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Soaps, Telenovelas, Serien – Mehr Schein als Sein?


23.08.2006 (I. Kutta) Kategorie: Lifestyle

Bild: www.endlos-absurd-abend.de

Jeden Tag flimmern Soaps, Telenovelas und Serien über den heimischen Bildschirm. So viele Geschichten, Schicksale und Charaktere, für uns bekannt wie der Nachbar von nebenan. Doch wer erfindet eigentlich diese Handlungen? Ob Sandra mit Marc schon „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ durchmachen musste, ob Elisabeth mit Johannes kurz vor einer „Verbotenen Liebe“ steht, das hässliche Entlein Lisa Plenzke „Verliebt in Berlin“ ist oder sich Laura im „Sturm der Liebe“ befindet. Fernsehproduktionen am laufenden Band haben Hochkonjunktur.

Seifenopern, so genannte Soap-Operas bzw. Soaps, stammen aus Amerika und wurden ursprünglich von Waschmittelkonzernen ins Leben gerufen, um eine Werbeplattform für ihre Seife (Soap) zu gründen. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts starteten so einige Soap-Operas im amerikanischen Radio, in den späten 40ern wurden die ersten Soaps im Fernsehen ausgestrahlt. Seifenopern werden regelmäßig gesendet und dienen auch heute noch unter anderem dazu, ein attraktives Werbeumfeld zu schaffen. Doch inzwischen rentiert sich das Produzieren einer Seifenoper für die Fernsehproduktionsfirma an sich, da der Beliebtheitsgrad der Soaps hoch im Kurs steht und sie ein regelmäßiges Einkommen garantieren.

Seit 1985 läuft die so genannte „Weekly“ Soap „Lindenstraße“ nunmehr seit 21 Jahren erfolgreich im deutschen Fernsehen. Anfang der 90er Jahre starteten die ebenfalls noch heute andauernden deutschen Soap-Operas „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ (1992), „Marienhof“ (1992), „Unter Uns“ (1994) und „Verbotene Liebe“ (1995). Allein drei Millionen Menschen schauen täglich mindestens eine dieser vier Dauersoaps.

Im Gegensatz zu Fernsehserien sind bei den Seifenopern die einzelnen Folgen nicht in sich abgeschlossen. Jede Folge endet mit einem „Cliffhanger“, einem dramatischen Ereignis am Ende, das bis zur nächsten Folge offen bleibt und so das Publikum zum Einschalten der nächsten Folge animiert. In einer Soap werden verschiedene Handlungsstränge parallel erzählt, dabei handelt es sich um verschiedene Charaktere.

In einer Telenovela dagegen, die seit einiger Zeit auch in Deutschland sehr in Mode gekommen ist, geht es in der Regel um eine Hauptperson. Telenovelas stammen aus Lateinamerika und dienten ursprünglich der Audio-Unterhaltung von Zigarrenwicklern in kubanischen Zigarrenmanufakturen. Telenovelas sind den Seifenopern sehr ähnlich, auch sie nutzen das Konzept des „Cliffhangers“, aber die Erzählperspektive stellt meist die Sicht der Hauptperson dar, die ihre Gedanken häufig in hörbaren Eigendialogen zum Besten gibt. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, dass Telenovelas keine Endlosserien sind, sondern ein vorbestimmtes Ende haben, wie wir es beispielsweise im Fall Lisa Plenzke derzeit erwarten: Entscheidet sie sich für Rokko oder David?

Serien und Telenovelas haben häufig mit den gleichen vorschnellen Vorurteilen zu kämpfen wie Seifenopern. Häufig heißt es, Soaps würden nur Frauen gucken. Die Statistik der „Verbotenen Liebe“ macht aber deutlich, 42 % ihrer Zuschauer sind männlich. Zwar ist der männliche Zuschauer damit hier stärker vertreten als im Durchschnitt, doch immer mehr Männer schauen Soaps, manchmal auch nur, um angeblich zu sehen, wie Frauen ticken, so Medienwissenschaftlerin Maya Götz.

