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Rote Tränen


15.07.2006 (J. Schramm) Kategorie: Sport

Bild: zelos.zeit.de

Eine Milliarde Menschen verfolgten am Sonntag, den 9. Juli 2006, das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Ein Elfmeter brachte Frankreich in Führung, Italien aber setzte nach. Und dann die 110. Minute, als Zinedine Zidane die rote Karte für eine grobe Tätlichkeit an dem Italiener Materazzi sieht und den Platz verlassen muss.

Entsetzte Fußballfans trauern über diesen unwürdigen Abgang eines Fußballspielers, dessen Genialität nie in Frage gestellt wurde. Ein Spieler wie Zidane müsse sich als Profi erweisen und Provokationen vertragen, heißt es. Auch der Vorwurf, dass Frankreich seinetwegen verloren habe, steht im Raum. Denn schließlich hätte er seinen Elfer beim Elfmeterschießen im Finale bestimmt verwandelt. Die Fußballfans sind geschockt, traurig und teilweise auch wütend auf den unprofessionellen Abgang Zidanes.


Es war einmal ein kleiner Junge, der einen großen Traum zielstrebig verfolgte. Der goldene Pokal flackerte vor seinem geistigen Auge, ebenso wie die silberne Trophäe für Europas beste Fußballteams. Also trainierte der kleine Junge diszipliniert und wurde zum wohl genialsten offensiven Mittelfeldspieler der ausgehenden 90er Jahre. Dieser kurze Lebensweg beschreibt das ruhmreiche Leben Zinedine Zidanes, dem französischen „Fußballgott“. Und auch der Rest der Fußballwelt liebt ihn - trotz der roten Karte gegen Saudi-Arabien während der WM 1998 im eigenen Land.

Doch halt, da war doch die 110. Minute von Berlin. Zizou („weiße Katze“), wie ihn die Franzosen ehrfürchtig nennen, musste vom Platz - rot nach der Kopfballeinlage gegen Materazzis Brustkorb. Letztlich feiert Italien den vierten Titelgewinn bei einer Fußballweltmeisterschaft.

Ist das eines Spielers wie Zidane würdig? Die Nerven zu verlieren und mit einer überflüssigen Tätlichkeit die Mannschaft in Unterzahl zu befördern mag auf den ersten Blick tatsächlich nicht würdig sein, aber vielleicht doch. Denn Zizou ist ein Perfektionist, der sich über das niedrige Niveau seiner Fehler definiert. Sich geißeln mit inbegriffen.

Ironischer Weise ist dieser Abgang, voller Wut und Aufmerksamkeit, entgegen gesetzt zu dem Leben, dass Zidane der Öffentlichkeit präsentierte. Lediglich als wohl sorgender Ehemann und Vater präsentierte sich der schweigende Zidane. Regelrechte Mythen und Geheimnisse umgaben den wohl größten französischen Fußballer aller Zeiten und ein Stereotype war geboren. Der große, verschwiegene Denker im offensiven Mittelfeld.

Mit dem goldenen Pokal in der Hand sollte er von einer großen Karriere verabschiedet werden, er wählte jedoch einen anderen Weg. Irrational, aber vor allem eigen. Kein Platz um den Ball rollen zu lassen wurde ihm von der wieder beeindruckenden italienische Abwehr gewährt, die sich erfolgreich zwischen Frankreich und den Traum vom Sieg stemmte und das 110 Minuten lang. Und schließlich Materazzis, der wohl prägendste Spieler dieses Spieles, Sticheleien. Diese Sticheleien dürften wohl auch noch ein Nachspiel haben.

Der französische Trainer Domenech hatte lange um die Rückkehr einiger der Spieler gekämpft, die bei dem Titelgewinn 1998 gespielt hatten - unter ihnen der 34-jährige Zinedine Zidane. Seine Geniestreiche führten Frankreich im Jahr 2006 ins Finale und Zidane auf die Spitze des Fußballolymps.

Und jetzt hat er sich lautstark verabschiedet. Diesen Abgang werden noch Generationen von Fußballbegeisterten diskutieren, aber sie werden keine Antworten auf ihre Fragen bekommen. Ähnlich wie die Gazetten dieser Welt jahrelang keine Antworten auf Fragen zu Zizous Privatleben bekamen. Dieser Abgang war geradezu gemacht für den stummen und handlungsbetonten Zidane. Keine Worte, keine Gesten, sondern nur ein filmreifes Foul im Finale um die Fußballweltmeisterschaft 2006 in diesem unserem Lande.

Der Schockmoment der Fußballwelt, nach der roten Karte, schütze Zidane vor Lorbeeren, die er vielleicht nicht wollte. Filons!

Wieso? Weshalb? Warum? Wir wissen es nicht, aber wir wissen, dass einer der besten Fußballer aller Zeiten eindrucksvoll bewiesen hat, dass er sich auf ein Leben nach dem Fußball freut. Wir wünschen ihm alles Gute!



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