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Das Mädchen aus Oberschlesien - 4. Kapitel


07.12.2005 (B. Hanisch) Kategorie: Specials

Bild: kriegsende.ard.de

Noch merkten wir nicht viel von dem Krieg. Zu Essen hatten wir genug, was bei einigen Familien nicht der Fall war. Viele Menschen mussten hungern.
Ab und zu heulten die Sirenen, doch es war am Anfang immer nur Probealarm. Das beruhigte uns sehr. Ich fand es sogar lustig, wenn ich den Heulton hörte. Auf einem Hausdach bei uns in der Straße gab es eine Sirene. Wir Kinder liefen dann draußen herum und äfften das Geräusch nach.
Das änderte sich aber schnell. Immer öfter heulten jetzt die Sirenen und wir mussten schnell in den Keller laufen. Ich zitterte am ganzen Körper. Jetzt wusste ich, dass es kein Spaß mehr war. Das Herankommen der Flugzeuge hörten wir sogar im Keller. Es war schrecklich, dieses dunkle, brummende Geräusch. Es dröhnte in meinen Ohren, obwohl ich im Keller saß. Booo…booo…booo...booo.
Der Kellerraum, in dem die Fahrräder standen, wurde zu einem Luftschutzraum umgebaut. Die Räder musste jeder Mieter in Zukunft in seinem eigenen Kohlenkeller abstellen. Einige Bänke zum Sitzen und einige Liegen wurden ebenfalls aufgestellt. Die vorhandene Tür im Treppenhaus, die zu den Kellerräumen führte, wurde durch eine Stahltür ersetzt und mit einem großen, schweren Riegel verschlossen.
Wir wohnten in Wohnblocks. Immer drei Häuser waren aneinander gebaut. Deshalb hatte man von einem Haus zum Nächsten einen Durchgang geschaffen, der mit losen Steinen wieder zugemauert wurde. Bei Gefahr konnten die Mieter von einem Gebäude ins Nächste flüchten.
Es war immer ein komisches Gefühl, wenn wir im Keller saßen und die schwere Stahltür hinter uns geschlossen wurde. Wir kamen uns vor wie in einem Käfig.
Aus diesem Grund wollte mein Vater nicht mit uns in den Keller gehen. Er blieb deshalb immer in der Wohnung, was unserer Mutter natürlich nicht gefiel.
Die Abstände von einem Alarm zum nächsten wurden immer kürzer. Am Tag war es nicht so schlimm, aber nachts hatte ich immer große Angst. Die meisten Angriffe aber waren in der Nacht.
Ich zog mich schon allein an, aber Evi musste noch von meiner Mutti angezogen werden, sie war ja noch ein Säugling. Mutti hatte es deshalb nicht leicht.
Wenn wir den Heulton der Sirenen hörten, sprangen wir aus unseren Betten, kleideten uns so schnell es ging an und liefen in den Luftschutzkeller. Dort waren alle Bewohner des Hauses schon versammelt und saßen dichtgedrängt auf den Bänken. Sie sprachen wenig und sehr leise.
Jede Familie hatte einen Koffer dabei, der mit den wichtigsten Dingen gefüllt war. Wir schleppten auch jedes Mal so einen Koffer mit in den Keller. Er stand immer gepackt im Korridor bereit.
Mein Vater verstaute jedes Mal, wenn wir Alarm hatten, unsere Federbetten und das Radio in der Toilette. Er sagte: „Die Wände im Klo sind viel stabiler als die übrigen Mauern in der Wohnung.“ Das war meinem Vater wohl sehr wichtig.
Mutti hatte immer Angst um Papa. Wir saßen jedes Mal ohne Papa im Keller. Ich zitterte immer am ganzen Körper und wartete auf das Entwarnungszeichen.
Papa konnte nicht mit uns gehen, er hatte Platzangst. Deshalb mussten wir es akzeptieren, dass er nicht mit uns ging.
