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„Der Zeit-Händler“ von Josef Herzog
Vor vielen Jahren lebte ein Händler namens Massul in der Altstadt von Damaskus. Niemand wusste genau, wann er in die Stadt gekommen war, doch eines Tages stand sein Name über der Eingangspforte eines kleinen Geschäftes. Darunter war in großen, goldenen Buchstaben zu lesen: „An- und Verkauf von Lebenszeit“
Als Massul zum ersten Mal die Ladentür öffnete, war der Basar noch menschenleer. Bekleidet mit dem blauen Kaftan des ehrsamen Kaufmannes, setzte er sich auf einen kleinen Schemel neben den Eingang seines Geschäftes und wartete.
Die ersten Sklaven fuhren mit ihren Handkarren an ihm vorbei und brachten frische Blumen, Heilkräuter und edle Gewürze. Händler füllten die Auslagen der Geschäfte mit den Schätzen Arabiens, ein samtiger Wohlgeruch legte sich über den noch morgendlich kühlen Markt.
Bald hatte es sich herumgesprochen, dass ein neuer Händler auf dem Basar sei. Vor Massuls Geschäft versammelten sich die reichen, aber auch die weniger erfolgreichen Händler der Stadt, betrachteten verwundert den Schriftzug über seiner Ladentür und sprachen heftig gestikulierend miteinander.
Endlich trat ein älterer Mann in einem prachtvoll verzierten Gewand vor, verbeugte sich mehrfach, führte die Hand grüßend zur Stirn und sprach: „Seid herzlich willkommen auf unserem Basar, ehrwürdiger Massul, und vergebt uns unsere Neugierde. Mein Name ist Hakim, Vorsteher der Händlergilde von Damaskus und Lieferant für Gold- und Silberwaren am Hofe unseres ehrwürdigen Kalifen. Verzeiht mir meine Unwissenheit, aber noch nie hörte ich von einem Kaufmann, der mit der Lebenszeit der Menschen handelt. Ist es nicht allein der Macht Allahs vorbehalten, über Tag und Stunde unseres Todes zu entscheiden?”
Auch Massul verbeugte sich höflich und antwortete: „Ich grüße Euch ebenfalls, ehrwürdiger Hakim. Ihr habt Recht: Nur Allah allein hat die Macht, über Anfang und Ende unseres Lebens zu bestimmen. Doch hat er mir in seiner unendlichen Weisheit gestattet, von jedem Menschen, dem es beliebt und dem noch genügend Zeit zur Verfügung steht, fünf Jahre seines Lebens zu kaufen. Und jedem, der es begehrt, darf ich fünf zusätzliche Jahre für sein von Allah bemessenes Leben anbieten. So war es sein Wille und ich gehorche.”
„Wenn Ihr nicht den blauen Kaftan des ehrbaren Händlers tragen würdet, könnte man glauben, Ihr wollt die gottesfürchtigen Männer von Damaskus betrügen. Aber sagt mir, wie viel würdet Ihr denn für fünf Jahre meines Lebens zahlen?”
Massul sprach: „Wenn Ihr die Güte habt, so folgt mir in meinen Laden. Dort wollen wir sehen, ob mir Allah die Gnade gewährt, fünf Jahre Eures Lebens kaufen zu dürfen.”
Wie alle Läden des Basars war auch Massuls Geschäft ein lang gestreckter, schmaler Raum mit weiß getünchten Lehmwänden. Doch wo sonst Tücher oder Blumen in allen Farben das Auge erfreuten und Körbe mit Gewürzen oder gebrannten Nüssen die Sinne betörten, sah man dort nur Flaschen aus syrischem Glas. Die blauen Gefäße mit ihren langen Hälsen schimmerten in der Morgensonne, die sich durch die offene Tür wagte. Manch einem der Anwesenden schien es, als entdecke er im Inneren der Karaffen ein geheimnisvolles, weißes Wabern. Die Männer verstummten ehrfürchtig und versammelten sich um den Stuhl, auf dem Hakim Platz genommen hatte.
„Zunächst muss ich an Eurem Puls fühlen, ob in Euch noch genug Lebenskräfte sind”, erklärte Massul und ergriff Hakims Handgelenk. Der Vorsteher der Händlergilde blickte verblüfft in Massuls Gesicht, das nun ganz ernst geworden war. Erleichtert seufzte Hakim auf, als dieser sein Handgelenk mit einem Lächeln wieder losließ.
„Eure Lebenskraft scheint mir stark genug, nun wollen wir prüfen, wie es um Eure Lebenszeit bestellt ist.”
