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Sehr geehrter Herr Thiesies,
ich bin erfreut, die erste Kritik eines Zeugen Jehovas bekommen zu haben, der sich zum einen als solcher zu erkennen gibt und zum anderen dabei noch so sachlich bleibt. Der Artikel ist nämlich - wie bereits erwartet - von einigen Lesern förmlich in der Luft zerrissen worden. Dennoch habe ich Ihren Brief lektoriert und zum Anlass genommen, Stellung dazu zu nehmen. Dass mein „Kartenhaus“ zusammenbricht, wie Sie es bezeichneten, davon gehe ich jedoch nicht aus:
Meine Aussagen beziehen sich in erster Linie auf die Quelle Wikipedia, womit ich in aller erster Linie der falsche Ansprechpartner für große Teile der Darstellung bin. Zum anderen ist es im Journalismus gang und gebe, dass Informationen überspitzt dargestellt werden. Fehlinformationen, die auf Behauptungen basieren, können Sie mir somit nicht vorwerfen.
Zum anderen hatte dieser Artikel rein gar nichts mit meiner persönlichen religiösen Weltanschauung zu tun. Ich selbst bin allenfalls Atheistin (und Philosophin). Von mir aus kann jeder demzufolge glauben, woran er gerne möchte. Ich beneide Menschen mit Glauben sogar ein wenig, weil Glaube in meinen Augen etwas ist, was immer seltener wird und dem Leben einen Sinn gibt. Diesen Sinn zu finden, ist für einen Atheisten wesentlich komplizierter. Wieso er kostbar sein kann, muss ich, glaube ich, nicht erörtern.
Zum Thema Wahrheitsgehalt der Bibel: Ich habe mich bereits mit verschiedenen Religionen auseinander gesetzt, denn nicht nur die Christen, Protestanten und die Zeugen Jehovas, sondern auch zahlreiche andere Religionen berufen sich auf die Bibel. Dabei ist für mich vieles unverständlich. Zum einen die Tatsache, dass die Bibel sehr unterschiedlich auslegt wird. Vergleichbar finde ich das mit dem Koran (Islam). Auch dort gibt es radikale Islamisten, die den Koran für ihre politischen Zwecke benutzen. Sicherlich werden Sie mir zustimmen, dass diese Auslegung nicht korrekt sein wird. Sicherlich möchte ich Sie alle nur nicht damit vergleichen. Dennoch halte ich es für nicht richtig, zu viel zu interpretieren.
Darüber hinaus habe ich mich in den vergangenen Jahren mit Falschübersetzungen der Bibel auseinander gesetzt. Diese würden ebenfalls verschiedenste Interpretationen der Christen, Protestanten, als auch der der Zeugen Jehovas auskoppeln, so denke ich.
Einen Glauben mache ich also nicht an der Bibel oder einer sonstigen Schrift fest. Weder als Katholikin noch als Protestantin.
Dass man sich an den Zeugen Jehovas, als auch an anderen Religionen die Zähne ausbeißen kann, glaube ich Ihnen gerne. Ich denke, dass gerade in dieser Frage nach der „richtigen“ Religion auch niemand von seinem Standpunkt abweichen sollte. Das muss aus meiner Sicht auch niemand. Genauso wenig habe ich vor dies zu tun, denn dafür besteht kein Anlass.
Was ich bedenklich finde, sind die Lehren Ihrer Religion über den Umgang mit der Außenwelt. Der Eindruck, der entsteht, wenn man sich damit auseinander setzt, ist, dass kein Raum für Diskussion gegeben wird und gewissermaßen das stattfindet, was man vielleicht als ideologische Umstimmung bezeichnen würde. Abweichungen von der Lehre sind nicht möglich. Es gibt nur schwarz und weiß, keine Grautöne. Genauso glaube ich, dass genau das der Grund ist, wieso die Zeugen Jehovas gerne als „Sekte“ bezeichnet und oft stark kritisiert werden. Dafür habe ich sicherlich nur Quellen und keine Selbsterfahrungen heranziehen können. Auch dies können Sie mir jedoch nicht vorwerfen, da man während seines Lebens wohl kaum die Konfessionen wechseln kann, nur um aus eigener Erfahrung sprechen zu können.
Fest steht, dass ich nicht versucht habe, irgendwen oder irgendetwas in den Schmutz zu ziehen. Ich denke, dass man als gläubiger Mensch über einer solchen Kritik stehen können sollte, wenn aus Ihrer Sicht doch so wenig daran ist. Gleiches gilt für Muslime, die wegen ein paar kleinen Karikaturen, die mit Sicherheit ein wenig unter die Gürtellinie gezielt haben, anfangen, Kopfgelder auf Karikaturisten auszusetzen.
