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Chaos bei der neuen Rechtschreibung


10.12.2005 (S. Salzmann) Kategorie: Kultur

Bild: img.stern.de

Zusammen oder doch lieber getrennt? Groß oder klein? - Die deutsche Sprache ist ein einziges, großes Durcheinander. Gerade im Berufsleben ist doch aber die sprachliche Ausdrucksweise das A und O! Auch bei der privaten Korrespondenz ist auf gute Formulierung zu achten. Hierbei müssen, und das ist für die meisten sehr verwirrend, viele Regelungen und demzufolge auch einige Ausnahmefälle berücksichtigt werden, denn was nützt der beste Ausdruck, wenn die Orthografie, die das Erscheinungsbild eines Briefes entscheidend prägt, fehlerhaft ist?

Um dieser ganzen Desorganisation von unzähligen Regelungen und Ausnahmefällen ein Ende zu setzen, erklärte der Deutsche Bundestag am 26. März 1998: „Die Sprache gehört dem Volk.“ Die Reform im Bereich der Rechtschreibung soll also für die Bürger eine Vereinfachung der Regelungen sein, damit beim Schreibgebrauch eine größere Identifikation mit der Rechtschreibung entsteht. Durch Vereinfachungen und / oder Streichungen einiger bisher gültigen Regeln soll die Orthografie nicht nur übersichtlicher, sondern auch überzeugender gemacht werden.

Die am 26. März 1998 beschlossenen Regelungen stoßen jedoch während und nach den neun Jahren Übergangszeit auf starke Verunsicherung bei der deutschen Bevölkerung. Dies bedeutet, dass das wichtigste Ziel, eine Vereinfachung der Rechtschreibung, sowie eine Eindeutigkeit betreffend der vielen Schreibvarianten zu schaffen, nicht erfüllt wurde.
Ganz im Gegenteil; die Neuerungen sind für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar.

Außer Frage steht, dass es neben den oft zweideutigen Regelungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung auch „überzeugende“ Bestimmungen wie die Laut-Buchstaben-Zuordnung im Bereich „ß“ oder „ss“ gibt. Diese Regel beispielsweise besagt, dass nach einem kurz gesprochenem Vokal „ss“ steht, zum Beispiel „Fass“. Wird der Vokal vor dem Konsonanten lang ausgesprochen, folgt ein „ß“.

Überzeugend dahingehend, dass man durch die richtige Aussprache des Wortes merkt, ob der Vokal kurz oder lang gesprochen wird und daraus die Entscheidung „ss“ oder „ß“ treffen kann. Ähnlich überzeugend ist die Regelung, dass man bei mehreren gleichen Konsonanten hintereinander in zusammengesetzten Nomen, wie dies bei dem Wort „Schifffahrt“ der Fall ist, dreimal „f“ schreibt.

Die Tücken lauern jedoch woanders, nämlich bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. In diesem Bereich spielt der Sinn des Wortes in Bezug auf das, was man aussagen möchte sowie die Anwendung der in der Sitzung des Rechtschreibrates festegelegten Beschlüsse, eine große Rolle.

So ist es in der Tat ein Unterschied, ob man sagt: „Meine Schwester hat den Aufsatz gut geschrieben.“ oder „Die Bank hat mir das Geld gutgeschrieben.“ Bei dem ersten genannten Beispiel kommt folgende Regelung zur Anwendung: Ist das erste Wort ein Adjektiv und kann dieses sinngemäß in Bezug auf den Satz gesteigert werden, so wird es auseinander geschrieben, denn sie hätte den Aufsatz ja auch „besser“ schreiben können. In dem nachfolgenden Beispiel hingegen würde eine Steigerung des Adjektivs „gut“ völlig unsinngemäß in Relation zum Satzzusammenhang stehen, denn „die Bank hätte das Geld nicht besser schreiben können“. Zwei Sätze, die einen völlig anderen Sinn haben, in denen aber dennoch die Begriffe „gut“ und „geschrieben“ vorhanden sind.

