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Kurzgeschichte: Eine Minute Ruhm


02.07.2006 (M. Schreyeck) Kategorie: Specials

Bild: www.ratgeberbox.de

„Guten Tag, meine Herren. Mein Name ist Harald Jansson und ich begrüße Sie zu den heutigen Bewerbungsgesprächen. Vorab aber vielen Dank für Ihr Interesse an dieser ungewöhnlichen Form des Eventmarketings. Natürlich setze ich unbedingte Verschwiegenheit voraus. Herr Udo Wölfle, ich fange mit Ihnen an.“

Herr Jansson, Agenturleiter der „Jansson und Partner Eventmarketing GbR“, wirkte auf mich wie ein untersetzter Wadenbeißer mit einer Menge Kühlfläche oberhalb seines Hauptprozessors. Er signalisierte dem ersten Bewerber, ihm in das benachbarte Büro zu folgen. Während Jansson die Tür schloss, sagte er beiläufig zu Herrn Wölfle: „Sie können sich schon mal ausziehen!“ Dann wurde die Tür geschlossen. Für einige Minuten herrschte Stille unter den restlichen Bewerbern.

Als Udo wieder herauskam, war er gerade dabei, sein Hemd wieder zuzuknöpfen. Unverschämt grinste er mich an und verkündete laut, als müsse sich jemand für ihn mitfreuen: „Ich habe den Job! Holland gegen Argentinien in Frankfurt und ich bin dabei. Der Chef mochte meinen Spitzbauch.“

„Toll“, murmelte ein anderer Bewerber gelangweilt. Carlos Savani hieß er, wie sich herausstellte, als Jansson ihn aufrief. Ich betrachtete Udos pausbäckiges Gesicht. Der Glückspilz präsentierte den Mitkonkurrenten stolz seine Wampe, als Herr Savani nach nur einer Minute mit gesenktem Haupt aus dem Zimmer kam.

„Blöder Idiot“, wetterte er, „mein Körper ist perfekt!“ Dann verzog er das Gesicht zur Grimasse und imitierte Jansson: „Der männliche Zuschauer will so was nicht sehen. Stellen Sie sich die häuslichen Konsequenzen vor. - Arschloch!“ Carlos stampfte splitternackt an uns vorbei und verließ mit seinen Klamotten im Arm die Agentur.

Etwas irritiert von diesem Auftritt, starrten wir gespannt zur Türe des Besprechungszimmers, bis Herr Jansson seinen Kopf hinausstreckte und flötete: „Nun bitte Herr Schmidlin!“

Ein Koloss erhob sich von den zwei Stühlen, auf denen er gesessen hatte. Nie zuvor habe ich einen breiteren Hintern gesehen. Schwerfällig stapfte er in das Zimmer und wir anderen grinsten uns gegenseitig an. Jeder erwartete, dass er gleich wieder herausrollte und traurig nach Hause transportiert würde. Doch es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis die Tür aufflog und Karl Schmidlin seitlich durch den Türrahmen schlüpfte.

Stolz verkündete er: „Ich habe den Job! Sogar einen Spezialauftrag. Ihr solltet am 12. Juni unbedingt USA gegen Tschechien schauen!“ Wie ein Ballett tanzender Elefant tippelte er aus dem Warteraum hinaus.

Martin Williams und ich waren die beiden letzten Bewerber. Als Jansson Williams aufrief, zwinkerte dieser mir zu und flüsterte: „Wart’ s ab, wenn ich die Hose runterlasse, stellt er mich mit Handkuss ein.“

Kaum hatte er die Tür geschlossen, wurde sie auch schon wieder geöffnet. Mit heruntergelassener Hose und ebensolchen Mundwinkeln betrat Jones das Wartezimmer. Ich stand auf und schaute ihn fragend an. Martin kreiste mit den Hüften, wie ein Hubschrauber kurz vor dem Abflug, und antwortete: „So was will er sich entgehen lassen. Selbe Begründung wie bei Carlos.“
Ich wollte noch etwas zum Trost sagen, doch Jansson winkte mich bereits herein.

