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Katinka stand an der großen Linde vor dem Haus ihrer Eltern. Der Herbstwind fegte die letzten bunten Blätter über den lehmigen Boden. Die Zwölfjährige spürte den nahenden Winter mit jedem Windstoß, der ihr ins Gesicht blies. Sie lauschte der Melodie der sich wandelnden Natur. Das Mädchen kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit der Hand gegen den aufgewirbelten Staub ab. Dann lächelte es, obwohl ihm eigentlich zum Weinen zumute war.
„Katinka, komm ins Haus! Es wird bald dunkel und noch kälter.“
„Lass mich noch ein Weilchen hier bleiben, Mama. Bald wird es für immer dunkel. Ich will nicht vergessen, wie bunt die Blätter im Herbst sind. Ich will die Farbe des Himmels nicht vergessen, nicht das Braun der Erde und das Grün des Grases.“
Die Mutter schloss die Haustür und setzte sich an den Küchentisch. Tränen rannen ihr in die Hände, die ihr verzweifeltes Gesicht bedeckten.
Zwei Monate war es nun her, als man ihr in der Klinik von Kurilovo erklärte, dass Katinka erblinden würde. Und beinahe genauso lange hatte sie gebraucht, um ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen. Doch Katinka hatte nicht geweint. Längst hatte sie geahnt, dass man ihr nicht mehr helfen konnte.
Die Tür öffnete sich. Ein kalter Windhauch wehte durchs Zimmer. Die Frau blickte auf und Katinka bemerkte die Trauer in den Augen ihrer Mutter. Sie ging zu ihr, setzte sich und legte ihre Hand sanft in die ihrer Mutter.
„Ich habe Angst. Ich werde nie mehr die Sonne sehen, keine Blumen und keine Wolken.“
Katinka schmiegte sich in die Arme ihrer Mutter.
„Einmal noch, einmal noch möchte ich sehen, wie der Schnee vom Himmel fällt.“
Mit dem Ärmel ihrer Bluse wischte sie sich die Tränen aus den Augen, stand auf und ging in ihr Zimmer.
Sie legte Kopftuch und Mantel ab, streifte ihre Schuhe von den Füßen und kauerte sich in ihr Bett. Nur wenig später schlief sie ein. Jeden Abend fürchtete sie sich, die Augen zu schließen. Doch an jedem Morgen wurde sie vom Schein der Sonne geweckt. Die Welt begann sich zu verändern. Die Bilder verschwammen. Das Herbstlaub war nur noch ein buntes großes Tuch, das sich über die Erde legte.
Dann, eines Morgens, fiel der erste Schnee.
„Katinka, Katinka!“, rief die Mutter aufgeregt. „Kind, stell doch die Milch zur Seite. Es schneit!“
Sie nahm dem Mädchen die Tasse aus der Hand, half ihr in Mantel und Stiefel und führte sie zur Tür. Katinka öffnete und sah hinaus. Sie erkannte das letzte Grün am Boden, den kleinen Steinweg, der zum Gartentor führte und ganz verschwommen die Linde, die sich nackt im rauen Wind wiegte.
„Mama, bitte lass mich alleine.“
Sie trat hinaus auf den Weg und hörte, wie die Mutter die Tür schloss. Langsam ging sie auf das Gartentor zu, öffnete es und trat hinaus auf das stoppelige Feld. Katinka streckte ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie erkannte die einzelnen Schneeflocken nicht mehr, aber sie spürte sie, wenn sich auf ihren Wangen niederließen und schmolzen. Sie streckte ihre Hände zur Seite. Genoss den Duft, den der Winter über das Land ziehen ließ. Die Luft war so rein, so kalt. Katinka sog sie tief ein, hielt sie ein wenig und blies sie als warmen Hauch wieder hinaus in die Kälte.
Mit einem Mal kam es Katinka vor, als flöge eine Schneeflocke direkt auf sie zu. So groß, dass das Mädchen sie zu erkennen vermochte. Obwohl es sich ein wenig fürchtete, rührte es sich nicht von der Stelle und beobachtete, wie ihr die Schneeflocke aus dem Himmel entgegentanzte und schließlich zu seinen Füßen landete. Zaghaft kniete Katinka nieder und betrachtete das weiße Gebilde. Vorsichtig berührte sie es mit der Spitze des Zeigefingers. Es fühlte sich kein bisschen kalt an. Schnell zog sie ihren Finger zurück und starrte weiter auf die Schneeflocke, die sich weder rührte, noch zu schmelzen begann.
Minuten verstrichen. Schnee fiel auf Katinkas Rücken und bildete eine kleine Schicht auf ihrem Mantel. In dicken Strähnen fiel ihr nasses Haar von den Schultern, rahmte das zarte Gesicht mit den verblassenden grünen Augen.
Katinka nahm ihren ganzen Mut zusammen, hob die große Schneeflocke mit beiden Händen auf und hielt sie vor ihr Gesicht. Ein seltsamer Geruch strömte ihr entgegen.
„Eine Blume?“
Etwas wuchs aus der Blüte heraus und bewegte sich! Katinka fröstelte, während die Blüte tröstliche Wärme aussandte. Gebannt starrte Katinka auf das Geschehen in ihren Händen. Flüstern drang an ihre Ohren.
„Hab keine Angst!“, wisperte ein zartes Stimmchen. Katinka zitterte.
„Ich bin Smilia. Ich wollte dich besuchen.“
„Warum?“
„Der Wind hat mir erzählt, du möchtest den Schnee noch einmal sehen und weil das nicht mehr möglich ist, bin ich gekommen.“
Katinka konnte das winzige Geschöpf nicht mehr richtig erkennen, obwohl es wesentlich größer war als die Schneeflocken, die um sie herum zur Erde fielen. Da versuchte sie, es sich vorzustellen.
„Dein Haar ist weiß wie der Schnee. Deine Augen so klar wie das Wasser eines Bergsees. Dein Gesicht so wunderschön, als hätten Engel es gemalt.“
„Warum lächelst du, Katinka?“
„Weil ich dich sehe.“
„Du siehst mich?“
„Ja - und ich verstehe.“
„Vergiss es nicht Katinka. Wer mit dem Herzen sieht, wird immer sehen.“
Mit einem leisen Windhauch erhob sich die Blüte mit Smilia aus Katinkas Händen und wurde fort getragen.
Katinka lächelte, während kleine Tränen ihre Augen füllten. Dann hüllte Finsternis sie ein.
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