Ein anderes Beispiel diesbezüglich: Heißt es nun „Der Versuch ist fehlgeschlagen.“ oder doch lieber „Der Versuch ist fehl geschlagen.“? - Es bedarf keiner Analyse, um das herauszufinden, sondern auch hierfür tritt eine einfache Regel in Kraft, die in diesem Beispiel besagt: Wenn die Betonung beim Sprechen auf der ersten Silbe, sprich auf „fehl“ liegt, dann wird das Wort zusammengeschrieben.

Gerade aber auch die einfachen Regelungen werden vom Großteil der Bevölkerung zum Teil aus Unwissenheit nicht berücksichtigt. Das Ergebnis des langen Hin und Her um die Rechtschreibreform ist, dass jeder so schreibt, wie er will, obwohl die beschlossenen Maßnahmen am 1. August 2005 in 14 von 16 Bundesländern als verbindlich erklärt wurden.

In den Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen wird ebenfalls nach den Regeln der neuen Rechtschreibung unterrichtet, allerdings sind sie bis zu einer abschließenden Festlegung der Details durch den Rat für deutsche Rechtschreibung noch keine Pflicht. Momentan wird die bisherige Rechtschreibung, wie sie 1901 beschlossen wurde, toleriert.

Am 1. Juli 2005 wurden von dem Rechtschreibrat Änderungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung festgelegt. So sollen zum Beispiel Partizip-Verbindungen wie ratsuchend oder alleinerziehend künftig wieder zusammen geschrieben werden können. Die Regelungen sollen unmissverständlicher sein als bisher und sich am Sprachgebrauch orientieren.

In der sechsten Sitzung des Rates, die am 28. Oktober 2005 stattgefunden hat, lag der Schwerpunkt auf den Bereichen der Silbentrennung und der Zeichensetzung. Bei den Beratungen spielten der Schreibgebrauch und die Belange der Schulen eine gleichermaßen starke Rolle.

Im Bereich der Silbentrennung schlägt der Rat für deutsche Rechtschreibung vor, auf die Abtrennung einzelner Vokale, wie z.B. in „E-sel“ und „Julia-bend“, zu verzichten. Darüber hinaus spricht er sich für Änderungen in der Regeldarstellung aus. So soll insbesondere der Hinweis, dass sinnentstellende Trennungen zu vermeiden sind, an den Anfang der Regeldarstellung gerückt werden. Damit soll erreicht werden, dass Trennungen wie „Spargel-der“ und „Urin-stinkt“ nicht praktiziert werden. Die Abtrennung von „ck“, z.B. in „Zu-cker“ wurde bestätigt.

Zum Thema Zeichensetzung wurden die verschiedenen Positionen ausgetauscht und für die mit „und“ usw. verbundenen selbständigen Sätze beschlossen, das Komma - wie bereits beschlossen - freizustellen. Bei den Infinitivgruppen soll in bestimmten (weiteren) Fällen das Komma wieder verpflichtend werden.

Das alles ist gut und schön, doch man fragt sich, ob man wirklich zu Gunsten der Bevölkerung handelt, vor allem, wenn man bedenkt, wie oft der Rat für deutsche Rechtschreibung neue Regelungen beschließt und dafür andere streicht.

Betroffen von diesem ewigen Tauziehen sind vor allem die Schulgänger. Schon in der ersten Klasse werden den Schulanfängern Normen des Schreibens beigebracht, die vielleicht später gar nicht mehr zur Anwendung kommen, weil wieder andere Bestimmungen in Kraft treten.

Die Folge ist, dass sich viele Schüler schwerer mit der deutschen Sprache, speziell im orthografischen Bereich, identifizieren können. Das zeigen auch die Leistungen der Schüler aller Jahrgangsklassen im Deutschunterricht. Eine interne Leistungsumfrage des Landes Sachsen-Anhalt auf diesem Gebiet ergab, dass die Umsetzung der beschlossenen Regeln im Unterricht von dem Großteil der Schüler nicht erfolgen kann, weil bei den Schülern Unklarheit, aber auch Unsicherheit herrscht.

