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Kurzgeschichte: Die Fahrradtour


01.06.2006 (S. Mehnert) Kategorie: Specials

Bild: www.schillig-urlaub.de

„Aber ich will nicht!“ Trotzig stampfte Max mit dem Fuß.
„Wir machen nur eine kleine Tour, ich verspreche es…“
„Fahrradfahren ist doof!“
Melanie seufzte. Ihr fünfjähriger Sohn war ein echtes Goldstück, aber manchmal raubte er ihr den letzten Nerv. Das Wetter war endlich schön geworden, seit Tagen hatten sie den Bauernhof nicht verlassen, der Urlaub war schon fast ins Wasser gefallen.

„Lassen Sie ihn ruhig hier, wir passen schon auf den Kleinen auf.“ Bauer Knusebrecht hatte ihre Diskussion gehört und kam mit der Schaufel in der Hand herüber. „Au ja!“, reagierte Max, viel schneller als sie, „dann kann ich wieder die Kälbchen füttern und die kleinen Schweine über den Hof jagen…“ Seine Begeisterung und das freundliche Nicken ihres Vermieters ließen Melanies letzte Bedenken verfliegen. „In Ordnung. Ich bleibe auch nicht lange weg“, erklärte sie, aber Max stürmte schon in den Stall und rief im Laufen: „Tschüss, bis später!“ Lachend stieg Melanie aufs Rad.

„Sie fahren doch sicher nach Schillig! Dann halten Sie bei Eis-Willi, der hat das beste Eis im ganzen Norden.“
„Mache ich. Danke, dass Sie auf Max aufpassen, Herr Knusebrecht.“
„Nix zu danken, ich mag den Jungen ja… und jetzt wech mit Ihnen, sonst verpassen Sie das gute Wetter!“, lachte er und stapfte dem Kind hinterher.

Melanie fuhr los und es dauerte etwas, bis sie sich daran gewöhnt hatte, ohne Max zu sein. Schließlich war er der einzige männliche Teil ihrer Minifamilie und rund um die Uhr in ihrer Nähe.

Der Wind wehte ihr angenehm warm entgegen, die Sonne schien einladend und je länger sie fuhr, desto mehr freute sie sich schon auf das Eis. Als sie das Ortsschild Schillig passierte, nahm Melanie die kleine Anstrengung in Kauf und schob ihr Fahrrad auf den Deich.

Wunderschön, dachte sie, als sie die glitzernden Wellen sah und fühlte Wehmut in sich aufsteigen. Mit der See verband sie ihre Mutter und die war vor zehn Jahren gestorben, kurz nach der Trennung von ihrem Mann. Noch lebhaft erinnerte sich Melanie an die elterlichen Diskussionen, wo der jährliche Urlaub verbracht werden sollte; Vater wollte in die Berge, Mutter ans Meer. Melanie konnte sich nur an Bergtouren, Wanderurlaube und ähnliche Gebirgsaufenthalte erinnern; ihre Mutter hatte immer den Kürzeren gezogen. Melanie hatte nie darüber nachgedacht, aber jetzt fiel ihr auf, dass sie das Meer sehr mochte - so wie ihre Mutter.

Entspannt und sehr froh darüber, Max in guter Obhut zu wissen, schob sie ihr Rad den Deich entlang. Der Duft von Sonnencreme mischte sich mit dem Geruch des Meeres. Kinder tobten im flachen Wasser, hin und wieder sprang ein Hund bellend dazwischen und über ihr zogen die Möwen kreischend ihre Runden. Melanie genoss mit allen Sinnen diese neuen Eindrücke.

Zur Feier des Tages gönnte sie sich bei Eis-Willi ganze drei Kugeln. Sie waren sehr teuer, aber Melanie wollte einmal nicht ans Geld denken. Zufrieden lehnte sie das Rad an eine Bank, aß ihr Vanille-Bourbon-Eis und sah den Fischern auf den Booten zu.

„Sind Sie zum ersten Mal hier?“, hörte sie plötzlich eine Stimme.
„Ähm, ja!“ Die Frau neben ihr war ihr gar nicht aufgefallen.
„Und? Gefällt es Ihnen hier?“
„Ja, sehr.“ Melanie überlegte, ob sie die Frau gestört hatte, aber der Ausdruck ihres runzligen Gesichtes sah nicht danach aus, als fühlte sie sich belästigt.

