus der Regierung zurück. Auch dieses Jahr wurden erneut starke Zerstörungen des Waldgebietes rund um den Amazonas festgestellt.

Auf Satellitenaufnahmen, die als Grundlagen für die Untersuchungen des Umfangs der Brandrodungen dienten, konnten jedoch bisher nur jene Regionen registriert werden, in denen kein Baum mehr steht. Die selektive Abholzung einzelner wertvoller Edelholzbäume kann auf diese Weise jedoch nicht registriert werden. Diese wurde erst durch präzise Auswertungen von Satellitendaten des Weltraum-Instituts INPE deutlich. Hierbei wurde festgestellt, dass in der Zeit von August 2003 bis August 2004 26.130 Quadratkilometer Amazonas-Regenwald vernichtet wurden. Das entspricht ungefähr der Fläche Hessens und des Saarlandes zusammen.

Illegale Kahlschläge können heute unter Umständen zumindest zu Ärger mit den brasilianischen Umweltbehörden führen, ein kleiner Fortschritt in Richtung Naturschutz. Die Holzfirmen spezialisieren sich seit dem auf die „selektive Rodung“, um Ärger zumindest offiziell aus dem Wege zu gehen.

Beim Abholzen eines einzelnen Urwaldriesen werden im Durchschnitt 30 weitere große Bäume bester Qualität mit umgerissen. Arbeiter trennen dann allerdings nur den unteren, dicksten Teil des Stammes vom zur Baumkrone auslaufenden Rest ab. Der größte Teil des Baumes wird somit genauso wie die ebenfalls umgerissenen Bäume liegen gelassen und verfault. Zurück bleibt ein Ort der Verwüstung und Degeneration der Baumbestände.

Erschwerend kommt hinzu, dass die großen Transportmaschinen oft eine kilometerlange Schneise der Zerstörung in den Tropenwald reißen, da ein Wegenetz fehlt. Nur einige Prozent der jährlich anfallenden Edelholzmassen gelangen so auf den Weltmarkt - der größte Teil vermodert oder wird verbrannt.

Aufgrund der hohen Intensität von Brandrodungen und damit erzeugten Emissionen hat sich Brasilien unter die Top Ten der globalen Umweltverschmutzer gereiht. Durch die Brandrodungen werden zudem alljährlich tausende Tiere lebendig verbrannt, oder deren Lebensraum derart reduziert, dass dies unweigerlich zum Aussterben bedrohter Arten führt.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace nennt den stetig steigenden Umfang der Urwaldrodung einen schweren Schlag gegen das „Programm für nachhaltige Entwicklung des Amazonas-Regenwaldes“. Die Umweltschutzorganisation nennt hier öffentlich Namen, um Aufmerksamkeit im Kampf für den Umweltschutz zu erregen.

Greenpeace macht unter anderem für die Zerstörungen Blairo Maggi verantwortlich, der als einer der größten Sojaproduzenten der Welt gilt. Der so genannte „Sojabaron“ und Gouverneur, der absolute Entwaldungsmeister Brasiliens, ist aufgrund seines Handels vor kurzem von Greenpeace als „Kettensäger des Jahres“ bezeichnet worden, denn er ist allein für 48 % der Umweltzerstörung des Landes in den Jahren 2003 und 2004 verantwortlich.

Wofür sollen die vielen Sojabohnen gut sein? Ein Sojaimport aus Brasilien nach Europa ermöglicht zum Beispiel nicht weniger als die Fortsetzung der Massentierhaltung in der Europäischen Union. Nach dem BSE-Skandal wurde die Verwendung von Tiermehl als Futtermittel verboten und somit musste ein Ersatzfuttermittel gefunden werden. Soja erwies sich als ein idealer Ersatz für das Tiermehl. Es gibt kein anderes Produkt, das so kostengünstig ist und gleichzeitig einen so hohen Eiweißanteil beinhaltet wie Sojaschrot.

Dies ist der Grund dafür, dass Deutschland jährlich ca. drei Millionen Tonnen Sojaschrot importiert, und das größtenteils aus Brasilien. In Brasilien kann Soja mit den geringsten Betriebskosten der Welt produziert werden, da die sozialen und ökologischen Kosten nicht im „Freihandel“ internalisiert sind.

Hinzu kommt, dass Deutschland die angebliche Entwicklungshilfe unterstützen möchte. Im Grunde handelt es sich jedoch nur um die Ausbreitung der Sojamonokultur in Brasilien, die durch deutsche Institutionen finanziert wird. Sowohl die WestLB als auch die DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft) haben zum Beispiel die Maggi-Gruppe in Brasilien mit Krediten nachweislich unterstützt.

Ist also wirklich nur Blairo Maggi für die Regenwaldrodungen in Brasilien verantwortlich?



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