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Als ich vor Caspar David Friedrichs Meisterwerk „Mönch am Meer“ (1808 – 1810) stand, hatte ich beinah eine Art Déjà-vu und musste an einen langen Spaziergang denken, den ich an einem kalten und trüben Wintertag allein an der Ostsee unternahm. Ich empfand damals wohl dasselbe melancholische Gefühl wie das, was mir das Bild mitteilen möchte und für das sich kaum Worte finden lassen.
Auf dem Bild zu sehen ist ein Kapuzinermönch, der seinen Blick nach Norden richtet, in mitten einer nicht südlichen, sondern deutschen Künstlerlandschaft an der Ostsee – der Herkunft des Mönches. Die Wirkung der Natur lässt dabei nur einen Schluss zu: Der Mensch ihr der Natur ausgesetzt. (Für den Kunstkenner ist zu sehen, dass die klassizistischen Regeln der Landschaftsmalerei außer Acht gelassen wurden.)
Auf dem Ölgemälde (110 * 172 cm), das vom 17. Februar bis zum 5. Mai 2006 in Berlin als eines von 300 Meisterwerke in der Ausstellung „Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst“ zu erleben ist, sehe ich die gewaltige, bedrohliche und trostlos wirkende Natur, die durch ihre Farbgebung die kleine und dunkle Mönchsgestalt in sich zu verschlingen versucht. Denn sie ist es, die die innere Seelenregung des Mönches widerspiegelt, so die Ausstellungsbroschüre.
Das Ölgemälde beschreibt die Ausweglosigkeit und Verlorenheit der kleinen Seele im Vergleich zu den Kräften der Natur und macht mir bewusst, dass jeder von der Melancholie heimgesucht werden kann. Jeder von uns kennt das Gefühl der Verlorenheit, der Traurigkeit, des Trübsals und der Einsamkeit, in der man mit seinen Gedanken so sehr in sich selbst versinkt, dass alles Äußere Ausdruck der inneren Rastlosigkeit wird.
Der kleine Mönch, der hier der unerreichbaren Natur ausgesetzt ist, wird sogar als Selbstportrait des Künstlers interpretiert. Caspar David Friedrich (1774-1840) verkörperte den typischen Romantiker: Introvertiert, weltscheu, naturverbunden und sehr religiös. Eine schlimme Erfahrung in seiner Kindheit, bei der sein Bruder bei dem Versuch ertrank, ihn nach einem Einbruch ins Eis während des Schlittschuhlaufens zu retten, verstärkte sein melancholisches Temperament.
Die Natur ist in Caspar David Friedrichs Bildern stets dem Göttlichen gleichgesetzt, was einem pantheistischen Religionsgedanken gleichkommt. Dieser stand jedoch im Widerspruch zu dem zeitgenössischen protestantischen Gedanken, der die Natur als „heidnische Mutter“ sah. Doch auch der Geist der Zeit spiegelt sich in vielen seiner Werke wider. Sie erhalten eine Allegorie auf die patriotische Stimmung in den deutschen Staaten in der Zeit um die Befreiungskämpfe. 1815 erschütterte der Wiener Kongress alle Hoffnungen auf ein anderes Europa. Verfassungen wurden versprochen, schlussendlich aber doch verweigert. Stattdessen restaurierte der Wiener Kongress am Ende die absolutistischen Herrschaftsstrukturen. 1819 wurden durch Karlsbader Beschlüsse bürgerlich demographische Bestrebungen sogar kriminalisiert. Die wankelmütige Stimmung der Menschen zu dieser Zeit kann man sich aufgrund dieser Zustände gut vor Augen führen.
Der europäisch-kanadische Philosoph und Kulturhistoriker Raymond Klibansky (1905-2005) sagte einmal, dass der denkende Mensch ein Melancholiker sei. Die Ausstellung „Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst“ scheint genau dies zu bestätigen. Sie ist die erste Ausstellung dieser Art mit einer derart umfangreichen epochalen Zeitgeschichte und zog bereits im Pariser Grand Palais 300.000 Besucher in ihren Bann. Sie beleuchtet die Reichhaltigkeit dieser Thematik (in über 300 Meisterwerken) über einen Zeitraum von 2.000 Jahren Kunst- und Wissenschaftsgeschichte. Dabei verbindet sich die Melancholie stets mit verschieden Teilbereichen, unter anderem mit der Medizin, der Psychologie, der Religion, der Literatur, dem Film und der Musik.
