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Feddersen lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Er stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um die gleiche Zeit zu Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen.
An einem Nachmittag im November, als er aus dem Fenster seines Büros blickte, wunderte er sich, wie dunkel es schon war. Er schaute auf die Uhr, die über der Tür hing. Sie war stehen geblieben. Kopfschüttelnd stellte er sie nach seiner Armbanduhr wieder ein und verließ das Büro. Eine Stunde später als sonst.
Danach war alles anders. Der Pförtner in der Empfangshalle, mit dem er jeden Abend einige Worte wechselte, war nicht mehr da. Der Bus der Linie 60, mit dem er immer nach Haus fuhr, war gerade abgefahren. Er wollte nicht im Regen auf den nächsten Bus warten, deshalb entschied sich Feddersen ausnahmsweise mit der S-Bahn zu fahren.
Er war durch diesen Umstand irritiert, aber auch etwas neugierig. Wer weiß, was heute noch alles passiert, dachte er. Eine völlig neue Situation für ihn.
Die S-Bahn war gerammelt voll und ein Geruch von Schweiß stieg ihm in die Nase, den er im 60. nie gerochen hatte. Feddersen fühlte sich zwischen den vielen Menschen nicht wohl. Er war in den Feierabendverkehr geraten. Das nächste Mal würde er lieber zu Fuß gehen als noch einmal in eine überfüllte Bahn einzusteigen. Deshalb ließ er seine Zeitung, die er sonst immer während der Fahrt las, in der Tasche.
Feddersen erwischte endlich einen freien Sitzplatz und ein junger Afrikaner setzte sich neben ihn.
An der nächsten Halterstelle stiegen drei angetrunkene junge Männer ein. Sie drängten sich bis zu dem Sitz des Afrikaners vor. Zunächst standen sie ganz harmlos neben ihm, aber nach einigen Minuten hörte Feddersen die Drei miteinander flüstern.
Einer langte dicht am Kopf des Afrikaners vorbei und öffnete das Fenster. „Hier stinkt es entsetzlich“, sagte er laut und sah den Afrikaner an.
Feddersen bemerkte, wie unangenehm es dem jungen Mann war, denn er machte sich ganz klein auf seinem Sitz. Feddersen beobachtete die Drei und hatte das Gefühl, sie waren auf Krawall aus.
Plötzlich rief jemand: „Fenster zu, es zieht!“. Das war das Zeichen für den Kleinsten. Im Befehlston sagte er zu dem Afrikaner: „Hast du gehört, Nigger, du sollst das Fenster zumachen, es zieht.“ Dabei lachte er seine Freunde an. Er fühlte sich sehr stark.
Feddersen wollte dass Fenster schließen, aber der Kleine schrie den Afrikaner an, als er das bemerkte: „Mach sofort das Fenster zu! Aber schnell!“
In der Bahn wurde es unruhig. Feddersen hörte die Leute aufgeregt miteinander reden, aber niemand hatte den Mut etwas zu unternehmen.
Als der Afrikaner aufstand um die Klappe des Fensters einzuklinken, zog ihn Feddersen zurück und sagte zu dem Provokateur: „Sie haben das Fenster geöffnet, jetzt machen Sie es auch selber wieder zu.“
„Was steckst du dich in meine Angelegenheiten“, sagte der Kleine wütend. Er zerrte Feddersen vom seinem Platz hoch und stieß ihn mit voller Kraft auf den Sitz zurück.
Feddersen war sprachlos. So etwas war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert. Langsam stand er auf und sagte zu dem Rüpel: „Wollen Sie Streit anfangen?“ Das hätte er lieber nicht sagen sollen, denn er fand sich kurz danach auf seinem Sitz mit einer blutenden Nase wieder und kramte in seinen Taschen nach einem Taschentuch.
Was ihn aber noch mehr entrüstete, war, dass jeder in seinem Umfeld sah, was ihm passierte, aber keiner half.
Nur der Afrikaner reichte ihm ein Tempo, denn das Taschentuch von Feddersen war schon voll Blut und tropfte auf sein Hemd.
An der nächsten Haltestelle wollte Feddersen aussteigen und zu Fuß weiter gehen. Er wollte nicht in eine Situation geraten, der er nicht gewachsen war. Die Drei bauten sich vor ihm auf und lachten ihm frech ins Gesicht.
„Was, du willst aussteigen“, sagte der Kleine. „Hast wohl die Hose voll!“ Er schlug brutal auf Feddersen ein. „So etwas passiert mit Leuten, die sich einmischen“, schrie er hysterisch.
Feddersen schützte seinen Kopf mit den Händen. Er hatte Angst. Vor der nächsten Station forderte er leise den Afrikaner auf mit ihm die Bahn zu verlassen. Wer weiß, was die drei noch vorhatten.
„Die zwei wollen kneifen“, schrie der Kleine. „Haltet sie fest!“. Einer schlug dem Afrikaner mit der Faust aufs Auge und der Andere Feddersen wieder auf die Nase.
Jetzt wurde es Feddersen zuviel. Er stand auf, hielt sich das Taschentuch an seine blutende Nase und rief so laut er konnte durch den Raum: „Was seid ihr doch nur für Menschen! Wir werden vor euren Augen zusammenschlagen, aber ihr schaut einfach weg. Ihr solltet euch schämen.“
Diese Anklage kam so unverhofft für die Mitreisenden, dass einige Männer tatsächlich aufstanden und die Drei am Kragen packten. An der nächsten Haltestelle wurden die Störenfriede hinausbefördert. Sie standen schimpfend vor dem Fenster, drohten mit den Fäusten und schlugen gegen die Scheiben.
In der Bahn war es nach diesem Vorfall sehr still. An der nächsten Station hatte Feddersen sein Reiseziel erreicht. Er bat den Afrikaner mit ihm nach Haus zu kommen. Als beide in der Wohnung ankamen, versorgte er die aufgeschlagene Augenbraue des Afrikaners und seine geschwollene Nase. Danach bereitete Feddersen das Abendessen und aß das erste Mal seit langer Zeit nicht allein. Beide unterhielten sich sehr angeregt und als der junge Mann die Wohnung verlassen hatte, fühlte Feddersen eine große Freude in sich.
Was eine Stunde Verspätung im Leben eines Menschen alles verändern kann, dachte er.
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
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