„Also, Herr, ähh Simons, wenn Sie sich bitte ausziehen würden?“ Ich tat, wie mir befohlen wurde und Janssons Augen begannen zu leuchten: „Ganz hervorragend, ein Teddybär! Drehen Sie sich mal um … unglaublich, auch der Rücken! Wissen Sie was, Herr Simons, Sie sind unser Mann für das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica. Die Werbefläche an Bauch und Rücken werden wir Ihnen ausrasieren. Ich habe auch schon einen passenden Kunden, für den wir Sie laufen lassen können: Bodystyle Enthaarungscreme. Was meinen Sie?“

„Klingt gut, aber eigentlich ist es mir egal, was draufsteht, Hauptsache ich kann flitzen.“
„Sind Sie vorbestraft oder auffällig geworden?“
„Nein, in Deutschland noch nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß, während ich mich wieder anzog.
Jansson hob die Brauen. „Aber eine Einreise nach Großbritannien ist kein Problem, oder?“
„Nein, wieso?“
„Weil dort ab nächster Woche das internationale Flitzer-Vorbereitungstraining stattfinden wird. Unter der Leitung von Mark Roberts, das Flitzer-Idol schlechthin!“

„Ach was, das klingt ja echt professionell. Aber eine Frage habe ich doch noch.“ Ich zögerte, bis Jansson mich aufforderte, fortzufahren. „Was meinte der Dicke mit Spezialauftrag?“ Jansson grinste über beide Ohren. „Nun, wir haben einen amerikanischen Investor, der die Plattform für eine politische Kampagne nutzen möchte. Natürlich können wir Herrn Schmidlin nicht über das Spielfeld rennen lassen. Er wird ja kaum über den Zaun können. Wir schmuggeln ihn in den VIP-Bereich, wo er sich bei dem USA-Spiel blank ausziehen wird.“

Jansson machte eine Pause, um dem Nachfolgenden mehr Ausdruck zu verleihen. „Auf seinen Pobacken wird stehen: „Bush, we miss you!“

Eine Woche später flogen Udo und ich nach London, wo uns der Großmeister des Flitzens, Mark Roberts, in Empfang nahm. Er prahlte mit seinem Auftritt im Jahr 2005 beim Spiel Madrid gegen Barcelona und zeigte uns ein Foto von ihm und David Beckham.

Am nächsten Tag ging es früh los. Joggen, Hindernisparcours und am Nachmittag Training mit dem örtlichen Rugby-Team. Zwischendrin Theoriestunden zu den Themen „Klamotten präparieren zum schnellen Ausziehen“ und „Ablenkungsmanöver kurz vor dem Lauf“. Außerdem wurde uns empfohlen, ab sofort nicht mehr zu duschen. Der Körpergeruch wirke schützend vor allzu heftigen Zugriffen des Sicherheitspersonals.

So ging das drei Wochen und am Ende des Kurses war ich in der Lage, innerhalb von fünf Sekunden meine Klamotten auszuziehen und über den Zaun zu klettern.

Auf dem ausgebuchten Flug Richtung Heimat stanken Udo und ich erbärmlich. Nur noch eine Woche!

Am 9. Juni: Dann endlich ist das Eröffnungsspiel. Ich ging zur schwarz-rot-gold leuchtenden Allianz-Arena in München. Ich konnte tatsächlich gehen, denn trotz des fürchterlichen Gedränges war es um mich herum völlig leer. An der Kasse kam es durch meine herb männliche Ausstrahlung dann doch fast zu einem Zwischenfall, als ich mich zu „Klinsis Edelreservisten“ stellte. Die Fangruppe hörte augenblicklich auf, von Pokal, Weltmeister, Kahn und Affen zu singen und versuchte, mich zu vertreiben.

Anfassen wollte mich niemand, also trat ich die Flucht nach vorn an. Überraschend schnell kam ich am Sicherheitspersonal vorbei, das die Körpervisite in meinem Fall nicht ganz so genau nahm.

Jansson hatte mir einen Platz in der ersten Reihe reserviert und mehrere Personen übergaben mir im Vorbeigehen konspirativ Schraubstollen für meine präparierten Straßenschuhe. Das würde die Wendigkeit erhöhen und mir einen Vorteil gegenüber den Sicherheitskräften verschaffen.

