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Das schwere Los der indischen Frauen


04.04.2006 (A. Dobinsky) Kategorie: Welt

Bild: lava.nationalgeographic.com

Stellt eine schwangere indische Frau bei einer pränatalen Geschlechtsbestimmung mit Hilfe eines Ultraschallgeräts fest, dass sie ein Mädchen erwartet, sinken die Lebenschancen dieses winzigen Fötus mit einem Mal rapide. Oft wird eine Abtreibung in Betracht gezogen, denn weiblicher Nachwuchs ist vor allem bei der Erstgeburt alles andere als erwünscht. Abtreibungen nach reinen geschlechtsspezifischen Erwägungen sind in Indien seit 1994 zwar verboten, jedoch ist allgemein bekannt, dass viele Ärzte sich nicht daran halten und dadurch auch Profit machen.

Anhand von Umfragen haben die Wissenschaftler Prabhat Jhar vom St.-Michaels-Krankenhaus der kanadischen Universität Toronto und Rajesh Kumar vom Postgraduate-Institut für Medizinforschung im indischen Chandigarh herausgefunden, dass innerhalb der letzten 20 Jahre bis zu 10 Millionen weiblicher Föten abgetrieben wurden (Veröffentlichung dieser Studie: Januar-Ausgabe 2006 der britischen Medizinzeitschrift „The Lancet“). Dabei werteten die Wissenschaftler Ergebnisse von rund 134.000 Geburten in 1,1 Millionen indischen Haushalten aus dem Jahr 1998 aus. Das große Problem Indiens stellt der „Sex Ratio“ dar, d.h. das Geburtenverhältnis von Mädchen zu Jungen. Der letzten Untersuchung im Jahr 2001 zur Folge, gibt es ein Ungleichgewicht von 927 Mädchen zu 1.000 Jungen.

Die unerwünschten und doch dringend notwendigen Töchter in Indien werden als Kinder zweiter Klasse angesehen und dementsprechend behandelt. Empirische Studien ließen beispielsweise erkennen, dass Frauen eine höhere Sterblichkeit als Männer aufweisen, da sie bereits innerhalb ihrer Familie als junge Mädchen weniger und qualitativ schlechteres Essen bekommen als ihre Brüder. Sie werden nur selten medizinisch versorgt und erhalten eher den Status einer billigen Haushaltshilfe als einer Tochter. Seelische und psychische Erniedrigungen und Vergewaltigungen stellen keine Seltenheit dar.

Wird für die im Durchschnitt 15-jährige Braut ein den Eltern passend erscheinender Ehemann gefunden und es kommt zur Hochzeit, muss die junge Frau nach der Eheschließung in den Haushalt des Mannes umziehen und untersteht ab diesem Zeitpunkt der Schirmherrschaft ihrer Schwiegermutter. Die frisch vermählte Inderin kann in dem traditionellen Familienbund erst durch die Geburt eines Sohnes oder durch eigene Erwerbsarbeit ihren Status verbessern.

Jedoch untersteht sie immer einem gewissen Verhaltenskodex, der ihr strenge Regeln in Bezug auf ihren Mann vorschreibt. Schon als Kinder werden junge Mädchen zur pflichttreuen, ergebenen und unterwürfigen Dienerin des Mannes erzogen und lernen ihre Versklavung und Abhängigkeit als ihr Schicksal zu akzeptieren.

Doch warum wünscht sich kaum eine Familie weiblichen Nachwuchs? Eine Frau in Indien gilt als reiner Kostenfaktor, deren Arbeit nicht als wirtschaftlich relevanter Beitrag zur Gesellschaft angesehen wird. Doch sie gilt nicht nur als unproduktiv, sondern auch als eine handfeste finanzielle Belastung. Die horrende Mitgift, mit dem sich die Brautfamilie sozusagen das Recht auf die Eheschließung mit dem Ehemann erkauft, kann den Brautvater an den Rand des Ruins treiben. Doch nicht nur die Mitgift ist Schuld an der Situation indischer Frauen, sondern auch die indische Tradition, dass das Hochzeitsfest mindestens eine Nummer größer zu sein hat, als es das Ersparnis zulässt.

Hat die Inderin ihr Dasein vollkommen den Wünschen ihres Mannes und seiner Familie untergeordnet, besitzt sie nach überlieferter Sitte nach dessen Tod keine unabhängige soziale Existenz und muss dem Mann sogar bis in den Tod hinein folgen. „Sati“ (Sanskrit: „die Seiende“, Frau, die den richtigen, mutigen Weg wählt) beschreibt die rituelle Selbstverbrennung der Ehefrau, bei der diese während der Verbrennungszeremonie ihrem Ehemann durch einen (mehr oder weniger freiwilligen) Sprung in die heißen Flammen in den Tod folgt. Diese Tat soll die ultimative Loyalität der Ehefrau gegenüber ihrem Mann aufzeigen. Um ihren Widerstand zu brechen, war das Verabreichen berauschender und beruhigender Drogen üblich.

Obwohl englischen Kolonialherren 1829 die Witwenverbrennung als kriminell einstuften und verbieten ließen, kann man heutzutage noch gelegentlich über die Praktizierung dieses grausamen Rituals in indischen Zeitungen lesen.

Vor dem indischen Gesetz jedoch sind Mann und Frau heute gleichgestellt. Sie besitzen das gleiche Recht auf Ausbildung, Lohn und spezielle Gesetze wie die Abschaffung des Mitgiftzwangs (1961), bezahlter Mutterschaftsurlaub, Abschaffung der im Kindesalter arrangierten Ehen und Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches (1971) sollen speziell die Frauen in ihrer schwierigen Lage unterstützen.

Doch bis sich das Bewusstsein der Bevölkerung wirklich wandelt, müssen vor allem Frauenaktivistinnen noch viel kämpfen, um etwas bewegen zu können. Immerhin gibt es schon einige Inderinnen, die sich in anerkannten Berufen gegenüber ihren männlichen Kollegen behaupten können. Doch zwischen den gut ausgebildeten und angesehenen Ministerinnen, Richterinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen und Wissenschaftlerinnen auf der einen Seite und den ausgebeuteten Töchtern auf der anderen Seite besteht noch eine sehr große Kluft.



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