„Einen Moment!”, rief Hakim, „Sagt mir erst, was Ihr mir für die fünf Jahre meines Lebens zahlen wollt!”
„Jedes Lebensjahr ist mir gleich viel wert”, antwortete Massul, „ob es nun das Jahr eines Kalifen oder das eines Wasserträgers ist. Für jedes Lebensjahr zahle ich hundert Goldstücke!”
Ein verblüfftes Murmeln ging durch den Raum, waren doch hundert Goldstücke ein kleines Vermögen.
„Und was verlangt Ihr, wenn jemand ein Lebensjahr kaufen möchte?”, fragte ein anderer Händler neugierig.
Massul lachte: „Ihr wisst, für jeden Menschen, der sein nahes Ende spürt, ist die Lebenszeit besonders kostbar. Weder mit Gold, Diamanten oder Palästen wäre sie aufzuwiegen, doch ich begnüge mich mit tausend Goldstücken.”
„So will ich Euch meine fünf Jahre gern verkaufen”, antwortete Hakim, „denn ich glaube nicht, dass ich deshalb auch nur eine Minute früher sterben muss. Lasst uns das Geschäft machen, noch nie habe ich auf so einfache Weise fünfhundert Goldstücke verdient.”
Massul ging in sein Lager und holte eine Flasche hervor, auf die er einen silbernen Trichter stülpte. Darauf legte er eine große schwarze Kugel, die mit Koransprüchen in roter Farbe beschriftet war.
„Legt eure Hände auf die Kugel. Wir werden sehen, ob wir das Geschäft machen können”, sagte Massul freundlich.
Als Hakim der Aufforderung nachkam, erglühte die rote Schrift wie aus einem inneren Feuer heraus. Doch im nächsten Moment erlosch sie wieder. „Was hat das zu bedeuten?”, fragte Hakim mit bleichem Gesicht.
„Es tut mir Leid”, antwortete Massul, “aber es ist mir nicht möglich, fünf Jahre Eures Lebens zu kaufen.”
„Warum nicht? Ist Euch das Geschäft zu teuer geworden?”, fragte Hakim verärgert.
Massul schüttelte den Kopf: „Ihr habt keine fünf Jahre mehr, die Ihr mir verkaufen könnt!”
Hakim sprang auf: „Was ist das für ein Unsinn? Ihr seid ein elendiger Betrüger!”
Rasch verließ er den Laden und die anderen Händler folgten ihm. Massul aber setzte sich wieder vor sein Geschäft und wartete.
Der missglückte Handel sprach sich schnell in ganz Damaskus herum und ein Streit entbrannte, ob Massul wirklich ein Betrüger sei oder ob der ehrwürdige Vorsteher der Händlergilde tatsächlich nicht mehr genug Lebenszeit besaß, die er verkaufen konnte.
Massuls Geschäft jedoch nahm seit diesem Tag einen unerwarteten Aufschwung. Jeden Morgen kamen Kunden, die ihm ihre Lebenszeit verkaufen wollten. Meist waren es einfache Diener oder Sklaven, die nur zu gerne bereit waren, etwas von der Unerträglichkeit ihres Daseins loszuwerden, um damit Geld zu verdienen. Massul kaufte ihnen bereitwillig ihre Lebenszeit ab und zahlte hundert Goldmünzen für jedes Jahr.
Die Reichen und Mächtigen jedoch schickten in der Nacht heimlich ihre Diener, denn niemand sollte sehen, wie sie neue Lebenszeit erwarben.
Eines Nachts klopften zwei Sklaven an Massuls Tür. Sie baten, er möge zu ihrem Herrn kommen und eine Flasche mit fünf Jahren Lebenszeit mitnehmen, die dieser dringend benötige. Massul nahm rasch eine der Karaffen aus seinem Regal und tat, wie ihm geheißen.
Die Diener brachten ihn zu einem Palast, der weit außerhalb von Damaskus in einem Hain aus Dattelpalmen stand. Als sie ihn hineingeführt hatten, öffnete sich plötzlich eine Tür und Hakim stand mit aschgrauem Gesicht vor ihm.
„Wundert Euch nicht”, sagte er, „ich bin nach wie vor der Meinung, dass Ihr nur ein Betrüger seid. Ich habe Euch auch nicht um meinetwillen rufen lassen, sondern wegen meiner Tochter Suleika. Sie liegt im Sterben und kein Arzt oder Zauberer vermag ihr zu helfen. So hat sie mich in ihrer größten Not gebeten, von Euch eine Flasche mit fünf Jahren Lebenszeit zu kaufen.”
[…]
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