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Tessa saß an einem gemütlichen Tischchen direkt unter einem Kastanienbaum. Sie betrachtete die reifenden, stacheligen Früchte und dachte darüber nach, warum sie eigentlich hier war. Ihr war bewusst, dass sie sich viel zu sehr von ihrer Schwester Silvy beeinflussen ließ, doch Widerstand hatte sie nie geleistet. Selbst heute, als erwachsene Frau, nicht.
„Du wirst sehen, das tut dir gut!“, hatte Silvy gesagt und sie regelrecht dazu gedrängt, das auszuprobieren. Tessa hatte ihr geglaubt. Sie ließ sich von ihrer Schwester die Benutzung der Chatrooms erklären und beobachtete, wie diese ihr einen Nick verpasste: Tessa01.
Anfangs fiel es ihr schwer, auf diese Art und Weise Kontakte zu knüpfen, doch nach ein paar Tagen fand sie Gefallen daran. Sie dachte immer weniger an Bernd, von dem sie sich vor ein paar Wochen getrennt hatte. So von der Anonymität verschleiert, entdeckte sie, wie einfach es war, mit einigen Männern zu flirten.
Schließlich „traf“ sie ihn. Roman nannte er sich und schien sehr nett zu sein. Anfangs plauderten sie nur über das Wetter und andere belanglose Themen. Mit jeder Minute aber schien Roman ihr ein wenig vertrauter. Er liebte Sport, lief täglich im Stadtpark seine Runden. Tessa stellte ihn sich sehr schlank und braungebrannt vor. Sie verriet ihm auch, dass sie gerne schwimmen ging. Manchmal aber war sie auch im Biergarten beim Bahnhof, nur um dort zu lesen.
Nachdem er dies erfahren hatte, dauerte es keine Minute, bis Tessa auf dem Bildschirm las: „Können wir uns in deinem Lieblingsbiergarten treffen?“ Ein Stich bohrte sich in ihr Herz. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt. Zögerlich tippte sie ihre Antwort:
„Würde mich sehr darüber freuen.“
„Wann? Gleich morgen? Ich habe frei.“
Schweißperlen bildeten sich auf Tessas Stirn. Doch kneifen kam nun nicht mehr in Frage.
„Gerne. Aber nicht vor 19 Uhr. Ich muss arbeiten.“
„In Ordnung. Ich bringe eine gelbe Rose mit.“
„Ich setze mich unter die Kastanie.“
„Bis morgen. Ich freu mich sehr.“
Aufgeregt verließ Tessa den Chatroom und rief sofort Silvy an, um ihr die Neuigkeit zu erzählen. „Hey Kleine, das is ja super. Da hast du sicher ne Menge Spaß. Am besten, du kommst schon eine halbe Stunde vorher hin, dann siehst du ihn auf alle Fälle kommen. Sei mir nicht bös, aber ich muss noch mal weg. Tschüssi.“ Klack. Silvy hatte einfach aufgelegt, wo Tessa doch noch so viele Fragen stellen wollte. Das schien ihr merkwürdig, aber für Silvy vielleicht doch ganz normal. Sie war immer die Hektische gewesen, während sie selbst immer alles genau plante. Bis auf dieses eine Mal.
„Ein Blind Date. Was habe ich mir da bloß gedacht?“
Den ganzen darauf folgenden Tag fieberte sie dem Treffen mit Roman entgegen, saß nervös und unkonzentriert an ihrem Schreibtisch.
Am frühen Abend stand sie ratlos vor dem großen Spiegel und überlegte, was sie anziehen sollte. Nach einigem Hin und Her entschied sie sich für ein sonnengelbes, schulterfreies Kleid. Es passte fabelhaft zu ihrem dunkelblondem Haar und den blauen Augen. Zufrieden rief sie ein Taxi und packte Geldbeutel und Taschentücher in ihre kleine Handtasche. Sie betrachtete sich noch einmal kurz im Spiegel und lief dann die Stufen des Hausgangs hinunter, während das Kleid fröhlich flatterte. Kurz darauf stieg sie in das Taxi und ließ sich zum Biergarten fahren.
„Ein Wasser, wie immer, Tessa? Heute gar kein Buch dabei?“ Die freundliche Bedienung lächelte sie an.
„Nein, noch nicht. Ich warte auf jemanden.“
„Okay, ich komm später noch mal.“
Tessas Blick wanderte zu dem Rosenbogen hinüber, durch den die Gäste in den Biergarten strömten. Doch ein gut aussehender Mann mit gelber Rose kam nicht.
