|
Ständig sitze ich hier. Hier auf dieser gelb gestrichenen Bank. Ständig sehe ich von hier auf das Klinikgebäude, in welchem ich zurzeit stationiert bin. Ich brauche diesen Ort, ich brauche es, gelegentlich hier zu sitzen, damit ich abschalten und mich ein wenig mit der Natur verbinden kann. Diese Stelle ist mein Lieblingsplatz.
Bestimmt hatten die Bäume vor einem Monat noch genügend Blätter an ihren Zweigen, um einem die Sicht zum Himmel zu versperren. Vielleicht saß genau vor einem Monat auch ein anderer Patient auf dieser Bank, der kläglich weinte, oder eine Patientin, die sich freute.
Höchstwahrscheinlich saß hier aber immer eine Person, die sich Gedanken machte.
Wenn ich diese gelb gestrichene Bank wäre, wie viel Leid und Freude würde ich vernehmen? Wie viel Angst würde ich spüren, die sich vom Patienten auf mich projiziert? Wie viel Kälte würde ich empfinden, wenn ein Patient hoffnungslos ist? Und wie viel Trauer würde ich spüren, wenn ich erführe, dass sich ein Patient umbrachte, der noch vor kurzem auf mir saß?
Würde ich denn überhaupt etwas fühlen? Wenn ich diese Bank wäre, die hier stehen muss, wäre ich dann vielleicht schon emotional abgestumpft? Nach so vielen Jahren, in denen ich ständig die Emotionen eines Patienten spürte, würde es mich dann immer noch berühren, wenn die Tränen eines neuen Patienten auf meine gelbe Fläche fielen? Oder wenn ein Patient voller Freude den Teich und die Bäume betrachten würde, wäre mir das egal? Würde es mich nicht im Geringsten interessieren?
Oder der Gedanke, niemand würde an mich denken, würde mich dies verbittern? Würde es mich töten, weil es niemand bewusst wahrnähme, dass ich existiere? Würde ich es aushalten können, wenn ein Patient gegen mich treten würde, weil er wütend ist? Könnte ich es verkraften, wenn meine schöne gelbe Farbe im Winter anfangen würde zu bröckeln? Könnte ich es den Blättern der Bäume verzeihen, dass sie auf mich fallen?
Und wenn es regnen würde, könnte ich dem Stand halten? Oder würde ich morsch werden und zerbrechen? Was ist mit den Tieren? Könnte ich es aushalten, wenn ein Vogel an meinem Holz picken oder ein großer schwarzer Käfer auf mir krabbeln würde? Hätte ich vielleicht irgendwann keine Kraft mehr? Würde ich irgendwann zusammenfallen, ohne darauf zu achten, ob jemand auf mir sitzen und gerade diesen Platz brauchen würde, um sich besser zu fühlen? Wäre ich vielleicht irgendwann so traurig, wütend und verbittert, dass es mich nicht interessieren würde, dass jemand fähig wäre, mich wieder Stück für Stück aufzubauen?
Wie viel Wut würde ich in mir tragen, wenn eine Person auf mir säße, die ich nicht leiden kann? 24 Stunden am Tag stehe ich an der gleichen Stelle, habe immer den gleichen Blickwinkel, muss mir immer wieder anhören, was andere sagen, muss es mir immer wieder gefallen lassen, wenn sich jemand mit seinem dicken Hintern auf mich setzt. Es ist von morgens bis abends immer das Gleiche!
Würde mich diese Gewohnheit müde machen? Würde ich anfangen, mein Schicksal zu hassen? Würde ich jeden Menschen hassen, der sich nur in meine Nähe traut? Würde ich selbst irgendwann die schöne gelbe Farbe blass erscheinen oder mich morsch aussehen lassen, damit jeder einen großen Bogen um mich macht? Und wenn ich als Bank sprechen könnte, würde ich dann all meinen Hass herausschreien, damit jeder sieht, wie schlecht es mir geht? Wäre ich irgendwann so enttäuscht, dass ich mich selbst zerstören würde?
Nun bin ich wieder der Mensch, der auf dieser gelb gestrichenen Bank sitzt. Ein Strom der Traurigkeit durchläuft mich. Und ganz plötzlich merke ich, dass ich nicht von der Bank, sondern von mir gesprochen habe!
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
|