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Das schattige Erbe Sharons


06.02.2006 (A. Dobinsky) Kategorie: Welt

Bild: www.donau.de

Bereits seit fast einem Monat liegt der 78-jährige Ministerpräsident Israels, Ariel Sharon, nun schon im Koma, obwohl die zuständigen Ärzte bereits am 9. Januar seine Betäubungsmittel absetzten. Die Welt schaut seitdem zu, wie der „Vater der Nation Israels“ - wie ihn einige zu nennen wagen - um sein Leben kämpft. Der Lebensabend des umstrittenen Präsidenten legt bereits viele Fragen über sein Erbe offen, bevor dessen Herzschlag endgültig versagt. Denn eins ist sicher: Sharon wird nicht mehr in sein Amt zurückkehren können.

Sharons Krankheitsverlauf

Am 18. Dezember vergangenen Jahres erlitt Sharon einen Herzanfall, bei dem ein scheinbar angeborener Herzfehler entdeckt wurde. Daraufhin plante man für den 5. Januar eine Operation. Als die Ärzte jedoch Hirnblutungen feststellten, versetzten sie Sharon in ein künstliches Koma, aus dem er bis heute nicht aufgewacht ist, obwohl die Betäubungsmittel nach ihrer Absetzung schon seit langem keine Wirkung mehr zeigen sollten.

Mitte Januar wird die zunächst freudige Nachricht laut, dass in beiden Teilen von Sharons Gehirn Aktivitäten festgestellt werden konnten; jedoch wird sein Erwachen aus dem Koma immer unwahrscheinlicher. Somit ist anzunehmen, dass das Koma direkt aus dem Schlaganfall resultierte.

Seit dem 1. Februar besitzt die Spitze Israels, Sharon, nun eine Magensonde, mit der er ernährt wird. Nach Meinung seiner Ärzte in Jerusalem ist sein Zustand weiterhin ernst, jedoch auch stabil. Auf die Frage hin, ob er aus seinem Koma wieder aufwachen wird, möchte sich niemand auf ein klares „Ja“ oder „Nein“ festlegen.

Sharons Vermächtnis

Der Staat Israel mit seinen nicht ganz sieben Million Einwohnern steht vor einer ungewissen Zukunft. Viele Israelis mystifizieren ihren noch amtierenden Ministerpräsidenten als Helden, der seit dem Unabhängigkeitskrieg ihren Staat bedeutend mitgeprägt hat. Vor allem der „Sharon-Plan“, der den Rückzug aus dem Gazastreifen beinhaltet, und ein damit verbundenes Friedensabkommen, werden von der Welt allgemein positiv mit seiner Ära verknüpft. Als Ariel Sharon im September 2005 am Jubiläumsgipfel der UNO in New York auf Grund des 60-jährigen Bestehens der Weltorganisation teilnahm, wurde sein Gaza-Abzug groß gefeiert.

Doch über den ehemaligen Vorsitzenden der Likud-Partei, mit der Sharon am 28. Januar 2003 seine zweite große Amtszeit einläutete, und Gründer der im Herbst 2005 ins Leben gerufenen Partei „Kardima“ (übersetzt „Vorwärts“), werden auch ganz andere Stimmen laut. Der geplante Sperrwall zum Westjordanland mit einer Länge von insgesamt 680 km wurde im Juli 2004 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag für völkerrechtswidrig erklärt.

Äußerst umstritten ist außerdem der Bau der Mauer zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten, die Sharon zum Schutz vor dem Terrorismus realisieren ließ. Bei der langen Trennungslinie habe Sharon die Existenz, die Bedürfnisse und die Wünsche der Palästinenser weitgehend ignoriert.

Somit bringen vermeintliche Heldentaten Sharons einen tiefen und dunklen Schatten mit sich. Auch an der Macht seiner zwei schlimmsten Feinde - er Hisbollah und der Hamas - ist er maßgeblich schuldig: Während des Libanonkrieges, für den sich vor allem Sharon verantworten muss, gewann die schiitische, pro-iranische Partei Hisbollah ihre Machtstellung, nachdem die Palästinenser aus dem Südlibanon vertrieben wurden.

Ähnlich verhält es sich mit dem Machtgewinn der Hamas: Nachdem Sharon an dem Zusammenbruch der gemäßigten Palästinensischen Autonomiebehörde als zentrale Einheit in den besetzten Gebieten Schuld trägt, wurde diese Lücke durch die 1987 gebildete islamistische Hamas gefüllt, die als Ziel die Auslöschung Israels sieht. Daher kommt es immer wieder zu Gewaltakten gegen israelische Zivilisten und Soldaten. Nun errang die Hamas bei der palästinensischen Parlamentswahl am 25. Januar 2006 die gefürchtete absolute Mehrheit.

Die Liste der dunklen Schatten des zwischen Leben und Tod schwankenden Ariel Sharon könnte in großen Bahnen weitergeführt werden. Immerhin hat er Israel in die verzwickte Lage geführt, in der es heute steht. Und doch scheint die Welt und dieses Land, das sich in seiner Flächengröße und Bevölkerungsdichte mit dem Bundesland Hessen vergleichen lässt, einen bedeutenden und klugen Mann zu verlieren, der immer als mutiger Kämpfer galt.

Unklare Zukunft

Auf der politischen Bühne wird gemunkelt, welche Absichten Sharon nach den geplanten Neuwahlen Ende März dieses Jahres für seine erhoffte dritte Amtszeit wirklich gehabt haben soll. Die Antwort wird uns Sharon selbst wohl nicht mehr geben können und das Einzige, was der Weltöffentlichkeit bleibt, sind Vermutungen.

Nach Aussagen seines Assistenten habe er beispielsweise vorgehabt, weitere jüdische Siedlungen im Westjordanland aufzulösen, die er bei direkter Anfrage jedoch vage verneinte. Er würde sich an den Friedensfahrplan halten, hieß es. Weiterer Auskünfte gab es nicht. Der Trennungszaun zwischen den verfeindeten Staaten hingegen wird vermutlich den Sinn Sharons beibehalten: Die Israelis vor den Palästinensern zu schützen - nach der gefährlichen Machtübernahme der Hamas noch stärker als je zuvor.

Die Situation bleibt bedrohlich, jeder Spieler von außen wird genau untersucht. Auch Angelika Merkel wurde bei ihrem Besuch Ende Januar eindringlich zu ihrer Haltung gegenüber dem Machtwechsel in den Palästinensergebieten beobachtet, während sie Jerusalem Hilfe im Atomstreit mit Teheran zusagte.

Die Neuwahlen Israels Ende März dürften also interessant werden, bei denen sich der konservative Politiker Benjamin Netanjahu, Sharons erbitterter Gegner, plötzlich als dessen legitimer Nachfolger bezeichnete und das Umfeld des Ministerpräsidenten sehr verärgerte.

Wer auch immer die politische Spitze in Israel besetzen wird, wird es schwer haben, vor allem Sharons erzielte positive Resonanz beizubehalten und gleichzeitig mit seinem schattigen politischen Erbe zu Recht zu kommen. Denn was für viele oft nach reinen Heldentaten aussieht, besitzt häufig undurchsichtige negative Auswirkungen, die wie ein kaum berücksichtigter Schatten hinter Sharons Erbe hergezogen werden.



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