Auf der beruflichen Ebene bemisst sich die Qualität des öffentlichen Auftritts von Unternehmen unter anderem an dem Aspekt, der zwar mehr formaler Art, aber dennoch nicht zu unterschätzen ist: der Rechtschreibung und Zeichensetzung. Die formale Richtigkeit im Gebrauch der Rechtschreibung von einem Unternehmen wird von uns allen heutzutage als eine Selbstverständigkeit eingestuft.

Durch die neue, verbindlich gewordene Rechtschreibreform, kann ein Unternehmen mit der Aktualisierung auf die neue Rechtschreibung signalisieren, dass es aktuell und „up to date“ ist. Es prägt dadurch das Erscheinungsbild eines Unternehmens im nationalen Wettbewerb.

Unternehmen, für die diese Bestimmungen wichtige Voraussetzungen für ihren betriebswirtschaftlichen Erfolg darstellen, wären zum Beispiel Lektorate, bei denen orthografisch und stilistisch einwandfreie Texte im Vordergrund stehen.

Ein mittelständisches Bauunternehmen hingegen, deren wirtschaftlicher Erfolg weniger auf der Korrespondenzführung beruht, wird demzufolge auch weniger Zeit investieren, um sich den neuen Änderungen anzupassen. Das bedeutet, dass nach den alten Regeln geschrieben wird. Nach außen hin wird das Erscheinungsbild des gesamten Unternehmens zwar nicht nur durch die sprachliche Ausdrucksfähigkeit bestimmt, aber die Richtigkeit in dieser Angelegenheit wirkt sich positiv auf das Gesamt-Erscheinungsbild aus.

Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, wäre es, die Mitarbeiter typspezifische Schulungen zum Wohl des Unternehmens absolvieren zu lassen. Hierfür wiederum fehlen den meisten Betrieben die finanziellen Möglichkeiten und die Zeit (da die meisten heute grundsätzlich bereits auf Kostensparmaßnahmen angewiesen sind, die unterbesetzte Abteilungen zur Folge haben). Die Folge ist, dass sich die Sekretäre eigenständig mit den neuen Regeln vertraut machen müssen oder - wie gehabt - nach der „alten“ Rechtschreibung korrespondenzbezogene Arbeiten erledigen.

Natürlich ist es nicht einfach, Regelungen festzulegen. Eines steht jedoch fest: Um wirklich „sinnvolle“ Bestimmungen erlassen zu können, muss man sich noch intensiver mit dem Schreibgebrauch der Deutschen beschäftigen, beispielsweise in der Schule. Eine wichtige Rolle spielt dabei, zu beobachten, warum die Schüler Wörter falsch schreiben. Liegt es an der Unverständlichkeit der Regeln und daran, dass die Schüler vielleicht gar nicht wissen, warum sie das Wort so schreiben, wie sie es schreiben, in welchem Zusammenhang es mit den Regeln steht und wieso gerade diese Regelung anzuwenden ist?

Solange sich nicht mit diesen spezifischen Fehlerquellen und deren Ursachen auseinander gesetzt wird, können auch keine „überzeugenden“ Bestimmungen erlassen werden. Unsinnig ist auch, dass versucht wird, in jedem Bereich der Orthografie Änderungen vorzunehmen. Das stiftet nämlich nur noch mehr Unsicherheit bei der deutschen Bevölkerung. Das Resultat ist kaum zu übersehen, oder anders gesagt, zu überlesen: Schüler schreiben nach Belieben, ob groß, klein, getrennt oder doch zusammen - es ist ihnen egal. Im Berufsleben versucht man, teilweise zumindest, sich den Änderungen anzupassen. Die meisten Bürger in Deutschland hoffen jedoch, sich endlich wieder einer übersichtlichen und verständlichen Rechtschreibreform anpassen zu können, damit das Schreiben nicht zur freudlosen Nebensache wird.



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