Wir leben in einem freien Land, wo inzwischen zum Glück jeder seine Meinung vertreten darf. Ich für meinen Teil kann jedenfalls nur sagen, dass ich die Abgewandtheit Ihrer Religion von der Gesellschaft nicht für gut, sondern für sehr fraglich halte, weswegen Ihre Glaubensgemeinschaft wie bereits erwähnt gerne einfach als Sekte abgetan / abgestempelt wird - wovon ich im Übrigen ganz bewusst Abstand genommen habe. Darüber hinaus finde ich ihre Missionarsarbeit teilweise unangemessen und aufdringlich. Vergleichbar ist sie von ihrer ernormen und vehementen Aufdringlichkeit mit Vertretern, die ebenso als belästigend empfunden werden.
Meiner Ansicht nach sollte man mit Theorien, die so gut zu untermauern sind, nicht missionieren müssen, sondern einfach auf Allah, Jehova, Buddha oder welchen Gott auch immer vertrauen können, dass jeder seine Religion für sich findet. Was Missionsarbeit im schlimmsten Fall bedeuten kann, haben schließlich die Kreuzzüge gezeigt, so meine Überzeugung. Ich denke, dass allein das Wort Missionierung durch die Christen einen schlechten „Beigeschmack“ bekommen hat.
Weiter kritisiere ich, dass Deutschland inzwischen zu tolerant / liberal geworden ist und die Schuld des zweiten Weltkrieges in anbetracht dessen, dass die damalige Generation am aussterben ist, langsam vergessen werden sollte. Vergessen nicht in dem Sinne, dass man sich nicht erinnern sollte, denn das sollte jeder. Vergessen werden können sollte es im Bezug auf diese teilweise übertriebene Toleranz.
Ein Beispiel dafür ist in meinen Augen die Immigration: Deutschland sollte genau wie die Vereinigten Staaten und Australien anfangen, etwas im Bereich Einwanderung, Asylrecht etc. zu machen. Genauso bin ich der Meinung, dass die Zuwanderung durch Sprachtest und Kapital einschränken sollte. Man sollte Asylbewerber und andere, die straffällig werden einfach abschieben, statt das Deutsche Rechtssystem, die Gefängnisse und damit den Steuerzahler zu belasten.
Genauso sehe ich keinen Grund dafür, wieso wir in Deutschland so tolerant sein sollen Kopftücher überall zu billigen. In der Türkei sind Kopftücher an Hochschulen beispielsweise untersagt. Wieso in Deutschland nicht? Wenn eine deutsche Familie beruflich nach Saudi Arabien muss, dann ist die Frau dort gezwungen, ein Kopftuch und lange Ärmel zu tragen. Ihr ist es nicht gestattet, sich in der Öffentlichkeit ohne männliche Begleitung zu bewegen. Wieso kann man dann in Deutschland Kopftücher nicht untersagen? Wieso muss sich eine Deutsche in Saudi Arabien anpassen und eine Saudi Araberin in Deutschland nicht? Ich denke, dass hier einfach keine Verhältnismäßigkeit mehr vorhanden ist.
In Deutschland geht in meinen Augen nach und nach die eigene Kultur verloren, weil zu viel Rücksicht auf Einwanderer genommen wird. Wozu im Grundgesetz überhaupt noch verankert ist, dass Deutschland ein christlicher, demokratischer Rechtsstaat ist, ist mir jedenfalls nicht klar, wenn selbst das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidungen immer weiter davon entfernt. Weiter ist es in meinen Augen nur noch eine Frage der Zeit, bis Muslime den gleichen Antrag Stellen und der Islam in Deutschland dann auch noch dem Christentum gleichgestellt wird.
In den genannten Gründen sehe ich auch einer der Ursachen, wieso man lieber die CDU, statt der SPD, oder – noch viel schlimmer – die NPD wählt. Deutschlands „Normalos“, Kids und andere Gruppen fühlen sich verdrängt und unbeachtet.
Allgemein kann ich als Resümee ziehen, dass ich genauso viele positive wie negative Resonanz auf die Artikel bekommen habe. Weiter schließe ich daraus, dass wohl ein hoher Klärungsbedarf da sein muss, weswegen ich alle, egal wie sie die Artikel fanden, zur weiteren Diskussion im Life-Go-Forum einladen möchte.
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Mit freundlichen Grüßen,
Nadja Galetzka
Die Links zu den dazugehörigen Artikeln:
Die Lehren der Zeugen Jehovas
Berlin - Die Zeugen Jehovas als anerkannte und gleichgestellte Religion
Zeugen Jehovas - Leserbrief vom 27. Juni 2006
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