|
Sieh mich doch an, sprich doch mit mir, berühr mich doch! Warum liebst du mich nicht? Was haben andere Frauen, was ich nicht habe? Ich habe es dir doch geschrieben. Ich habe dir geschrieben, dass ich mich in dich verliebt habe. Warum sagst du nichts dazu? Ist es dir egal?
Dort stand sie nun, zwischen all den Menschen, zwischen Betrunkenen, Verliebten, Disco-Fans, doch sie sah diese Menschen nicht, sie sah nur einen. Er stand dort, mit seinen Freunden. Er hatte sie noch nicht gesehen. Sie konnte nichts anderes machen, als ihn anzustarren, ihn zu beobachten, ihn zu fixieren. Sie hatte vorher gewusst, dass er hier sein würde. Ja, deswegen war sie ja auch gekommen. Nicht wegen der Musik oder wegen ihrer Freunde; nicht, weil sie Spaß haben wollte, sondern nur, weil sie ihn sehen wollte. Nur deswegen. Sie hatte sich auch nur wegen ihm so angezogen.
Warum liebst du mich nicht? Warum nur?
Sie konnte nicht mehr denken, sie hatte keinen Hunger mehr, sie konnte nicht mehr schlafen. Sie empfand nichts anderes mehr als Schmerz, Hoffnung, die wahrscheinlich schon gestorben war und Wut. Wut auf sich selbst, weil sie ihn liebte. Was hatte er denn, was die anderen Männer nicht hatten? Er stand dort und trank sein Bier, lachte, hatte seinen Spaß und sicherlich verschwendete er keinen Gedanken an sie. Weshalb auch? Er liebte sie ja nicht!
Sie wurde angerempelt und ein Glas Cola ergoss sich über ihr T-Shirt. Der Mann entschuldigte sich und sah auf ihre Brüste. Ein anderer lachte. Sie sah den lachenden Mann wütend an, der sofort verstummte. Dann sah sie wieder zu ihm. Er sah sie an! Ja, er sah zu ihr rüber, genau in ihre Augen und dann auf ihr nasses T-Shirt. Sie kam sich so dämlich vor, so naiv, so dumm. Was wollte sie eigentlich hier? Was dachte er wohl von ihr? Sie stand hier mit einem von Cola durchnässten T-Shirt, starrte ihn an und rührte sich nicht vom Fleck. Er sah sie immer noch an.
Willst du mir etwas sagen? Willst du nicht zu mir kommen, mit mir reden? Endlich mal die Fakten auf den Tisch bringen? Endlich mal sagen, was überhaupt Sache ist? Oder willst du mich hier stehen lassen, mich ignorieren, so tun, als wäre nie etwas gewesen, als würdest du mich nicht kennen? Schämst du dich für mich? Bin ich dir nicht schön genug, oder bin ich zu unintelligent? Warum siehst du mich so an, als würdest du etwas sagen wollen?
Nein, sie ertrug das nicht länger. Wieso war sie überhaupt hier? Sie sah kurz auf den Boden, drehte sich dann um und ging rasch in Richtung Ausgang. Ihr Kopf war überladen. Sie nahm nichts mehr wahr. Zweimal kollidierte sie mit irgendjemandem, entschuldigte sich nuschelnd und ging weiter. Sie fühlte sich so widerlich. Was hatte sie denn geglaubt? Dass er sie lieben könnte? Dass er sie brauchte? Das wäre viel zu viel Glück auf einmal, warum sollte er sie auch lieben? Dafür gab es doch gar keinen Grund!
Dann fing sie an zu rennen. Sie rannte und verschwand aus der Disco. Draußen war es kalt, sie fror. Tränen benetzten ihre Wangen. Sie fing an zu schluchzen. Sie konnte nichts anderes tun, konnte ihr Weinen nicht unterdrücken. Sie wollte ihn vergessen, ihn nicht mehr lieben. Es sollte endlich aufhören, sie wollte sich nicht mehr quälen, sich nicht mehr Nächte lang herumwälzen, in der Hoffnung, der Schlaf möge sie übermannen.
Herr, hilf mir! Das ist zu grausam, das ertrage ich nicht! Ich brauche ihn, ich brauche seine Anwesenheit, seine Stimme, seine Augen. Ich werde ihn immer lieben, er ist für immer ein Teil meines Herzens.