Ein weiteres Vorurteil besagt, dass Soaps sich nur mit Liebe und Beziehungen befassen und damit weltfremd seien. Der „Marienhof“ befasst sich schon seit langem mit gesellschaftskritischen Themen wie Integration von Behinderten, Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren, Sterbehilfe, Ausländerfeindlichkeit und HIV. Auch in der „Verbotenen Liebe“, die zum Großteil in gehobeneren Gesellschaftsschichten spielt, werden ebenfalls Themen wie HIV, Homosexualität und Prostitution aufgegriffen. Der eine geht ins Gefängnis, der andere wird süchtig. Also entgegen aller Vorurteile: Auch in der Soap herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Maya Götz beschreibt die Soap als ein mögliches Fenster zur Welt, in dem Teenager sehen, wie sie ihre Probleme lösen können.

Viele Menschen kritisieren an Soaps, dass sie Billigware wären. Sicherlich herrscht bei täglich ausgestrahlten Seifenopern ein hoher Zeit- und Kostendruck, dennoch zeigt gerade die „Verbotene Liebe“, dass nicht immer nur im Studio, sondern auch mal am Mittelmeer gedreht wird. Außerdem wurde sie mit dem internationalen Preis der Goldenen Rose (2005) ausgezeichnet. „Verliebt in Berlin“ erhielt diese Auszeichnung ein Jahr später.

Das wohl weit verbreitetste Vorurteil behauptet, Zuschauer von Seifenopern entfliehen der Realität, oder sie hätten kein Privatleben. Tatsächlich ist Soapgucken aber laut Maya Götz nichts Passives, sondern etwas sehr Aktives. Die Medienwissenschaftlerin verweist darauf, dass eine Soap emotionaler Resonanzboden sein kann und die Soaps-Rezeption häufig in die Gemeinsamkeit der Familie integriert ist. Nach Götz Ansicht gestehen sich die Soapgucker so Gefühle zu, die sie sonst zu verstecken versuchen.

Ob sich der Zuschauer von Vorurteilen leiten lässt oder nicht – die hohen Zuschauerquoten sprechen für sich. Außerdem ist es laut einer psychologischen Studie bewiesen: „Daily-Soap-Zuschauer sind glücklicher als der Durchschnitt der Bevölkerung“, gibt Maya Götz zu bedenken.

Wer erfindet aber all diese Geschichten? Autoren, die jede Szene unter erheblichem Zeitdruck detailliert ausarbeiten müssen, so genannte Storyliner, sind gefragt. Alleine für die RTL-Tochter Grundy UFA, die sich seit Jahren auf die Produktion von Soaps und Telenovelas spezialisiert hat, arbeiten nahezu 200 Autoren für die Serienproduktion. Erfolgsproduktionen wie „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“, „Verbotene Liebe“, „Unter uns“ und „Verliebt in Berlin“ stammen aus den Federn der Grundy UFA-Autoren.

Inzwischen hat die Grundy UFA sogar eine Spezialschule ins Leben gerufen, in der „Storyliner für die industrielle Serienproduktion“ ausgebildet werden. Die ersten 16 Storyliner haben die fünfmonatige Ausbildung schon abgeschlossen.

Jede Woche entwickeln bei der Grundy UFA mehrere Storyliner in Teamarbeit die Geschichten für die TV-Serien innerhalb des klar strukturierten Systems der industriellen Fernsehproduktion. Zusätzlich erarbeiten sie Handlungsbögen, auch Futures genannt, die als Wegweiser für die Entwicklung einer Serie über einen längeren Zeitraum dienen. Daneben werden Charakterprofile für die einzelnen Rollen ausgearbeitet. So entstehen jede Woche Storylines, in denen die Handlungen jeder Folge detailliert für jede Szene geschildert werden. Diese Storylines stellen dann die Grundlage für die Dialogbuchautoren dar, die daraus ihre Dialogbücher anfertigen.

Bei der Grundy UFA entstehen so jedes Jahr mehr als 700 Stunden fiktionales Programm. Bleibt zu hoffen, dass den Kreativköpfen der Fernsehproduktion in Zukunft nicht die Energie ausgeht und uns genügend Stoff zum „glücklicher Sein“ bleibt.

Schauen Sie Seifenopern oder Telenovelas? Welche ist Ihre Lieblingssoap? Lassen Sie es uns wissen und diskutieren Sie mit uns im Life-Go-Forum.



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