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Es gehört schon viel Kraft und Mut dazu, an der Spitze der Karriere zurückzublicken und einen großen Schritt nach hinten zu treten. Auch wenn Medien ihn mittlerweile als „kränkelnd“ entwerten und Politiker hängeringend nach starken Nachfolgern suchen: Matthias Platzecks Amtsniederlegung beweist, dass Gesundheit dem Beruf vorgeht.
Nach nur 146 Tagen im Amt als SPD-Vorsitzender verkündet Platzeck am 25. April 2006 überraschend seinen Rücktritt. „Es hat keinen Sinn, weiter gegen die Wand zu laufen“, erklärte Matthias Platzeck der Presse am Mittag. Vorausgegangen war der Bänder-Riss, den er sich 2002 zugezogen hatte. Es folgten 2003 Hexenschuss und Lungenentzündung. Zwei Jahre später klemmte er sich einen Rückennerv ein und erlitt seinen ersten Hörsturz. Auch in diesem Jahr hatte er gesundheitliche Probleme: Kreislaufzusammenbruch und einen erneuten Hörsturz. Die SPD verliert damit einen Hoffnungsträger und ihren designierten Kanzlerkandidaten für 2009.
Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit legte Platzeck sein Amt nieder. Die SPD musste damit zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres einen Führungswechsel verkraften. Fraktionschef Peter Struck zeigte sich beunruhigt: „Es kommt eine schwere Zeit auf uns zu“, sagte er in Berlin. „Ich glaube schon, dass die Partei verstört sein wird.“
Als Nachfolger nominierte die SPD-Spitze den Ministerpräsident aus Rheinland-Pfalz, Kurt Beck. Der bisherige erste Stellvertreter Platzecks soll auf einem Sonderparteitag am 14. Mai in Berlin zum neuen Parteichef gewählt werden. Der 57-jährige Beck bekannte sich zur Fortsetzung des Bündnisses mit der Union. Er sagte, er habe „Tage der Betroffenheit“ durchlitten. Platzeck habe einen „neuen, guten Stil“ und die Idee der Teamarbeit in der SPD-Führung etabliert. Dies wolle er fortführen und inhaltlich an die von Platzeck vorgegebene Grundlinie anknüpfen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel bekundete ihren Respekt und ihr Bedauern: „Ich kann es nachvollziehen, dass es zu den schwierigsten politischen Entscheidungen gehört, die man treffen kann.“ Doch geht sie auch nach dem Rücktritt Platzecks von einem reibungslosen Ablauf der Koalitionsarbeit aus. Merkel sagte, sie habe den Eindruck, dass die Regierungsarbeit unverändert und gut weiterlaufen werde. Darin ist sie sich mit Platzecks Nachfolger einig. „Ich werde natürlich auch mit Kurt Beck vertrauensvoll und im Geiste der Großen Koalition und der vor ihr stehenden Aufgaben zusammenarbeiten“, sagte die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende.
In der heutigen Zeit, in der Krankmeldungen drastisch zurückgehen, weil Arbeitnehmer um ihren Job fürchten, könnte Platzeck Kapitulation Signalcharakter haben. Schließlich lässt sich der Konflikt zwischen Staat, Funktionalität und menschlichen Kräften nicht betrügen. Wie der politische Leistungsträger gezeigt hat, geht es nicht einzig allein darum, den Ansprüchen der Gesellschaft zu genügen. Auch ein Blick auf das eigene Wesen kann hilfreich sein.
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