Sie rannte über die Straße. Sie hatte sich ja nicht einmal von ihren Freunden verabschiedet. Sie konnte sich auf nichts mehr konzentrieren, sie konnte nicht mehr klar denken, sie konnte ihre Emotionen nicht mehr bestimmen. Auf der anderen Straßenseite blieb sie stehen. Sie drehte sich nicht um. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sie müsse damit abschließen, sonst würde sie daran sterben. Sie würde wahnsinnig werden, wenn er sie nicht liebte. Sie wollte wegrennen, ihn nie wieder sehen, damit sie ihn vergaß, sie musste hier raus. Natürlich wäre es eine Flucht, aber es wäre auch eine Lösung, eine Distanz, die sie brauchte, die sie erzwingen musste, um sich selbst zu schützen. Ihr ganzer Körper zitterte, Tränen fielen auf den Bürgersteig, ein paar verzerrte Stimmen drangen zu ihr durch.
Und dann seine Stimme. Ja, sie hörte seine Stimme. Mit einem Ruck hob sie den Kopf, riss die Augen auf, drehte sich um und erblickte ihn auf der anderen Straßenseite. „Warte!“, schrie er und lief los. Liebte er sie vielleicht doch? Oder was wollte er? Wollte er wirklich mit ihr sprechen, hatte er wirklich das Bedürfnis, mit ihr zu reden? Das konnte nicht sein! Sie war fassungslos.
All dies sah sie in Zeitlupe, wie er auf sie zulief und wie das Auto ihn erfasste, welches sie beide nicht kommen sehen gesehen hatten. Es erfasste ihn mit voller Wucht, er wurde durch die Luft geschleudert und sie sah Blut. Das Auto hielt mit quietschenden Reifen und er schlug auf die Straße auf. Und blieb liegen. Er rührte sich nicht. Sie rührte sich auch nicht, ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Mund stand offen. Der Fahrer des Wagens stieg aus, rannte zu ihm und schrie irgendetwas. Sie begriff nicht, was da vor sich ging, sie verstand nicht, was er wollte. Sprach der Fahrer mit ihr?
Andere umstehende Menschen gingen auf den Unfallort zu, einer benutzte sein Handy. Sie merkte nicht, wie sich ihre Beine bewegten, doch sie kam ihm näher. Er lag dort. Warum bewegte er sich nicht, warum sagte er nichts? Sie verstand das nicht und plötzlich war dort Lärm. Plötzlich nahm sie alles wieder wahr, auch, wie ihr Herz einen Sprung machte und losraste. Ihr wurde schwindelig, dann rannte sie auf ihn zu. Blut...überall Blut! Sie ließ sich auf die Knie fallen, sah ihm in das blutüberströmte Gesicht und schrie seinen Namen. Immer wieder, immer wieder, bis sie nicht mehr schreien konnte, bis sie nur noch schluchzte.
Sie hörte Sirenen. Irgendwer hatte den Notarzt gerufen und die Polizei. Der Fahrer des Wagens war leichenblass, er zitterte. Sie hielt ihn fest, hielt sich an dem Mann fest, den sie liebte, den sie brauchte, den sie vergötterte. Sie nahm sein Parfüm wahr. Sie krallte sich an seinem Jackett fest, als ein Notarzt sie wegreißen wollte, weg reißen von ihm. Es gelang ihnen mit drei Männern. Sie schrie, ihr wurde schwindelig und dann saß sie irgendwo auf der Straße, mit einer Decke um ihren Körper. Neben ihr saß jemand und sprach auf sie ein, doch sie verstand den Sinn der Worte nicht. Sie starrte nur auf die Notärzte, wie sie an ihm rumfummelten, wie sie versuchten, ihn wiederzubeleben. Dann gaben sie auf, es hatte wohl keinen Sinn mehr. Einer von den Notärzten, sah zu ihr rüber, sah in ihre geröteten, apathischen Augen. Er war tot! Er war gestorben.
Später saß sie in einem Polizeiwagen und wurde nach Hause gebracht. Sie hatten den Beamten nicht sagen können, wo sie wohnte, sie wusste es nicht mehr. Doch ihr Personalausweis hatte Aufschluss gegeben. Tränen rannen ihr über die Wangen, doch sie spürte sie nicht. Wie in Trance griff sie nach ihrem Handy. Sie hatte eine Nachricht bekommen.
„Du weißt, wo ich heute Abend bin, komm zu mir, ich muss mit dir reden! Ja, ich liebe dich auch!“
Vor drei Stunden hatte sie diese SMS bekommen. Vor drei Stunden und zwar von ihm! Sie hatte ihr Handy nicht gehört. In diesem Moment starb etwas in ihr, was sie nie wieder bekommen würde.
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
|