Das Heranbrausen der vielen Flugzeuge und den Bombenaufschlag hörten wir noch durch die geschlossene, dicke Tür hindurch. Ich hatte große Angst und war froh, wenn wir den Keller wieder verlassen konnten.
Zu damaliger Zeit wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Es war eine große Umstellung für meine Mutter. Ohne diese Marken bekamen wir keine Ware. Wenn Mutti sie einmal vergaß, mussten wir wieder zurück in die Wohnung gehen, um sie zu holen. Das waren unnötige Wege für Mutti mit zwei Kindern, aber sie hätte uns nie allein in der Wohnung zurückgelassen. Sie nahm uns überall mit. Mutti beklagte sich nie, aber sie war oft sehr erschöpft und sah immer dünn und blass aus.
Wenn wir am Tag keinen Alarm hatten, ging Mutti mit uns in den Werftpark spazieren. Der Park war nicht weit von uns entfernt und im Notfall konnten wir schnell in den Bunker laufen, der sich in der Nähe befand. Der Park war sehr schön angelegt. Dort tollte ich herum und Mutti fuhr, mit Evi im Kinderwagen, hinter mir her.
Eines Tages wollten meine Eltern so gern auch einmal ins Kino gehen. Es wurde so viel über einen Film „Jud Süß“ geredet. Zu gern hätten sie sich diesen Film angesehen, aber zwei Kinder allein in der Wohnung lassen, dass wollten sie auch nicht.
Da wir in dieser Zeit meistens nachts Alarm hatten und das Kino nur einige Straßen weiter entfernt war, entschlossen sich Mutti und Papa dann doch diesen Film anzusehen. Evi schlief um diese Zeit immer tief und fest.
Ich sollte in der Zwischenzeit auf sie aufpassen. Ich versprach es und spielte mit meinen Spielsachen.
Als ob Evi gemerkt hätte, dass Mutti nicht da war, wachte sie diesmal auf und fing an zu weinen. Ich versuchte sie zu beruhigen, was mir aber nicht gelang. Sie weinte immer heftiger. Ich wusste nicht mehr was ich tun sollte und fing ebenfalls an zu weinen. Ich hatte große Angst. Ich wollte unsere Nachbarin holen, merkte jedoch, dass meine Eltern die Korridortür verschlossen hatten. Jetzt geriet ich noch mehr in Panik und schlug kräftig gegen die Eingangstür.
Ich schrie so laut durch den Briefschlitz, dass es durchs ganze Haus hallte. „Dieses Geschrei konnte unsere Nachbarin, Frau Westphal, doch nicht überhören“, dachte ich. Sie kam auch bald darauf aus ihrer Wohnung, klappte den Briefschlitz an unserer Wohnungstür hoch und schaute zu mir herein. Ich war froh, als ich sie sah und erzählte ihr, dass Evi weine und ich nicht wisse, was ich machen soll. Sie beruhigte mich und sagte: „Gib Evi den Schnuller.“ Was ich dann auch gleich tat. Sie holte in der Zwischenzeit einen Stuhl aus ihrer Wohnung und setzte sich vor unsere Eingangstür. Ich stand an der anderen Seite und schaute durch den Briefschlitz auf unsere Nachbarin und bat sie bei mir zu bleiben. Sie wartete so lange vor unserer Tür und sprach beruhigend auf mich ein, bis meine Eltern vom Kino wieder zurückkamen. Evi war in der Zwischenzeit auch wieder am Schnuller nuckelnd eingeschlafen.
Das war der erste und letzte Kinobesuch meiner Eltern. Seit diesem Erlebnis war es mir immer ein Graus, auf Evi aufpassen zu müssen. Ich war fünf Jahre alt und Evi ein halbes Jahr. Es war das Jahr 1940.
Seit dieser Zeit häuften sich die Alarme und es vielen immer mehr Bomben.