Plötzlich fing ihr Herz zu rasen an. Er kam direkt auf sie zu. Alles hatte sie erwartet, aber nicht das!
„Hallo Tessa. Schön dich zu sehen.“
„Was machst du denn hier. Bitte geh, Bernd! Ich erwarte jemanden.“
„Ich nehme an, du hast mich erwartet.“
„Nein, ganz und gar nicht. Bitte geh!“
„Aber wir sind doch verabredet. 19 Uhr, weißt du noch.“
Schlagartig wurde Tessa schlecht. So gemein konnte er doch gar nicht sein, oder doch?
„Woher wusstest du … ?
„Silvy hat mir ein bisschen geholfen. Sie mag mich halt. Und ich mag dich. Verstehst du das nicht?“
„Ihr habt das also alles geplant?“
„Nein, eigentlich war es meine Idee. Aber ich musste Silvy nicht lange überreden. Sie war immer davon überzeugt, dass wir gut zusammenpassen.“
„Das sieht dir ähnlich.“
Wütend sprang Tessa auf und lief aus dem Biergarten. Bernds Rufe, sie solle einen Moment warten, ignorierte sie.
„Wie konnte sie mir das antun? Ausgerechnet Bernd!“
Mit Tränen in den Augen lief sie auf den Bahnhof zu. Ein Taxi war keines da. Sie lief weiter zu den Bahnsteigen und sprang in den ersten Zug, den sie stehen sah. Tessa war es egal, wo der Zug hinfuhr. Sie wollte erst einmal weg, und zwar so schnell wie möglich. Sie betrat das Abteil und setzte sich.
„Warum fährt dieser verdammte Zug nicht?“ Ihre Gedanken rasten.
Sie nahm ein Taschentuch und wischte die Tränen aus dem Gesicht. Dann stand sie auf und schob das Fenster hinunter. Die Luft tat so gut. Weit und breit kein Bernd zu sehen. Wenigstens war er ihr nicht gefolgt. Sie setzte sich wieder und wartete auf die Abfahrt. Die große Bahnhofsuhr zeigte 19.47 Uhr, als der Zug langsam anrollte. Sie war allein im Abteil und froh darüber. So sah niemand ihre Tränen.
Die Tür wurde aufgeschoben. Tessa senkte den Blick und kramte nach ihrem Geldbeutel in der Annahme, der Schaffner käme gleich zu ihr. Doch der Mann ging vorbei und setzte sich in der nächsten Reihe ihr schräg gegenüber. Tessa fühlte sich nicht wohl in seiner Gesellschaft.
„Ich seh bestimmt schrecklich aus“, dachte sie. Schnell stand sie auf, um auf den gegenüberliegenden Sitz zu wechseln, damit der neue Fahrgast sie nicht ansehen konnte.
Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke. Er lächelte. Eilig setzte sich Tessa. Die Stille nagte an ihr und irgendwie war ihr noch unwohler bei dem Gedanken, den Mann nun im Rücken zu haben. Doch den Sitzplatz noch einmal zu wechseln schien ihr lächerlich.
„Darf ich?“
Der Mann stand direkt vor ihr und wollte sich offenbar zu ihr setzen. Um ihn nicht ansehen zu müssen, nickte sie nur kurz.
„Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich helfen?“
Er hatte eine warme, nette Stimme. Tessa beruhigte sich ein wenig. Langsam hob sie den Kopf und sah ihm in die Augen. Wunderschöne, braune Augen, in denen man versinken mochte. Der Anzug schien gar nicht zu ihm zu passen.
„Kann ich helfen? Sie sehen traurig aus.“
„Nein, alles in Ordnung, danke.“
„Vielleicht macht die Ihnen ein wenig Freude. Sie haben sicher ein bezauberndes Lächeln, wenn Sie es nicht verstecken.“
Der Fremde streckte Tessa eine rote Rose entgegen und lächelte.
„Die war aber doch nicht für mich gedacht!“
„Ist das wichtig? Sie ist zu schön, um einfach so zu verwelken.“
„Waren Sie verabredet?“
„Ja, aber mein Zug hatte Verspätung. Als ich am Biergarten ankam, war die Dame schon weg.“
Tessa nahm die Rose an sich und roch daran. Dann sah sie dem Fremden tief in die Augen.
„Seltsam, sie riecht gar nicht wie eine rote Rose.“
„Nicht?“
Tessa lächelte und hielt ihm die Rose unter die Nase, damit auch er ihren Duft einatmen konnte.
„Nein, sie riecht, als wäre sie gelb. Nicht wahr, Roman?“
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