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Des Freiherrn Ideale - streng interpretiert und als Regeln verpackt gehören sie zur Grundausrüstung eines jeden, der es in Politik und Business zu etwas bringen möchte - heute wie vor 200 Jahren. Allein im gesellschaftlichen Miteinander standen sie lange Zeit zurück. Es gab Revolutionen zu organisieren und einen kalten Krieg zu gewinnen, da blieb wenig Platz für Sensibilität und Rücksichtnahme. Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit einigen Jahren steigt das Interesse der Jugend an den nahezu zeitlosen Normen und Werten erneut. Das gute Benehmen erlebt seine Renaissance.
Tanzschulen für Standardtänze versuchen dem plötzlichen Zulauf Herr zu werden und Privatschulen bemühen sich wieder, ihren Schülern das Benimm-Einmaleins mit auf den Weg zu geben. Getreu dem Motto „Man erhält niemals eine zweite Chance, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen“, besinnt man sich verstaubter Tugenden und profitiert von deren angenehmen Nebenwirkungen. Diese sind offensichtlich.
Eine Krawatte, die richtig gebunden in der Mitte der Gürtelschnalle endet, macht bei jedem Bewerbungsgespräch einen guten Eindruck und eine aufgehaltene Tür erobert vielleicht das Herz der Frau der Träume. Anstand lohnt sich scheinbar wieder und das Wichtigste ist im Handumdrehen erlernt. Doch nicht alle Regeln lassen sich überall anwenden. Wer „online“ unterwegs ist, vergisst schnell, was „offline“ Pluspunkte bringt. Unter dem Deckmantel der Anonymität spart man sich eine angemessene Begrüßung von Zeit zu Zeit und weigert sich auch nach vielen Monaten in gleicher Gesellschaft standhaft, einen Schritt hinter dem Nicknamen hervorzutreten.
Was nun gebietet uns die schwer einschätzbare Web-Umgebung, was erwartet der Anstand? In welchen Situationen gilt es, sich vor dem vermeintlich Unbekannten durch Verschlossenheit zu schützen und wann ist es Zeit, sich normal zu verhalten? Nicht minder interessant: Wann beugen wir uns dem schnelllebigen Medium und kommunizieren nach seinen Regeln, wann trotzen wir diesen?
Moderne E-Mails können, vor allem im privaten Rahmen, stenographischen Aufzeichnungen ähneln. Man beschränkt sich auf das Nötigste, kürzt ab, was irgendwie abzukürzen ist und verzichtet auf alles, was Zeit und Nerven kostet. Die Anrede entfällt häufig ganz oder verkommt zu einem knappen „Hi“. Substantive, Eigennamen und Satzanfänge werden durchgehend klein geschrieben, Satzschlusszeichen durch Smilies ersetzt. Aus der Abschiedsformel „Mit freundlichen Grüßen“ wird „MfG“, aus „Liebe Grüße“ „LG“. Wieso nur?
Es mangelt weder an Platz, noch an Tinte, und den geübten Schreiber kostet es ein Lächeln, die beliebten Akronyme auszuformulieren. Was in einem gewöhnlichen Chat, in dem es darauf ankommt, möglichst schnell zu schreiben, wenigstens praktische Gründe hat, ist in Foren und E-Mails unnötig. Wird das Onlinevolk träge und wäre Faulheit nicht höchst unanständig? Die Tatsache, dass einige Jugendliche die Bedeutung von Abkürzungen des Internets innerhalb weniger Tage verinnerlichen, die Englischvokabeln aber par tout nicht behalten wollen, verwirrt. Bisweilen hat es den Anschein, als versuche man, die schriftliche Kommunikation fortschreitend zu vereinfachen.
In Diskussionsforen mit erwachsener Klientel gestaltet es sich ähnlich. Auch hier rücken Abkürzungen in den Vordergrund. Angefangen bei „afaik“ („as far as I know“) bis hin zu „imho“ („in my humble opinion“) – der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Weshalb sollte man also die ausführlichen Varianten verwenden? „Weil das auf anschauliche Weise signalisiert: ‚Sie sind es mir wert, dass ich mich für Sie mobilisiere.’“, schreibt Elisabeth Bonneau, Autorin des Buches „Erfolg durch gutes Benehmen“ und antwortet damit unbewusst auf diese Frage.
