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Kurzgeschichte: Späte Hoffnung


18.02.2006 (M. Kaufmann) Kategorie: Specials

Bild: www.plakatsammler.de

Dunkelheit! Dunkelheit und Stille. Nacht war es, finstere Nacht. Sie starrte an die Decke ihres Schlafzimmers und überlegte angestrengt. Von irgendetwas musste sie geweckt worden sein. War es ein Albtraum gewesen? Ein schrecklicher Albtraum? Oder ein Geräusch? Nein, dachte sie, kein Geräusch, war sich aber dennoch nicht sicher. Es war still und finster, es war Nacht, finstere Nacht.

Schnell schaltete sie das Licht an. Verwirrt war sie, wie immer an diesem Tag. Verwirrt und traurig. Schon wieder. Schon wieder war es soweit. Ein Geräusch oder ein Albtraum? Sie fröstelte. Traurig betrachtete sie das Photo auf ihrem Nachttisch. Ihr Mann, sie selber und... ja und ihre verstorbene Tochter. Heute vor zehn Jahren.

Vor zehn Jahren, ein Autounfall. Bilder sah sie, von dem Unfall, von ihrem Mann, von dem Blut. Sie erinnerte sich ganz genau. Nie könnte sie es vergessen. Immer waren die Bilder gegenwärtig. Sie hatte Angst. Furchtbare Angst. Vor der Zukunft? Aber es war zehn Jahre her, die Zukunft war doch schon längst gekommen. Sie war da, die Zukunft, und die alte Frau konnte nichts daran ändern. Das Leben ging weiter, das Leben ging immer weiter, ob man wollte oder nicht.

Ihr Mann schlief ruhig und friedlich. Nie hatte er Probleme mit Albträumen gehabt, oder mit Geräuschen in der Nacht. Nie! War sie wirklich von einem Albtraum geweckt worden? Sie zitterte nicht, sie schwitzte nicht und sie bezweifelte, dass es ein Albtraum gewesen war. War es wieder soweit? Allmählich schien sie verrückt zu werden. Zum zehnten Mal. Zum zehnten Mal hatte sie es gehört. Wieso? Halluzinierte sie? Nein, unmöglich. Sie hatte sich nie Dinge eingebildet. Warum sollte sie sich jetzt gerade, an dem Todestag ihrer Tochter, Dinge einbilden? Weil sie ihre Tochter so sehr vermisste? Weil sie ihren Tod nie akzeptiert hatte? Es war immer das Gleiche. Zum zehnten Mal. Jetzt rann ihr kalter Schweiß die Stirn herunter.

Die gleichen Fragen und die gleichen wenigen Antworten. Selbst ihr Mann glaubte ihr nicht, hielt sie nicht selten für verrückt. Konnte eine unendlich starke Mutterliebe zum Halluzinieren anregen? Liebe! Was war, wenn man zu extrem liebte? Liebe scheint nichts Schlechtes zu sein, aber zu viel Liebe unterdrückt und zu wenig Liebe macht krank und gefühllos. Hatte sie ihre Tochter immer „richtig“ geliebt? Gab es überhaupt eine „richtige Liebe“? Liebte sie ihren Mann denn noch? Seit dem Tod ihrer Tochter traten sie sich immer distanzierter gegenüber. Wann hatten sie sich zuletzt in den Arm genommen, sich zugelächelt, sich gegenseitig Komplimente gemacht? Eine Ewigkeit schien es her zu sein.

Albträume! Oft hatte die alte Frau Albträume. Sie sah den Unfall, die furchtbaren Bilder, das viele Blut. Warum hatte sie es denn noch nicht verarbeitet? Zehn Jahre war es her, zehn lange Jahre! Kein Albtraum hatte sie geweckt. Nein, ein Geräusch, besser gesagt, ein Lied. Das Lied! Zum zehnten Mal hörte sie es jetzt. Immer an dem Todestag ihrer Tochter. Ein Lied, welches ihr mehr sagte als tausend schöne Worte.