Einen besonderen Akzent legt die Ausstellung auf den Gedanken, dass die Melancholie nichts Verachtenswertes ist - obwohl sie sich in trüben Gedanken verirrt -, sondern eine Chance Wunderbares und Geniales zu vollbringen. Der Begriff Melancholie stammt aus der Antike und bedeutet übersetzt „Schwarzgalligkeit“ von mélas (griechisch: schwarz) und cholé (griechisch: Galle). Einen Überschuss schwarzer Galle im Blut vermutete der berühmte griechische Arzt Hippokrates als Grund für das melancholische Temperament.
Auch wenn seine Theorie widerlegt wurde, ist seine Beobachtung, dass vor allem Genies verschiedener Bereiche den Zustand der Traurigkeit, des Trübsinns, der Depression und des Schwermuts innehaben, immer noch aktuell. Denn sie besitzen einen schöpferischen Schwermut, der sie schneller und tiefer denken und leiden lässt, sie befähigt Geniales hervorzubringen, der sie aber auch bis in den Wahnsinn treiben kann. Schon Seneca (De Tranquiliate Animi) erkannte im frühen 1. Jahrhundert vor Christus: „Es hat keinen großen Geist ohne Beimischung von Wahnsinn gegeben.“ So kommt es dann auch zu extremen Ausprägungen wie beispielsweise bei Vincent van Gogh, der sich ein Ohr abschnitt, bevor er sich selbst in die Nervenheilanstalt einwies.
Melancholie ist das Bewusstsein von der Endlichkeit der menschlichen Erkenntnis in einer als unendlich empfundenen Welt. Das Verlangen, diese Schranken zu durchbrechen und zu neuen Horizonten vorzustoßen, ist bis heute einer der Grundgedanken von Kunst. In diesem Sinne gilt der Kupferstich „Melencolia I“ von Albrecht Dürer (1514) als das Idealportrait des melancholischen Temperaments. Doch sollte sich der Betrachter einen Überblick von der gesamten Ausstellung machen, um den Facettenreichtum dieses Gefühls zu erfahren, das ihn selbst jederzeit überkommen kann.
Charakteristisch für das Melancholiegefühl ist vor allem der immer wiederkehrende, auf die Hand gestützte Kopf, verbunden mit einem Gesichtausdruck, der den Betrachter das Seufzen des melancholischen Geistes förmlich hören lässt. In dieser Haltung zeigt sich Johannes der Täufer in der Einöde (um 1480-1485), die Platzeinweiserin in Edward Hoppers „Kino in New York“ (1939), die geflügelte Personifikation in Düreres „Melencolia I“ und eine der sicherlich aufwühlendsten Meisterwerke dieser Ausstellung: Die übergroße und nackte Menschenplastik eines dicken Mannes (2000) des australischen Künstlers und Bildhauers Ron Mueck. Diese monströse Figur wirkt mit der detailgenauen Darstellung aller Härchen und Adern so real, dass sich der Betrachter nur sehr zögerlich an den in der Ecke kauernden Mann heran traut, als habe er Angst, er könne sich jeden Moment bewegen.
Was der Betrachter aus der Ausstellung mitnimmt, ist also nicht nur ein erweitertes Kunstverständnis und ein facettenreiches Wissen über das Phänomen „Melancholie“. Es ist auch der Gedanke an seine eigenen inneren melancholischen Gefühle, die in unserem schnelllebigen Zeitalter allzu oft verdrängt werden und als etwas Unerwünschtes gelten, obwohl sie doch so viel Tiefsinniges und Geniales erzählen können. Nehmen Sie sich mal wieder Zeit und hören ihnen zu und in sich hinein…
www.melancholieinberlin.org
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