Dann trat ich aus den Katakomben hinaus und ging zu meinem Platz. Wenig später setzte sich eine Bohnenstange neben mich, die wie verdaute Bohnensuppe roch. Wir sahen einander naserümpfend an. Mein fachmännischer Blick schweifte auf die Seitennaht seines T-Shirts.

„Jansson?“, fragte ich.
„Köbele und Co.“, erwiderte er und schob nach: „Trainingslager in Oslo.“

Wir musterten einander misstrauisch. In meinem Kopf ratterte es: „Wie werde ich den Mistkerl bloß los?“
„Bohne“ griff zum Handy: „Ich habe hier ein Problem, jemand von Jansson … ja … gute Idee … Schäferhunde … ok …“ Er packte sein Handy weg und grinste mich hämisch an.

Mittlerweile wurde das Spiel angepfiffen. „Irgendetwas muss passieren“, dachte ich, während dieser unterernährte Iltis genüsslich sein Wurstbrot auspackte.

„Wart’ s nur ab, ein Spiel dauert 90 Minuten“, versuchte ich, ihn mit einer vagen Drohung zu beunruhigen. Doch er konterte selbstsicher: „Nicht für dich, mein Freund, nicht für dich.“

Ich musste handeln. Also stand ich auf und ging zu einem Polizisten der Hundestaffel. Das kurze Ziehen an meiner Hose bemerkte ich nicht. Kaum stand ich vor dem Wachmann, begann auch schon sein Hund, an meinem Hintern zu schnuppern. „Entschuldigung, ich möchte …“ Weiter kam ich nicht, denn der Hund schnappte nach der Wurst, die in meiner Gesäßtasche platziert worden war. Die dünnen, provisorischen Nähte rissen und ich stand „unten ohne“ vor dem Hundestaffelführer und dem Landfrauenverein Euskirchen, dessen Mitgliederinnen offensichtlich Spaß daran hatten, da.

Der grüne Fiesling lachte laut auf und reichte mir seine Mütze, damit ich meine Scham verbergen konnte. Danach begleitete er mich in die Katakomben zu einer Mitarbeiter-Umkleidekabine. Ausgerechnet eine Latzhose reichte er mir, ehe er mich zurück an meinen Platz führte.

Mein Konkurrent hatte derweil die Gunst der Stunde zu nutzen verstanden. Er war splitterfasernackt auf das Spielfeld gesprungen und schnurstracks zum Strafraum der Costa-Ricaner gerannt. Die Situation noch nicht erfasst, schlug in dem Moment Ballack von rechts eine weite Flanke vor’ s Tor. Die anderen Spieler erstarrten und der Ball fiel direkt vor Bohnenstanges Füße. Er zog ab.

Der Ball zappelte im Netz der Südamerikaner. Jubelnd präsentierte sich der Mistkerl den Kameras und auf dem Stadionbildschirm war die Aufschrift auf seinem Bauch zu erkennen: „1:0 für Pommes Schmitz“. Ein neuer Star der Flitzer-Szene war geboren und ich stand mit Latzhose auf der falschen Seite des Zauns.

Während die Sicherheitskräfte die schmierige „Fritte“ flach atmend von Ballacks Rücken zogen, klingelte mein Handy.
„Simons, was ist da los?“, brüllte mich Jansson an.
„Chef, ich hatte keine Chance. Ich wurde sabotiert.“
„Scheiße! Das war einer von Köbele und Co., richtig?“
„Ja“, erwiderte ich.
„Na warte, nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Simons, kommen Sie morgen in mein Büro, wir müssen den nächsten Einsatz besprechen!“

In dem Moment wurde mein spezieller Freund an mir vorbeigeführt. Blitzschnell erfasste ich die Situation, riss dem kleinen Jungen über mir das Leberwurstbrot aus der Hand, klatschte die eine Hälfte auf die Lenden des Konkurrenten und raunte ihm zu: „Es war nur das Eins-Null, mehr ist das nicht; es wird wieder alles irgendwo hochsterilisiert.”

„Der Spruch ist von Bruno Labbadia“, rief er mir besserwisserisch grinsend zurück: „von den Medien, hat er gesagt, von den Medien hochsterilisiert.“
„Nein, von den Schäferhunden“, schrie ich zurück und deutete auf die Hundestaffel vor ihm.

Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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