Die Deutschen-Werke und alle Schiffe, die im Umkreis ankerten, wollten die Tommys bombardieren und mein Vater arbeitete dort. In den Werken wurden viele Dinge hergestellt, die für den Krieg sehr wichtig waren. Das ganze Gebiet war in großer Gefahr. Ebenso die Schiffe, die zur Reparatur in den Trocken-Docks der Deutschen-Werke, an unserer Seite der Kieler Förde, in Gaarden lagen. Wir hatten jeden Tag Angst, dass meinem Vater etwas zustößt.
Die Fenster in den Häusern mussten jeden Abend dunkel gemacht werden. Kein Lichtstrahl durfte nach außen dringen. Falls es doch mal passierte, klingelte gleich der Blockwart an den Türen. „Man darf niemanden gefährden“, schrie er durchs ganze Haus. Wenn unsere Feinde im Flugzeug einen Lichtschein sahen, warfen sie auf diesen Punkt ihre Bomben ab. Um die Fenster zu verdunkeln hatten wir dicke braune Rollos vor den Scheiben, die wir schnell herunterrollten. Die Seiten wurden noch zusätzlich mit Stoffen zugestopft.
Unser Blockwart war sehr streng. Wenn er einige Leute mehrfach warnte, weil sie nicht gut genug verdunkelt hatten, drohte er gleich mit einer Anzeige. Keiner mochte ihn. Einige hatten sogar Angst vor ihm.
Als wir eines Nachts wieder durch das durchdringende Sirenengeräusch aus dem Schlaf geschreckt wurden, wusste ich zunächst nicht, wo ich war. Ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen, denn es war in dieser Nacht das zweite Mal, dass wir Alarm hatten. Mit zweimaligem Alarm in einer Nacht hatte niemand gerechnet. Ich war so durcheinander, dass ich nicht wusste, was ich zuerst machen sollte.
Mutti schrie: „Schnell anziehen, Brigittel, und in den Keller.“ Ich konnte mich nicht so schnell anziehen, deshalb nahm ich schnell meine Kleider, die auf dem Stuhl lagen, unter den Arm und rannte die Treppen hinunter in den Keller. Dort wollte ich mich dann in Ruhe ankleiden.
Im Treppenhaus war ebenfalls ein Tumult entstanden. Alle schrieen durcheinander und rannten aufgeregt durch das Haus. Unsere Hausbewohner waren genauso überrascht von dem zweiten Alarm, wie wir. Mutti kam auch gleich danach mit Evi und einigen Kleidungsstücken unter dem Arm in den Keller gerannt. Dort herrschte großes Durcheinander.
Mittlerweile waren alle Bewohner im Keller versammelt. Wir saßen alle dicht gedrängt und ängstlich auf den Bänken. Einige mussten zur Toilette. Die gab es aber nicht im Keller, deshalb blieb ihnen nichts anderes übrig, als in einen Eimer zu pieschern. Zu diesem Zweck hatte man einige Eimer im Keller stehen. Das war natürlich für die Erwachsenen nicht angenehm. Ich musste auch ganz dringend, deshalb ging ich mit unserem Eimer in die äußerste Ecke des Kellers.
Mutti weinte, weil Papa nicht mit uns in den Keller ging. „Er bringt wieder unsere Betten ins Klo“, beschwerte sie sich bei den Mitbewohnern, als sie gefragt wurde, wo Paul blieb. „Heute hätte er mir helfen können“, sagte sie und ärgerte sich sehr darüber.
Man hörte das Geräusch der Flugzeuge viel lauter als sonst. „Die haben diesmal viele Bomben an Bord“, sagte Herr Matiebe besorgt.
Plötzlich ein gewaltiger Aufprall, so als ob eine Bombe auf unser Haus gefallen wäre. Die Kellerwände wackelten und der Putz rieselte von der Decke. Wir schrieen vor Schreck auf und schauten zur Decke hoch. Wir hatten Angst, das Haus stürzt ein. Einige Kinder verkrochen sich unter den Bänken und weinten. Die Erwachsenen mussten uns beruhigen was ihnen aber nicht gelang, denn sie hatten genau so große Angst, wie wir.
Mutti und ich weinten, denn wir dachten an Papa „Es wird ihm hoffentlich nichts passieren“, schluchzte Mutti.
