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Kurzgeschichte: Kunst? Kunst!


06.09.2006 (K. Stickelbröck) Kategorie: Specials

Bild: www.branchenkunst.de

Museen haben so etwas Beruhigendes! Schon wie eine Klimaanlage in diesen hallenähnlichen Räumen mit ihren hohen Decken summt, wirkt auf mich intensiver und nachhaltiger als drei in Starkbier aufgelöste Schlaftabletten - herrlich. In Gedanken versunken stand ich vor dem bunten Stillleben „Apfel und Birne bei einsetzender Dämmerung“.

Plötzlich stellte sich eine ältere Dame mit lila gefärbtem Haar unterm Haarnetz neben mich und seufzte: „Ein Meisterwerk!“
„Finden Sie?“, fragte ich.
Sie nickte energisch: „Ein Meisterwerk. Apfel und Birne. Das Synonym für Ungleiches! Gleichwohl immer und immer wieder miteinander verglichen. Hier auf dem Bild in perfekter Komposition. Apfel links, Birne rechts: Sie kommunizieren.“

Ich kratzte mir den Hinterkopf. So hatte ich die Sache bzw. das Bild beziehungsweise das Obst noch gar nicht betrachtet. Es klang aber gut! Nur die Kommunikation zwischen Apfel und Birne konnte ich, barbarischer Laie, der ich offenbar war, nicht auf Anhieb erkennen.
„Ähm, Kommunikation?“, fragte ich deshalb geschliffen.
Sie warf mir mit wässrigen Augen einen abschätzenden Blick zu und hielt mich offensichtlich für eine Mischung aus blind, ignorant und unterbelichtet - eindeutig aber für fehl am Platz.
„Das ist doch eindeutig. Der Künstler setzt dem weichen, perfekten, runden Apfel die unförmige Birne am anderen Bildrand entgegen und unterwandert damit die fast mathematisch-grafische Symmetrie der ganzen Komposition. Das Bild wirkt zerstört, zerstückt, zersägt! Vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht!“

Sie schnaufte und schüttelte ihr Haupt. Nicht ihr Haar, das war ja eingesperrt.
„Das ist mir schon fast zu billig“, schien sie ihre Meinung plötzlich geändert zu haben, „zu konform, zu nahe liegend. Ich weiß nicht, ob es dieser neue, aufstrebende, moderne Künstler, wie heißt er überhaupt ... Jochen Schrader ... es mit diesen mehr als offensichtlichen Bildern weit bringen wird. Konflikte müssen sich vorsichtig andeuten, dürfen einen Betrachter nicht geradezu anspringen. Da wird er sich mehr einfallen lassen müssen! Ich kenne mich da aus!“

Sie schnaufte wieder. Augenscheinlich schnaufte sie überhaupt sehr oft und sehr gerne. Ich bin ja mehr so ein „Räusperer“. Also räusperte ich mich: „Und wie erklären Sie sich diese drei kleinen Punkte in der oberen linken Bildecke, die die scheinbar perfekte Farbensymphonie der linken Apfelbildseite zerstören? Machen die in ihrer Deplatziertheit die Birne im rechten Teil des Gemäldes nicht schlichtweg überflüssig? Und warum dann noch die Birne?“

Sie schluckte. Und schlug eine Hand vor den Mund. „Mein Gott, das ist genial! Die drei Punkte. Zeichen für Glaube, Liebe, Hoffnung! Das ist ... genial! Sie haben Recht! Die Birne dient nur zur Ablenkung ... Hüte dich vor dem Offensichtlichen! Ich bin begeistert!“
Die Frau mit Netzteil richtete sich entschlossen auf. Aus dem Schnaufen war heftiges Hecheln geworden. „Das ist genial ... Ich muss den Künstler sprechen! Wie heißt er doch gleich?“
„Schrader!“
„Den muss ich sprechen ...“

Sie schlurfte davon.
Ich reckte mir die Müdigkeit aus den Knochen. Diese Vernissage kam mir wirklich ungelegen, jetzt nur zeitlich. Oh ja, finanziell versprach ich mir Einiges, die Kunden wurden immer blöder und ein guter, kompetenter Kunstgeschmack ließ sich heutzutage mit ein wenig Geschick und einfachsten Mitteln problemlos unterwandern ... Aber dieses Klimaanlagengesumme machte mich einfach müde. Deshalb suchte ich mir in Museen auch immer ein stilles Örtchen, an das ich mich unbemerkt ...

„Herr Schrader?“
Ich zuckte zusammen.
„Herr Schrader? Es ist gleich Neun. Sie müssen die Vernissage eröffnen! Es ist voll. Gutes, kompetentes Publikum!“
Ich warf meiner Agentin gelangweilt einen fragenden Blick zu.
Sie grinste. „Ja, ich kann Sie beruhigen: auch jede Menge Geldbörsen!“
Ich nickte zufrieden. „Ich komme gleich.“
Sie verschwand um die Ecke. Ich entdeckte unweit von mir auf einem Sims einen Schraubenzieher, den die Arbeiter beim Aufhängen der Bilder scheinbar liegen gelassen hatten. Ich schnappte ihn mir und kratzte oben links über dem Apfel vorsichtig die drei Punkte Fliegendreck von meinem Bild.

Ich seufzte. Für die Haarteilomi musste ich mir gleich bei der Vernissage natürlich was einfallen lassen. Vielleicht was zum Thema Vergänglichkeit ... Wie auch immer. Ich räusperte mich.

Museen haben so etwas Beruhigendes.

Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.



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