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Günter Grass beschwört Kurt Beck „die Wurzeln, die Geschichte unserer Sozialdemokratie wieder herzustellen“. Kurt Beck hingegen beschwört seine Basis, denn seit dem 14. Mai 2006 ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident auch Parteivorsitzender. Doch worin liegen die Wurzeln der SPD?
Vorab erst einmal die Bedeutung des Kürzels SPD. Es steht für die Sozialdemokratische Partei Deutschland, die sozial und demokratisch Einfluss auf das gesamte Wirtschaftsleben nehmen - soweit so gut.
August Bebel und Wilhelm Liebknecht gründeten 1869 die SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) mit dem Ziel, die Arbeiter, die unter sklavenhaften Bedingungen das deutsche Bürgertum finanzierten, mit Rechten auszustatten. Danach folgte die Einführung der Krankenversicherung und zu einem späteren Zeitpunkt die Einführung der Rentenversicherung. Damals ein genialer Schachzug, da Kinder im „Überfluss“ geboren wurden.
Urheber der Einführung dieser Versicherungszweige war Bismarck, der das überwiegend aus politischen Motiven veranlasste. Die Arbeitnehmer, denn es wurden auch andere Berufsgruppen integriert, jedoch spürten eine zufrieden stellende Verbesserung mit dieser Veränderung. Hier und in dem 1863 von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverband liegen hauptsächlich die Gründerwurzeln der SPD, die sich 1890 von SAP (Sozialistische Arbeiterpartei) in SPD umbenannte.
Meinten Grass und Beck diese Wurzeln? Wollen sie die Partei in das 19. Jahrhundert katapultieren? Das Klientel wären dann wieder Fabrikarbeiter. Aber gibt es die nicht nur noch in China?
Als man noch gegen die Sozialistengesetze und Wilhelm II. kämpfte, bildete das Klientel der SPD 30 % der Bevölkerung. Auch heutzutage scheint die SPD kaum mehr Wähler zu mobilisieren, also sollte doch alles wunderbar sein. Ist es aber nicht.
Nachdem die marxistisch orientierte Partei nach dem 2. Weltkrieg wieder formiert war und unter Kurt Schumachers Leitung stand, war die Richtung klar: Verstaatlichung aller Grundstoffindustrien, unbedingte Wiedervereinigung und die damit eventuell verbundene Neutralität Deutschlands und schließlich der völlige Verzicht auf eine erneute Militarisierung.
Die soziale Marktwirtschaft verhalf Deutschland bekanntermaßen zum so genannten „Wirtschaftswunder“. Die Wiedervereinigung aber ließ auf sich warten und die Wiederbewaffnung erfolgte nur neun Jahre nach der Kapitulation Deutschlands. Doch verurteilen würden wahrscheinlich weder Kurt Beck noch seine Genossen diese Entscheidungen, die ihre Partei damals nicht unterstützen konnte.
Während der marxistisch orientierten Nachkriegszeit der SPD bildeten sich Gruppen, die sich für eine Öffnung der Partei und eine Abwendung vom Marxismus stark machten. Im Jahr 1959 führten diese Gruppen die SPD zum legendären „Godesberger-Programm“ und schließlich in die Regierung.
Die SPD verlor seit dem November jenen Jahres große Teile ihres ursprünglichen Klientel, den Arbeitern. Schließlich erklärte man sich jetzt zur Volkspartei, deren eingeschränkte Fokussierung auf ein bestimmtes Klientel nicht mehr in das Programm passen konnte.
Mit der Abkehr vom Marxismus öffnete sich die Partei plötzlich auch für die breite Mittelschicht, die schließlich die SPD auch an die Macht hievte, und Angestellte, Beamte und Jugendliche strömten in die Partei. Innerhalb von neun Jahren verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder mit freien und geistigen Berufen. Und schließlich bekam die Partei mit Willy Brandt einen Vorsitzenden, der gelernter Journalist und mehrere Sprachen beherrschend, die deutschen Intellektuellen für die SPD gewinnen konnte.
Günter Grass und Siegfried Lenz schrieben Oden über die SPD und ihren Vorsitzenden. Helmut Schmidt wirkt seit jeher bei der „Zeit“, der linksliberalen intellektuellen Zeitschrift schlechthin, mit. Plötzlich war die SPD die Partei der linksliberalen Intellektuellen. Sind hier möglicherweise die Wurzeln zu suchen?
Nachdem Willy Brandt als Kanzler zurückgetreten war und nur noch als Vorsitzender fungierte, kam es zu einer Spaltung innerhalb der SPD. Grund hierfür war der NATO-Doppelbeschluss. Während Willy Brandt sich gegen den Beschluss aussprach, zeigte sich Helmut Schmidt zustimmend und gewann. Aus dieser Situation heraus entstanden die Grünen. Plötzlich war die SPD eine militante Partei. Doch sind das die Wurzeln der SPD?
Dann kam Gerhard Schröder. Mit Helm und stumpfen Schwert. Aber es hat schön geglänzt. Liegt die Wurzel also bei kulturellen Freiheitskämpfen? - Vielleicht nichts von dem, vielleicht alles.
Heute steht uns eine wütende „Jamba-Sparabo-Generation“ gegenüber, die für ihre Perspektivlosigkeit getadelt wird und die in wenigen Jahren voll am politischen Betrieb partizipieren soll. Doch Eigenverantwortung, Aufopferungsbereitschaft und Selbstentfaltung stehen asymmetrisch im Raum und quälen das von Möglichkeiten geplagte Ich.
Offensichtlich steht die SPD in einer heterogenen Tradition, als „älteste Partei“ Deutschlands. Doch über all den Entwicklungen und Transformationen schien das Ideal der Gerechtigkeit durchschimmern zu können und nicht zuletzt Matthias Platzeck entdeckte sie als wieder gewonnene und zurück gewinnende Vision.
Sind das die Wurzeln? Ein sich über alle gewollten und überraschenden Veränderungen hinwegsetzendes Ideal wie Gerechtigkeit? Ist das Versprühen dieses Hauches von Transzendenz nicht die eigentliche Aufgabe des Parteivorsitzenden? Er sollte damit die Unterstützung der Basis legitimieren.
Doch seit dem Rücktritt Willy Brandts im Jahre 1987 ist nichts mehr wie es war; Denn die Vergabe des Vorsitzes scheint nach dem Prinzip der „Reise nach Jerusalem“ unter den SPD-Spitzenpolitikern „verspielt“ zu werden. Sind die Fußspuren Brandts wirklich zu groß? Kurt Beck, der Pragmatiker, versucht nun also sein Glück. In diese Kategorie wird der, auch stets betonte, Sohn des Arbeiters mit Maurerausbildung gerne gesteckt. Es ist ihm zu wünschen, dass er sein Amt wieder zu legitimieren vermag.
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