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Auf den ersten Blick ist es nicht ganz klar: Warum sollte man Deutschland verlassen? Deutschland gehört doch zu den Ländern, die eine starke Einwanderungsquote haben - und das seit Jahrzehnten. Also wo steckt hier das mögliche Motiv?
Dass Menschen im Ausland Arbeit suchen, ist nicht neu. Neu ist aber, dass dieser Trend erheblich zunimmt. Mittlerweile ist eine beachtliche Auswanderung aus Deutschland festzustellen. Laut einer offiziellen Statistik verließen mehr als 150.000 Deutsche im Jahr 2004 Deutschland - so viel wie nie zuvor seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen, Mitte der 50er Jahre.
Im ersten Halbjahr 2005 waren es schon 78.400 Menschen. Die Zukunftsprognose sagt einen weiteren Anstieg voraus. Die meisten Auswanderer sind zwischen 20 und 60 Jahre alt, also im besten Arbeitsalter. Der Trend, im Ausland nach Arbeit zu suchen, gilt für Akademiker ebenso wie für Handwerker.
Aus der Sicht des Arbeitsmarktexperten, Hilmar Schneider, vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) bestehen für die Auswanderung zwei Gründe: „Einerseits die hohe Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende fehlende Beschäftigungsperspektive in Deutschland, andererseits die Unzufriedenheit innerhalb mancher Berufsgruppen.“
Einen großen Bedarf an Handwerkern gibt es vor allem in Norwegen. So heißt es auf einer offiziellen deutschsprachigen Internetseite Norwegens: „Möchten Sie in Norwegen arbeiten?“
Aber auch Fachärzte und Zahnärzte sind sehr gefragt, denn im Gesundheitssektor gäbe es genügend freie Stellen. Fakt ist: Die Bedingungen für Ärzte im Ausland, wie etwa Großbritannien oder Skandinavien, sind deutlich besser als in Deutschland. Hierzulande fehlen jedoch die Anreize. Die Ärzte arbeiten zum Teil an der Grenze des Möglichen. In Kliniken sind Zehn-Stunden-Schichten und mehr schon längst an der Tagesordnung.
Ebenfalls ein wichtiger Punkt ist der finanzielle Aspekt. Die Ärztegewerkschaft setzt sich bereits seit Wochen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ein - bisher leider vergeblich. Unterbesetzung stellt einen ebenso wichtigen Punkt dar. Würden mehr Ärzte eine Anstellung finden, wäre den langen Arbeitszeiten entgegenzuwirken.
Jedoch muss auch gesagt werden, dass es den Studenten scheinbar nicht lukrativ genug erscheint, Medizin zu studieren - gerade eben aus den oben genannten Gründen. So aber stellt sich für praktizierende Ärzte und potenzielle Anwärter die Frage, warum sie unter solch harten und teilweise unmenschlichen Bedingungen arbeiten sollen, wenn ihnen im Ausland ein besseres Arbeiten ermöglicht wird.
Aus der Sicht von Stefanie Wahl, Geschäftsführerin des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG Bonn), zieht es auch viele deutsche Arbeitssuchende in die österreichische und schweizerische Gastronomie. Offenbar sei das Image von Kellnern, Köchen oder Zimmermädchen in den Nachbarländern besser als hier. Besonders beliebt sind die Schweiz, Österreich und Großbritannien, so die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. „Wer geht, ist häufig hoch motiviert und gut ausgebildet. Wer kommt, ist meistens arm, ungelernt und wenig gebildet - und er bleibt dies häufig auch“, so Wahl.
Dass darüber große Besorgnis herrscht, ist klar, denn welcher Chef lässt seinen jungen engagierten Koch gern gehen? Umgekehrt sollte man sich fragen, welcher Koch Interesse daran hat in einer Hinterhofsküche irgendwo in Deutschland zu arbeiten, wenn er woanders einen Ausblick auf das Meer oder die Alpen haben kann.
Fakt ist, um die Auswanderung zu senken, sind Lösungsansätze in den derzeitigen Arbeitsbedingungen zu suchen. Das bedeutet: Wenig Lohn, unbezahlte Überstunden, das Bangen um die Arbeitsstelle, teilweise rückläufiges Kaufkraftverhalten der Verbraucher durch Verteuerung der Produkte - all das macht überhaupt die Überlegungen über eine eventuelle Auswanderung in ein wirtschaftlich stärkeres Land aus. Zur Lösung dieses Problems müsste die Politik also mit ihren Überlegungen an diesem Punkt ansetzen.
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