Mit einem Mal hämmerte es mächtig an der Stahltür die zu uns in den Keller führte, aber der Luftschutzwart wollte die Tür nicht öffnen. „Das ist zu gefährlich“, sagte er zu uns. Dann wieder ein kräftiges Klopfen. „Dass muss Papa sein“, Mutti wusste es sofort. Sie bat ihn die Tür zu öffnen und sie hatte Recht, es war Papa. Er trat schnell ein, aber wie sah er denn aus! Er war kreidebleich im Gesicht und seine Kleider waren voller Staub.
„Was ist los da draußen, Paul“, fragten ihn die Leute im Keller. Er wollte gerade antworten, da schlug wieder eine Bombe ganz in unserer Nähe ein. Der Kellerraum wackelte noch schlimmer als beim ersten Mal und Papa war froh, dass er diesmal bei uns war. Er erzählte, dass ganz in der Nähe eine Bombe explodiert war. Er wurde von dem Luftdruck fast die Treppe heruntergeschleudert. Das Trommelfell wäre ihm fast geplatzt, so stark war der Aufprall. Er hatte im Keller noch Ohrenschmerzen.
„So schlimm war es noch nie“, sagte Papa besorgt. Manche beteten und einige weinten. Ich saß wie erstarrt, konnte weder beten noch weinen. Ich musste wieder auf die Toilette und diesmal brauchte ich auch noch Toilettenpapier dazu.
„Hoffentlich hält die Kellerdecke. Noch so eine Bombe wie vorhin und die Kellerdecke bricht“, hörte ich die Männer sagen, als ich zurückkam. Ich verkroch mich in den Armen von Papa und zitterte. Er hielt mich ganz fest an sich gedrückt und das beruhigte mich etwas. Wir hörten plötzlich ein seltsames Geräusch. Ganz verwundert schauten wir, als die Mieter des Nachbarhauses plötzlich in unserem Keller erschienen. Sie hatten die Mauer zwischen den Häusern durchstoßen und waren durch den Tunnel zu uns gekrochen. Wir sahen sie ganz erschrocken an. „Ist euer Haus eingestürzt?“, fragte sie jemand. Noch nicht, aber sie hatten Angst, dass es passieren würde. Die Wände hatten schon große Risse und der Putz löste sich von der Decke und stürzte in großen Brocken auf sie herab, berichteten sie.
„Eine Bombe muss ganz in unserer Nähe eingeschlagen sein“, vermuteten sie. Endlich das Entwarnungszeichen! So sehnsüchtig hatten wir noch nie auf den langgezogenen Heulton gewartet, wie diesmal. Die Zeit im Keller war uns noch nie so lange vorgekommen. Eine Ewigkeit!
Als wir den Keller verließen und auf die Straße traten, konnten wir nicht fassen, was wir dort sahen.

Das Eckhaus unserer Straße gab es nicht mehr. Es stand nur zwei Häuser von unserem entfernt. Ein sechsstöckiges Haus, alles weg, wie ausradiert. Es standen nur noch die Toilettenfronten, aber wenn dort Betten untergebracht worden waren, wo waren sie jetzt? Weggeflogen? Und die vielen Möbel von jedem Stockwerk. Wo war das alles? Es war nichts zu sehen. Ich konnte es einfach nicht begreifen, als ich das sah.
Das Haus uns gegenüber gab es auch nicht mehr. Es war ebenfalls verschwunden. Ich sah nur noch die Kellerdecke. Die Männer liefen auf das Haus zu, um zu sehen, ob sie gehalten hatte. Sie dachten schon, sie müssten alle, die dort gewohnt hatten, ausgraben, aber schon krabbelte einer nach dem anderen aus dem Keller heraus. Die Nachbarn lagen sich in den Armen und weinten vor Freude, dass alle noch am Leben waren. Danach standen wir sprachlos vor einem Loch, wo vorher noch ein Haus gestanden hatte. Auch hier war nichts mehr von den Möbeln aus dem vierstöckigen Haus zu sehen. Wir weinten alle und wühlten mitten in der Nacht gemeinsam in dem Schutt herum, um noch etwas zu finden, was den Mietern wichtig war. Einerseits waren alle froh, noch am Leben zu sein, aber andererseits, wo sollten sie jetzt schlafen? Sie mussten überlegen, wen sie um eine Schlafstatt bitten sollten. Es war mitten in der Nacht.