„Sie sind eine von denen, oder?“
„Von denen?“, wiederholte Melanie. „Was meinen Sie?“
„Na, von denen, die wiederkommen.“
„Ich…“, etwas ratlos, was die Frau gemeint hatte, stockte sie und runzelte die Augenbrauen.
„Dachte ich es mir doch“, ließ sich die Oma nicht beirren und lächelte. „Ich wette, Sie haben ein Kind dabei.“

Melanie bekam eine Gänsehaut, aber sie entschied, nichts von sich zu verraten, bevor sie die alte Frau nicht besser einordnen konnte. „Tut mir Leid, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“
„Ach, Kindchen, das ist doch ganz klar. Du bist die Tochter von Eltern, die sich nie darauf einigen konnten, wo sie den Urlaub verbringen. Früher oder später gehen diese Ehen in die Brüche. Das Kind folgt der Spur des Elternteils, der immer verloren hat und peng, schon ist es hier.“

Melanie machte sich jetzt ernsthaft Sorgen, die Frau hätte einen Sonnenstich bekommen.
„Wie alt warst du denn, als sie sich getrennt haben?“
„Vierzehn“, antwortete sie, zu verdutzt, um etwas Anderes zu tun.
„Siehste! Und jetzt frage ich dich: Ist es nicht schön hier?“
„Ja. Einmalig. Aber woher wissen Sie all das?“
„Ach, Kindchen, Kindchen.“ Sie legte Melanie vertraulich die Hand auf den Arm. „Schillig ist ein Ort der Wiederkehr. Sie kommen alle zurück. Und wenn es eine Generation später ist.“
„Das ist doch Unsinn. Sie können doch nicht all das wissen.“
„Habe ich nicht Recht?“ Die Frage kam ruhig und von einem Lächeln begleitet.
„Doch! Aber warum?“

„Weil das nun mal so ist! Und jetzt erzähl mal, wieso bist du nicht verheiratet?“
Melanie wurde es jetzt zu bunt.
„Entschuldigung, aber das geht mir jetzt langsam zu weit. Woher nehmen Sie diese…“
„Na, der nackte Ringfinger… Ich könnte Geschichten erzählen, das glaubst du nicht. Hast du einen Sohn oder ein Mädchen?“
„Sohn!“ Jetzt wurde sie trotzig.
„Gefällt es ihm hier?“

Die Frau strahlte solche Ruhe aus, dass Melanies Groll schnell verflog. Wieso wusste sie soviel über sie? Oder war das Zufall? Aber aus so urigen Gegenden hörte man ja die dollsten Geschichten. Vielleicht saß eine echte Seherin neben ihr.

„Sie kennen die Antwort schon, oder?“
„Natürlich.“
Allmählich verspürte Melanie den Wunsch, ein paar Fragen zu stellen. „Glauben Sie, dass er leidet?“
„Tjaaa, das kann man nicht so sagen, aber es tut ihm bestimmt gut, viel draußen zu sein und die saubere Luft…“

Es stimmte, in ihrer Kleinstadt spielte Max fast nie draußen. Melanie wollte es nicht. Hier hatte er schon nach drei Tagen eine gesunde Gesichtsfarbe bekommen. Und das sogar bei Regen.
„Ich kann mir nicht mehr leisten“, erklärte Melanie.
„Sie tun schon genug!“, kam die Antwort, „Aber vielleicht nicht das Richtige…“
„Was meinen Sie?“
„Wieso ziehen Sie nicht hierher?“
„Ich… äh…“ Ihr blieb die Luft weg.
„Wissen Sie, ich habe eine hervorragende Menschenkenntnis“, kicherte die Oma jetzt zufrieden. „Mich soll der Teufel holen, wenn Sie hier in Schillig keine Arbeit finden würden.“

„Aber, als was denn?“
„Na, Haushaltshilfe. Dann lernt ihr Junge neue Kinners kennen und Sie kommen aus der Stadt raus.“
Melanie schaute die Frau mit großen Augen an und es dauerte, bis sie ihre Überraschung überwand.
„Vorsicht, Kind, Ihr Eis …“
„Wieso sagen Sie das alles?“
„Na, heute ist Neumond! Da macht man Pläne für die Zukunft.“

In Melanie wirbelte ein mittlerer Sturm. Die Idee war gar nicht so dumm, die alte Frau hatte etwas ausgesprochen, was ihr bis zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht klar gewesen war. Sie wollte ihr Leben so nicht weiterleben, das stimmte. Ihr Wohnort gefiel ihr nicht mehr. Die Wohnung war eine tägliche Erinnerung an die schmerzliche Trennung von Stefan und um Max sorgte sie sich mehr, als sie sich selber eingestand.

Nachdenklich erhob sie sich. „Ich muss jetzt fahren …“
„Das verstehe ich doch. Denken Sie drüber nach… Es hat noch niemandem geschadet, ein wenig über sein Leben nachzudenken.“
„Ja. Auf Wiedersehen, Frau…“
„Oh, hatte ich vergessen mich vorzustellen? Wie unhöflich. Knusebrecht.“ Sie zwinkerte ihr fröhlich zu. „Mein Sohn hatte mich vorhin angerufen, grüßen Sie ihn noch einmal von mir und sagen Sie ihm bitte, das Eisgeschäft läuft heute bombig.“

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Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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