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Wenn man nicht hingeht, holt einen die Polizei. Tut man es doch, erlebt man Untersuchungen wie bei Frankenstein höchstpersönlich. So habe ich es gehört, und so muss es auch sein - da bin ich mir sicher. Um den Handschellen also zu entgehen, entscheide ich mich für das geringe Übel: Ab zur Musterung!
8.30: Mit schlürfenden Schritten treffe ich im Kreiswehr-Ersatzamt ein. Obwohl heute keine Schule ist, habe ich meine Hausaufgaben gemacht: Artikel 12a des Grundgesetzes kenne ich auswendig: Wer aus Gewissensgründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Kriegsdienst - was sonst soll ein Soldatendasein bringen? Außer natürlich der beliebten Sandsackfüllung.
Als ich mich in Zimmer 121 einfinde, werde ich schon erwartet. Dass dies keine zivile Einrichtung ist, merke ich schon bei der Begrüßung. „Ihren Ausweis!“, befielt mir eine resolute Dame. Ich gehorche. Ohne weiteren Kommentar muss ich ins nächste Zimmer. Dort, im Warteraum, tobt bereits die Propaganda-Schlacht. Zwölf junge Leute, ebenfalls in meinem Alter, starren wie gebannt auf einen Fernseher. „Ich kämpfe für mein Land“, brüllen schweißgebadete Muskelprotze in die Linse. In dieser „hoch modernen Armee“ fühlen sie und ihre Waffen sich pudelwohl. Ich muss schmunzeln. „Kameradschaft! Loyalität! Gehorsam!“ Von Meinungsfreiheit wird nichts erwähnt.
Mein Vorgänger hat die medizinische Untersuchung schon hinter sich. „Das ist voll die Erniedrigung, ich schwör’s“, deutet er das Unaussprechliche an. Schon sacken alle wieder auf ihren Stühlen zusammen. Eine weitere Stunde vergeht. Macht man uns so gefügiger? Endlich erscheint ein Soldat: jung, locker - und ein verdammt guter Schauspieler. „Wie viele von euch gehen denn zum Bund?“, fragt er, woraufhin mehrere Finger nach oben schnellen. Meiner ist nicht dabei. Jetzt geht der Werbefeldzug in die Offensive: „Schießen ist geil! Und vergesst nicht, neuerdings gibt’s auch Frauen in der Bundeswehr!“ Bombige Argumente! Was würde ich nicht alles für einen Flirt im Manöver geben...
10.10 Uhr: Die Zermürbungs-Taktik entfaltet ihre Wirkung. Halb eingeschlafen gehe ich zum ersten Gespräch. „Zivildienst?“ Ja! „Okay, dann schicken Sie uns eine ausführliche Begründung. Und vergessen Sie nicht das polizeiliche Führungszeugnis!“
11.30 Uhr: Der Spaß beginnt: Im Untersuchungsraum lächeln mir zwei Frauen entgegen. Von oben bis unten werde ich von ihnen vermessen. Noch kurz auf die Waage, dann nichts wie nach nebenan - Urin-Probe! Nachdem der Becher voll ist, finde ich mich im Wartezimmer wieder. Als die Tür aufgeht, traue ich meinen Augen nicht: Onkel Doktor ist in Wahrheit eine junge, etwa 20-jährige Frau. Donnerwetter! Da rasseln ja die Panzerketten! Mein Sitznachbar wird aufgerufen und folgt ihr willig.
Ich dagegen werde von einer 30 Jahre älteren Kollegin in die Mangel genommen. Zwei weitere Frauen sehen zu. „Ziehen Sie sich bitte bis auf die Unterhose aus!“, fordert sie mich höflich auf. Schnell fallen die Hüllen. Hier stehe ich nun in meiner schwarzen, eng anliegenden Badehose. „Zur automatischen Körpermaßerfassung“, wie es auf Amtsdeutsch heißt. Dann wird der Ton schon militärischer: „20 Kniebeugen!“ Während ich mit ausgestreckten Armen auf- und abwippe, lugen die Damen unter ihren Brillen hindurch. Sehtest, Hörtest - und das große Grabschen. „Kommen Sie mal hinter den Vorhang!“, sagt die leitende Ärztin. Dort präsentiere ich nackte Tatsachen.
Um 13 Uhr endlich das Ergebnis: „T2“ - bedingt für den Wehrdienst geeignet. Erleichtert trete ich wieder ins zivile Leben ab. Für heute ist meine Parade vorbei.
Letzte Woche präsentierten wir auf Life-Go die Buchvorstellung vom „Zivi-Tagebuch“.
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