Wir waren jedenfalls froh, dass wir noch ein Dach über dem Kopf hatten. Unser Haus stand noch. Als wir dann voll Freude unsere Wohnung betraten und ins Bett gehen wollten, traf uns fast der Schlag. Wir hatten uns die ganze Zeit auf der Straße aufgehalten und unseren Nachbarn geholfen. Wir schrieen auf, als wir die Zimmer betraten.
Im Hof war ebenfalls eine Bombe eingeschlagen. Sie hat unser Haus gestreift und dabei etwas von unserem Dach und der Rückfront des Hauses mitgerissen. Frau Theede, die über uns wohnte, stand völlig im Freien. Bei uns im Wohnzimmer klaffte ein großes Loch über der Fensterfront. Sämtliche Fensterscheiben zum Hof hin waren zerbrochen. Die Zimmer voller Lehm. In Muttis Büffet steckten einige Bombensplitter und ein Stein war direkt im Radio gelandet. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte man lachen können, so ulkig sah es aus.
Die Bombe hatte sich in den Hof gebohrt. Was für ein Glück, dass sie nicht ins Haus gestürzt war.
Am nächsten Morgen gab es viel zu tun. Papa nagelte die Löcher mit einigen Brettern und Pappen erst einmal provisorisch zu. An die offenen Fensterscheiben wurden erst einmal Pappen oder Stoffe angebracht. Es sah dadurch etwas dunkel im Zimmer aus, aber an den Fenstern zur Straße hin hatten wir noch Glasscheiben.
Mutti und ich nahmen uns den Dreck vor. Wir schaufelten mir einem Spaten wie in einem Garten den Lehm in Eimer und trugen ihn nach unten in den Hof. Wir waren nicht die Einzigen, die davon betroffen waren. In den umliegenden Häusern waren alle Zimmer, die zum Hof führten, voller Erde. „Die Druckwelle muss sehr groß gewesen sein“, meinte Papa. Es war nicht nur der viele Lehm, der uns die Kräfte raubte. Es musste danach noch alles geputzt, der Teppich gereinigt und die Tapeten erneuert werden. Es war sehr viel Arbeit, bis alles wieder einigermaßen hergestellt war.
Einige Tage danach kamen einige Männer, um die Bombe freizuschaufeln und zu entschärfen. In dieser Zeit mussten wir alle die Häuser räumen, keiner durfte in der Wohnung zurückbleiben. Es war zu gefährlich.
Am Ende unserer Straße hatten die Bewohner, die in dem Eckhaus gewohnt hatten, nicht so großes Glück gehabt, wie wir. Eine Bombe ist durch das Haus bis in die Kellerräume vorgedrungen. Alle Menschen in diesem Haus wurden verschüttet. Die Kellerdecke hatte nicht gehalten.
Wir Kinder liefen durch die zerbombten Häuser, um noch einige Kleinigkeiten zu ergattern, die von den Eigentümern nicht mitgenommen wurden. Wir wühlten noch viele Tage danach in den Trümmern herum. Es bereitete uns sogar große Freude, wenn wir etwas fanden, was wir brauchen konnten. Ich habe einige Reißverschlüsse und schöne Knöpfe gefunden. Ich war selig darüber. Mutti durfte ich meinen Schatz nicht zeigen, sie hätte bestimmt mit mir geschimpft.
Nach diesem Bombenangriff wurden überall Hoch- und Tiefbunker gebaut. Wir durften jetzt nicht mehr in die Keller gehen, sondern mussten einen der beiden Bunker aufsuchen. Zwei Straßen von uns entfernt wurde ein Tiefbunker gebaut, der für uns am Nächsten war.