Leise stand sie auf, schaltete das Licht aus und tappte in der Dunkelheit zu der Schlafzimmertür. Hoffentlich wurde ihr Mann nicht wach. Dieses Mal würde sie nachsehen gehen. Sie konnte diese Ungewissheit nicht länger ertragen.

Stille lag in dem großen Haus. Unendliche Stille! Die alte Frau mit dem weißen Nachthemd stieg die Treppe hinauf und sah auf eine Tür. Neben der Tür stand ein kleiner Schrank, dessen Schublade sie aufzog, um einen Schlüssel herauszunehmen. Ein Schlüssel für die Tür. Sie führte zu dem Zimmer ihrer verstorbenen Tochter. Die Tür knarrte ein wenig, ging dann aber geräuschlos nach innen auf. Dunkelheit! Dunkelheit und Stille.

Die alte Frau schaltete das Licht ein und erblickte das Klavier. Das schöne Klavier, auf dem ihre Tochter immer gespielt hatte. Leidenschaftlich gerne, mit Gefühl und Liebe! Als sie starb, hatten sie das Zimmer verriegelt und nie mehr betreten. Zumindest die Frau nicht. Ein Versuch, dieses schlimme Ereignis zu verdrängen, zu verkraften und irgendwie zu vergessen. Der alten Frau stiegen Tränen in die Augen und sie ging auf das Klavier zu. Ihr Herz raste. Raste vor Angst und Verwirrung.

Das Lied! Es lag dort und es war aufgeschlagen. Als die alte Frau das Zimmer verschlossen hatte, hatte sie es nicht so hinterlassen, wie sie es nun auffand. Die Klaviernoten hatte sie eigentlich sauber und ordentlich auf einen Stapel gelegt. Jetzt lagen einige Notenblätter auf dem Boden.

Das Lied, welches nun aufgeschlagen auf dem Klavier lag, hatte sie gehört. Dieses Lied hatte sie geweckt. Aber wieso? Verwirrt aber nicht verängstigt verließ sie das Zimmer ihrer verstorbenen Tochter und beschloss, sich wieder hinzulegen, nachdem sie die Noten wieder ordentlich zusammengelegt hatte.

Wer hatte dieses Lied gespielt? Als sie den Schlüssel an den Platz zurücklegte, wo sie ihn auch zuvor entnommen hatte, wusste sie es. Sie hatte es immer gewusst und jetzt war ihr alles klar. Ihre Lippen formten sich zu einem Lächeln und sie ging wieder in die Richtung ihres Schlafzimmers.

Leise und irgendwie glücklich stieg sie in ihr Bett zurück. Dunkelheit! Dunkelheit und ein Klavierstück, wo vor ein paar Minuten noch Stille geherrscht hatte. Eine Melodie, die durch das große Haus schwebte. Es sollte das letzte Mal sein. Leidenschaftlich, mit Gefühl und Liebe.

Die alte Frau hatte keine Angst mehr, sie war nicht mehr verwirrt oder entsetzt. Glücklich war sie. Ihre Tochter war auch nach ihrem Tod immer noch gegenwärtig. Und ihre Mutter war froh, dass ihre Tochter glücklich war. Glücklich, dort, wo sie nun war. Ihre Tochter, die das Klavierstück „Träumerei“ von Schumann nur dann spielte, wenn sie glücklich war, spielte es auch jetzt. Für ihre Mutter!

Sie würde es nie wieder hören, nie wieder in diesem großen Haus, nie wieder von ihrer geliebten Tochter. Keine Albträume mehr, keine Angst mehr vor der Zukunft, die schon längst gekommen war. Glücklich und zufrieden begann die alte Frau wieder zu leben und zu lieben.

Ein neues Leben, eine neue Hoffnung, begleitet von den Tönen des Klavierstücks.

Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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