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Kartoffelklöße und Sauerbraten


03.07.2006 (J. Schramm) Kategorie: Politik

Bild: www.mittelbayerische.de

Mainz im Jahre 2003: Ein Mann betritt die Bühne des 1. FSV Mainz 05 - der örtliche Karnevalsverein der jecken Stadt Mainz - und bekommt einen Fastnachtsorden verliehen. Er ist hoch gewachsen, hat einen Bart und mit seinem Bauchumfang kann sich der eine oder andere Mann im Publikum bestens identifizieren. Das Publikum fühlt sich wohl, der Mann hat eine warme Ausstrahlung und einen vertrauten Dialekt. Für die Einen ist er der große Bruder, für die Anderen eine Vaterfigur und für die nächsten ein Vorbild, denn Kurt Beck hat sich hochgearbeitet.

Am 5. Februar 1949 wird der Sohn eines Maurers in der Südpfalz geboren, in Steinfeld um genau zu sein. Da, wo er bis heute lebt. Dort macht er auch eine Ausbildung zum Elektromechaniker, bevor er als Funkelektroniker bei der Bundeswehr anfängt. Bereits sehr früh engagiert er sich für die Gewerkschaften und setzt sich dafür ein, dass auch junge Menschen in Betrieben mit Rechten ausgestattet werden. Zu dieser Zeit wird sein Gerechtigkeitssinn oder besser: (s)ein Sinn für Ungerechtigkeiten geweckt und so stößt er 1972 auf die SPD.

Vorbilder und Idole stellen Willy Brandt und seine Ostpolitik dar, aber auch Wilhelm Dröscher und seine volksnahe Landespolitik als Landesvater von Rheinland-Pfalz. Das Kurt Beck dieses Amt einmal innehaben sollte, konnte sich dieser zu Zeiten seines Eintritts in die SPD nur schwer vorstellen, denn bis zum Jahre 1994 war er lediglich als Bürgermeister von Steinfeld und Gewerkschaftler aktiv. Doch der Wunsch verstehen zu können „wie Politik gemacht wird“ führte ihn schließlich in die rheinland-pfälzische Staatskanzlei und am 14. Mai 2006 auf den Platz des Parteivorsitzenden der SPD - wie Willy Brandt es einst war.

Sein Bundesland liebt ihn, wie die errungene absolute Mehrheit bei der letzten Bundestagswahl im Frühjahr dieses Jahres beweist. Die Partei ist auf dem besten Weg ihn zu lieben, sonst wäre er wohl nicht zu ihrem Vorsitzenden gewählt worden. Die Union liebt ihn wohl nicht. Doch Kritik und Reibung sind wichtig in der Politik - das sieht nicht nur Kurt Beck so.

Reibung hat er nicht nur mit seiner konservativen Einstellung zu eingetragenen Lebensgemeinschaften, die er nicht auf einem rheinland-pfälzischen Standesamt sehen will, provoziert. Auch seine Aussagen über unanständige Manager und schmarotzende Sozialhilfeempfänger verursachen bei dem einen oder anderen Parteigenossen Bauchschmerzen. Doch Kurt Beck präsentiert sich als ehrlicher Mann des Volkes - und das erwarten seine Wähler und Wählerinnen von ihm. Mit ihm können sie sich identifizieren, denn er vermittelt das Gefühl, dass sich „die da oben“ doch für die Belange des Volkes interessieren.

Populismus scheint als rhetorisches Mittel auch in den Tiefen der Südpfalz bekannt zu sein, welcher in Kombination mit der Nähe zu den Wählern und der Treue zur Heimat für Kurt Beck ausgezeichnet zu klappen scheint. Er macht Urlaub an der Mosel und schwärmt von der Südpfalz als der deutschen Toskana. Kurt Beck ist durch und durch Rheinland-Pfälzer, der nicht zuletzt mit seiner Leidenschaft für Kartoffelklöße und Sauerbraten die Wähler und Wählerinnen von seiner Integrität überzeugen kann.

Er verkörpert den Lokalpatriotismus mit einer reflektierten Haltung wie kaum ein anderer und gewinnt so das Herz seines Bundeslandes. Man darf also gespannt sein, ob ihm das auch mit dem Rest von Deutschland gelingt, denn seit dem 14. Mai 2006 ist er nicht nur der wiedergewählte rheinland-pfälzischer Landesvater, sondern auch Parteivorsitzender der SPD.

Wird er es schaffen die Partei so von seinem Pragmatismus und seiner Bodenständigkeit zu überzeugen wie er es in Rheinland-Pfalz geschafft hat? Schafft er es einen transzendentalen Bezug in die sozialdemokratische Linie zu bringen? Schafft er es sich vor den Augen Deutschlands als bodenständiger Pfälzer mit Weitblick zu etablieren oder scheitert er dank Dialekt und seiner Schwäche für Sauerbraten an den Berlinern und Hannoveranern?

Fotos, auf denen er sich als nicht fotogen entpuppt, lassen den politisch Interessierten daran zweifeln, ob Kurt Beck es schafft seinen Lokalprovinzialismus zu überwinden, um auf Bundesebene gegen Medienprofis wie Gerhard Schröder bestehen zu können. Dieser hatte die Herzen der Wähler und Wählerinnen vor allem mit Charme und Charisma gewinnen können. Kurt Beck wirkt eher gutmütig und lokal orientiert als verhandlungssicher und weltmännisch.

Nicht nur die Parteibasis der SPD darf auf seine Amtszeit als SPD-Vorsitzender gespannt sein, sondern auch der Rest der Berliner Republik (de.wikipedia.org) darf sich fragen, ob er sich im Dschungel der Bundespolitik zurechtfinden wird. Für Überraschungen scheint er immer gut zu sein, denn wer hätte gedacht, dass er die 100 Meter mal unter zwölf Sekunden gelaufen ist?



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