Das, was wir bis jetzt an Angriffen erlebt hatten, war nur der Anfang von viel Schlimmerem.
Jede Nacht Alarm, manchmal zweimal hintereinander. Wir rätselten schon, wenn wir die Flugzeuge hörten, ob sie viele oder wenige Bomben an Bord hatten. Wir hörten das schon an dem Geräusch.
Mein Vater schleppte jetzt nicht mehr die Betten in die Toilette, seitdem er gesehen hatte, dass er sowieso nichts mehr retten kann, wenn die Bombe auf unser Haus fällt. Er ging aber trotzdem nicht mit uns in den Bunker. Einige Männer löschten kleine Brände oder warfen Brandbomben aus den Häusern. Diesen Männern schloss sich mein Vater an. Mutti musste ihren kleinen Koffer mit den wichtigsten Dingen immer noch allein schleppen. In der einen Hand den Koffer, an der anderen Evi. Ich lief hinterher. Es wurde immer schwerer für Mutti. Wir hatten jedes Mal Angst, wenn wir aus dem Bunker kamen. Lebt Papa noch und steht unser Haus noch? Diese Fragen beschäftigten uns schon, während wir noch im Bunker saßen. Ich wurde immer nervöser.
Papa meinte deshalb, ich soll mit Mutti und Evi nach Schomberg fahren und dort sollten wir uns eine Weile erholen. Mutti wollte Papa in dieser Zeit aber nicht allein lassen. Deshalb beschloss sie an Tante Marie zu schreiben, ob sie mich bei sich aufnehmen würde.
Meine Einschulung stand im nächsten Frühjahr bevor und in Kiel war in dieser Zeit kein regelmäßiger Unterricht möglich. Wir hatten zu wenig Lehrer. Immer mehr wurden in den Krieg geschickt. Deshalb wäre es auch für mich in dieser Hinsicht besser, wenn ich in Schomberg eingeschult würde.
Wir feierten Weihnachten nochmals alle zusammen. Papa bastelte für mich ein Puppen-Karussell. Ich konnte es elektrisch fahren lassen und meine Puppen fanden das sehr lustig. Es drehte sich so schnell, dass ich auf die Puppen achten musste, dass sie nicht von ihren Sitzen herunterfallen. Das machte mir sehr viel Freude.
Ich spielte jetzt schon etwas öfter mit Evi. Sie war jetzt fast zwei Jahre alt und konnte schon laufen. Sie lief überall hinter mir her.
Sehnsüchtig wartete ich jetzt jeden Tag auf einen Brief von Tante Marie. Ich war schon sehr neugierig, was sie schrieb. Ob sie mich auch will? Mutti sagte zu mir: „Wenn Tante Marie einverstanden ist, kannst du, wenn du kein Heimweh bekommst, bis zu den Weihnachtsferien in Schomberg bleiben.“ Ich war froh von Kiel wegzukommen. „Je früher, desto besser“, dachte ich.
Endlich kam der lang ersehnte Brief von meiner Tante. Ich konnte es nicht abwarten, bis Mutti endlich den Brief geöffnet hatte. Erwartungsvoll schaute ich sie an, als sie den Brief las. „Deine Tante freut sich, dich wiederzusehen und ist einverstanden, dass du zu ihr kommst“, sagte meine Mutter zu mir. Ich fiel ihr vor Freude um den Hals.
„Mutti soll dich hinbringen und sich auch eine Weile in Schomberg erholen“, schlug Papa vor.
Wir packten unsere Koffer und fuhren mit Evi Anfang des Jahres 1941 nach Oberschlesien.

Die Buchvorstellung von „Das Mädchen aus Oberschlesien“, mit einer allgemeinen kurzen Inhaltsbeschreibung sowie Preis und ISBN-Nummer, finden Sie in unserem Archiv auf Life-Go.

Das 3. Kapitel ist ebenfalls im Archiv zu finden.



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