Das Aufstehen des zuvor Sitzenden beim Eintreffen eines Gastes ist durchaus mit der Ausformulierung von Wörtern und Sätzen online zu vergleichen. In beiden Fällen bemüht man sich für jemanden und zeigt ihm damit, dass er die Mühe wert ist. Ferner wäre gewährleistet, dass Außenstehende, die der Insider-Abkürzungen vielleicht nicht mächtig sind, das Geschriebene verstehen und folglich problemlos Zugang zu diesem Bereich des Internets erlangen. Gleiches gilt für Orthographie und Grammatik. Es kostet nur wenige Minuten, noch einmal über den eigenen Beitrag zu „fliegen“ oder die E-Mail auf Rechtschreibung und Struktur zu prüfen. Versuchen Sie es, dem Leser zuliebe.
Der Anonymitätsgrundsatz, für viele Internetnutzer noch immer das Wichtigste, ist jedoch nicht so einfach anzufechten. Schließlich weiß man nie, wer am anderen Ende der Leitung sitzt. Im schlimmsten Fall könnte es nur ein Computer sein, der soviel gutes Benehmen gar nicht verdient hat. Wohin also mit dem eigenen Namen und was bedeutet er online; wozu benötigt man ihn noch, wenn man doch bereits einen neuen „Nick“ samt Avatar und Signatur gefunden hat?
Im täglichen Miteinander stünde zweifelsfrei fest, dass der eigene Name von größter Bedeutung ist und normalerweise das Erste sein sollte, das man jemandem, den man gerade erst kennen lernt, anvertraut. Wer sich an dieser Stelle erinnert, das letzte Forum ohne Begrüßung und Vorstellung seiner selbst betreten zu haben, darf sich jetzt gerne schämen. Online müssen es nicht einmal Vor- und Zuname sein. Der Vorname reicht als Zeichen des guten Willens.
Trotzdem bleibt die Angst vor denen, die die eigenen Daten missbrauchen könnten, bestehen. Gerade Kinder und Jugendliche müssen vor solchen Menschen beschützt werden und Anonymität leistet dabei gute Dienste. Jeder Erwachsene, der fortwährend mit den gleichen Menschen im Internet zu tun hat, sollte darüber nachdenken, wie gefährlich die Offenbarung des eigenen Namens wirklich ist.
Was für die einen selbstverständlich ist, bleibt für die anderen undenkbar. Echte Namen vermitteln Persönlichkeit, die im körperlosen Miteinander, das zumeist ganz auf Mimik und Gestik verzichten muss, neue Brücken bauen kann. Allerdings verpflichtet Persönlichkeit gleichzeitig, ein wahrer Name deckt auf. Plötzlich ist man nicht mehr der unbekannte Urlauber im Spaß versprechenden Onlineland, der sich nach Belieben daneben benehmen kann, weil ihn sowieso niemand kennt. Man wird ein Mensch aus Fleisch und Blut, der sich unterbewusst verpflichtet fühlt, nach 24 Uhr die Musik leiser zu drehen. Und wieder hieße es: Wer A sagt, muss auch B sagen. Da überlegt man sich natürlich zweimal, ob man denn wirklich A sagen möchte.
Schlussendlich drängt sich doch die Frage auf, ob Bonneaus zeitgemäße Aufarbeitung Knigges Empfehlungen im virtuellen Miteinander überhaupt angebracht sind. Schließlich bemerkt es niemand, wenn der Schlips beim Chatten am Sonntagmorgen ausnahmsweise in der Unterhose steckt oder zwei Zentimeter über dem Bauchnabel baumelt.
Haben Sie auch ein schlechtes Gewissen und betrachten Ihr Verhalten nun ein Stück weit als unhöflich? Worauf führen Sie die Abkürzungen zurück? Wir laden Sie herzlich zu einer Diskussion im Life-Go-Forum ein.
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