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Das fremde Gesicht - Hoffnung oder Horror?


09.01.2006 (J. Rohrbach) Kategorie: Wissenschaft

Im November 2005 wurde an der Amiens University in Frankreich Medizingeschichte geschrieben. Die Ärzte Jean-Michel Dubernard und Bernard Devauchelle führten die erste Gesichtstransplantation an der entstellten Patientin Isabelle Dinoire durch, nachdem im Februar desselben Jahres die zuständige Ethikkommission der Operation zugestimmt hatte.

Die 38-jährige Frau war von ihrem Labrador-Mischling angefallen worden, wobei dieser ihr Lippen und Nase abgebissen hatte. Seitdem war das Gesicht der arbeitslosen Mutter von zwei Kindern entstellt und an ein normales Leben nicht mehr zu denken gewesen. Die Transplantation stellte ihre einzige Möglichkeit dar, wieder normal auszusehen. Dabei wurden ihr Nase, Lippen und Kinn einer hirntoten Frau transplantiert.

„Als ich zum ersten Mal mein neues Gesicht betrachtet habe, wusste ich sofort, dass ich es bin. Es war einfach fantastisch, eine Nase und einen Mund in meinem Gesicht zu sehen“, berichtete Isabelle Dinoire der Daily Mail.

So positiv das Ergebnis dieser Operation ausgefallen sein mag, es gibt viele ethische und medizinische Bedenken, die gegen diese Methode sprechen, ein Gesicht zu rekonstruieren.

Um Abstoßungsreaktionen des Körpers zu vermeiden, ist eine lebenslange Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten notwendig. Dabei steigt das Risiko von Infektionen, Nierenschäden und Krebs.

Ein früherer Patient Dubernards, dem eine fremde Hand transplantiert wurde, ertrug den Gedanken nicht, durch die Medikamente an einem einfachen Schnupfen sterben zu können. Er setzte die Medikamente ab, womit die Abstoßungsreaktion begann. Zudem entwickelte der Patient eine regelrechte Abneigung gegen sein Implantat, sodass ihm dieses nach drei Jahren wieder amputiert werden musste.

Auch bei Isabelle Dinoire besteht noch für zehn Jahre das Risiko, dass das Gewebe abgestoßen wird. Eine Rekonstruktion des Gesichts ist danach nur noch sehr eingeschränkt möglich.

Mit der konventionellen Methode, bei der Haut von anderen Körperstellen des Patienten verpflanzt wird, wäre das Ergebnis der Transplantation weniger zufrieden stellend gewesen. Das Gesicht hätte maskenhaft und ausdruckslos gewirkt, da hierbei im Gegensatz zu einer Kompletttransplantation keine Nerven verbunden werden können. Die Patientin hätte keine Kontrolle über die transplantierten Stellen, womit eine Identifikation mit dem neuen Gesicht schwieriger geworden wäre.

Neben den medizinischen seien auch die ethischen Bedenken erwähnt.

Es gibt kaum jemanden, der sich ernsthaft an einer Organtransplantation stört. Bei Gesichtstransplantationen ist dies jedoch anders. Ohne ein Herz kann der Mensch nicht leben, ohne ein Gesicht schon. Es geht hierbei also eher um eine Schönheitsoperation, bei der ein entstelltes Gesicht durch das Gesicht eines anderen, toten Menschen ersetzt wird. Darum sind hierbei auch viel weniger Menschen zu einer Spende bereit, als bei einer Organspende.

Doch was ist das für ein Leben ohne Gesicht? Das Gesicht ist die Identität des Menschen. Mit dessen Verlust verliert der Mensch auch ein Stück Lebensqualität. Patienten, die auf diese Weise entstellt sind, wollen mit diesen Schönheitsoperationen einfach nur normal weiterleben können, nicht mehr angeekelt oder verabscheuend angesehen werden, normal arbeiten gehen, sich verlieben und selbst geliebt werden. All dies ist mit einem entstellten Gesicht kaum mehr möglich.

Doch auch das Leben mit einem neuen Gesicht ist nicht leicht. Es ist nicht möglich, das Gesicht wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Das Aussehen liegt bei einer partiellen Transplantation wie im Fall Isabelle Dinoires irgendwo zwischen dem Aussehen des Spenders und des Empfängers.

Anders sieht dies bei einer kompletten Gesichtstransplantation aus, bei der auch Knochenteile transplantiert werden, was jedoch problematischer ist. Der Empfänger muss sich also auch psychisch auf sein neues Erscheinungsbild einstellen können, um sich mit seinem neuen Gesicht identifizieren zu können. Ansonsten folgt die Enttäuschung über das Ergebnis der Transplantation bis hin zum Bereuen der Operation.

Auch Trauer und Schuldgefühle gegenüber dem Spender können auftreten, beim Empfänger des Transplantats ebenso wie bei den Angehörigen des Spenders. Denn wer sieht schon gerne das Antlitz eines geliebten Menschen an einem anderen Kopf?

Um solch eine Operation erfolgreich durchführen zu lassen, ist also eine stabile Psyche, regelmäßige Einnahme von Medikamenten und das Einverständnis eines Spenders notwendig. Selbst dann ist das Risiko einer Abstoßungsreaktion gegeben, sowie die starken Nebenwirkungen, die die Medikamente haben. Es ist also ein Abwägen nötig, mit welchem Weg dem Patienten mehr geholfen ist und ob es noch andere Methoden gibt, das Gesicht wiederherzustellen.



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