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Kurzgeschichte: Zwei alte Ganoven


07.01.2006 (B. Hanisch) Kategorie: Kolumnen

Bild: www.stadt-zuelpich.de

Walter und Erwin leben schon eine Weile in einem Seniorenheim. Sie sind mit ihren 70 Jahren noch sehr rüstig im Vergleich zu den anderen Heimbewohnern. Beide haben sich angefreundet und sind sich einig, dass das Leben sehr langweilig geworden ist. Jeden Tag Rommee oder Schach spielen oder die öden Sendungen im Fernsehen anzusehen, dass befriedigt sie nicht mehr.

Walter und Erwin stecken in letzter Zeit immer öfter ihre Köpfe zusammen und tuscheln miteinander. Der Leiterin des Seniorenheims ist es auch schon aufgefallen. Die Zwei haben sich in letzter Zeit sehr verändert, denkt sie, als sie die beiden beobachtet. Sie werden doch wohl nichts miteinander aushecken?

Ihre Neugier ist sehr groß, aber sie verwirft ihre Befürchtungen schnell wieder. Was sollen die zwei schon ausbaldowern, beruhigt sie sich.

Walter hat die neugierigen Blicke der Heimleiterin sofort bemerkt. „Wir müssen vorsichtig sein“, sagt er leise zu Erwin, „sonst schlägt unser Plan noch in letzter Minute fehl. Komm, wir gehen spazieren und besprechen alles weitere“, sagt er deshalb.

Erwin hat von allem nichts mitbekommen. Er macht immer, was Walter sagt, und auch diesmal steht er gleich auf und folgt ihm.

Walter fragt ihn auch gleich: „Du machst doch keinen Rückzieher?“

„Nein“, sagt Erwin etwas unsicher. „Ich bin nur sehr aufgeregt und kann nicht mehr ruhig schlafen.“

„Wir haben doch alles genau geplant“, sagt Walter enttäuscht. „Endlich passiert mal was. Das langweilige Leben im Heim halte ich nicht mehr aus. Ich brauche etwas Aktion und du doch auch, wie du gesagt hast. Also alles klar? Heute Abend geht es los!“

„Okay“, sagt Erwin kleinlaut.

Am Abend, als die Heimbewohner nach dem Abendessen in ihren Zimmern verschwunden sind, schleicht sich Walter ins Zimmer von Erwin, das im Erdgeschoss an der Rückseite des Hauses liegt. Sie haben einen kleinen Tritt organisiert, um besser aufs Fensterbrett steigen zu können. Walter springt als erster ins Freie. Bei Erwin klappt es nicht so gut mit dem hinunterspringen. Walter reicht ihm deshalb seine Hand entgegen, dann springt auch er. Sein Herz klopft dabei so laut, dass er sich unsicher umsieht, ob es auch keiner hört. Walter zieht danach das Fenster zu, damit niemandem ihre Flucht auffällt.

Vorsichtig schleichen sie zu Walters Auto und fahren zu einem Computerladen. Sie haben sich eine ruhige Gegend ausgesucht, in der wenige Fußgänger herumlaufen. Als sie vor dem Laden stehen, schauen sie sich noch einmal vorsichtig um, ob die Luft rein ist.

„Die Tür ist ein Pappenstiel“, flüstert Erwin. Er kennt sich mit dem Öffnen von Türen aus. Er war früher bei einem Schlüsseldienst tätig und hat im Laufe seines Lebens viele verschlossene Türen geöffnet. Auch hat er einige Spezialschlüssel seiner Firma als Andenken mitgenommen, die ihm jetzt gute Dienste leisten. Nachdem er zwei davon probiert hat, passt der dritte bereits. Ein kurzes, vorsichtiges Fühlen mit dem Schlüssel im Schloss und Klick... die Tür ist offen.

Beide schleichen leise in den Laden und obwohl es sehr dunkel ist, denn Licht wollen sie nicht anmachen, gehen sie zielstrebig auf das Regal zu, in dem der Computer steht, für den sie sich entschieden haben. Der Verkäufer hatte sie lange und ausgiebig über einige Modelle beraten. Sie baten sich allerdings Bedenkzeit aus.

„Die Beratung von dem Verkäufer war doch Klasse“, flüstert Walter Erwin zu und lacht schadenfroh. Neben dem Computer standen einige original verpackte Kartons, das hatten sie sich genau eingeprägt.

„Nimm endlich das Gerät!“ Walter gibt Erwin einen Stoß und deutet auf den Karton. Erwin greift nach dem eingepackten Computer ohne sich Gedanken zu machen, was es für Folgen für ihn haben könnte. Jetzt ist sowieso alles egal, denkt er, als er den Laden verlässt.

Walter zieht die Ladentür hinter sich zu und folgt ihm. Als Erwin mit dem Computer zum Auto geht, läuft ein kleiner Dackel auf ihn zu und bellt ihn an. Er bekommt einen gewaltigen Schreck und hätte beinahe den Karton fallen lassen. Walter schließt geistesgegenwärtig die Tür seines Autos auf und zischt: „Steig ein!“ Erwin steigt schnell ins Auto, den Computer an sich gepresst. Er kann kaum darüber schauen, so groß ist er, und anschnallen ist auch nicht drin. Walter steckt mit zittriger Hand den Schlüssel ins Zündschloss und ab geht es. Der Hund rennt kläffend hinter dem Auto her.

Als sie einige Straßen weiter gefahren sind, atmen beide erleichtert auf. „Ob uns jemand gesehen hat?“, fragt Erwin.

„Ich habe niemanden bemerkt und ein Hund kann nicht reden“, sagt Walter hämisch, aber mulmig ist ihm doch.

Sie schleichen den gleichen Weg ins Zimmer zurück, den sie gegangen waren. Erst als sie das Fenster schließen, können sie aufatmen. Sie lachen sich an. „Das war doch mal was ganz anderes“, sagt Walter, „oder?“ Erwin nickt, sieht aber nicht sehr glücklich dabei aus. Sein Gedanke ist: Hätte ich mich doch nur nie darauf eingelassen.

„Der Karton bleibt erst einmal zu“, sagt Walter. Erwin ist damit einverstanden. Er will nur noch ins Bett.

Am nächsten Morgen, als beide wie immer zusammen frühstücken, hören sie im Radio: „In dieser Nacht wurde in einem Computerladen eingebrochen. Die Diebe haben einen alten, zum Recycling abgegebenen Computer mitgenommen. Ein Lehrling hatte diesen, statt in die Werkstatt, im Laden abgestellt. Hinweise erbitten wir an die polizeiliche Dienststelle unserer Stadt zu richten. Telefon ...“

Walter sieht Erwin ganz entgeistert an, als er das hört: „Du Trottel“, sagt er leise zu ihm und seine Stimme zittert, „kannst nicht mal einen Computer klauen. Was machen wir jetzt mit dem Apparat?“

„Das ist dein Problem“, zischt Erwin zurück. Er ist enttäuscht über den Vorwurf, den Walter ihm macht. „Es ist alles auf deinem Mist gewachsen, jetzt sieh zu, wie du den Kram wieder loswirst“, sagt er wütend und verlässt den Frühstücksraum.

Seit dieser Zeit ist die Freundschaft der beiden abgekühlt und man sieht sie nur noch selten zusammen.

Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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