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Wieder sitzt der Kerl auf der Bank neben mir – mit seinem Flaschenbeutel. Wie mich das nervt! Jedes Mal drückt er mir fast die Kappe schief, fährt mir mit seiner tabakfleckigen Hand in den Schlund und wühlt wie ein Berserker in mir herum. Letztens hat er sogar einen Kratzer auf meinen frisch lackierten Deckel gemacht, dieser Banause.
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie lange diese Tortur schon geht. Irgendwann ist der plötzlich aufgetaucht – halt, eher herangewankt – und hat mir seine Pranke reingewürgt. Er hat die beiden leeren Bierflaschen herausgerissen und fortgebracht. Ein paar Minuten später ist er zurückgekommen, eine Pulle am Hals, hat sich auf die Bank gehauen und vor sich hin gemurmelt.
Na gut, wenigstens das Murmeln hat er in letzter Zeit gelassen. Dafür hat er mich letzte Woche zweimal mit seinem schweren Arbeitsschuh getreten. Als könnte ich etwas dafür, dass keiner sein Leergut in meinem Bauch deponiert hatte. Ist dann verschwunden, der Suffkopp, um sein Glück woanders zu versuchen. Aber mit Aufatmen war da nichts, denn der hat so viel Schwein gehabt, dass er mit einer ganzen Flasche Schnaps ankam. Die hat er eingefüllt und dann hat er ...
Nein, das kann ich einfach nicht erzählen. So etwas erzählt nur, wer auch eine angemessene Gänsehaut zustande kriegt. – Was? Die ist nicht nötig? Ach, sei’s drum: Er hat gesungen. Ja! Zuerst dachte ich, der reißt die Hufe hoch, gibt den Löffel ab – segnet eben das Zeitliche. Ein Schnaufen und Gurgeln war das. Aber als der nach ein paar Minuten immer noch röhrte, schien es mir, als könne man eine Art Melodie darin vermuten. Und tatsächlich, bei genauerem Hinhören schälten sich Wörter aus dem Gestammel. Irgendwas mit „Matrosen“ und „Sonne“ ...
Und „die wogende See“ kam auch vor. Ich hab endlos gerätselt, was das bedeuten könnte. Wogen hab ich ja auch schon einiges gesehen, auf und rund um die Bank herum. Aber wer diese See ist? – Keine Ahnung. Jedenfalls ist er dann irgendwann umgesunken und eingepennt. Geschnarcht hat er, bis eine Polizeistreife kam und ihn nach seinem Ausweis gefragt hat.
Da hat er sich den Rotz von der Nase gewischt und in seine Jackentasche gelangt. Dort hat er eine Hülle hervorgekramt, in der so ein komischer Pappfetzen steckte. Den wollten die Polizisten scheinbar sehen. Und das hat mich auf eine Idee gebracht ...
Da! Wusst’ ich’s doch. Jetzt fängt er wieder damit an meine Innereien umzugraben. Aber diesmal bin ich vorbereitet. Ich hab’ seit gestern alle leeren Flaschen unter dem Papier versteckt. Vorsichtig schüttle ich die Taschentücher und Dönerservietten von den Schätzen, mit denen ich ihn ködern will. Und prompt wird sein Schnaufen heftiger, während der ganze Arm in meinen Tiefen herumrudert. Vorsichtig drückt mein Deckel gegen seine Brust.
... vier, fünf Flaschen. Jetzt ist sein Beutel voll. Wird mein Plan klappen? Wie gern hätte ich jetzt eine Mimik, nur, um ein diabolisches Grinsen zur Schau stellen zu können. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Er erhebt sich von den Knien, auf die er im Sammeleifer gesunken war. Hoffentlich merkt er nichts.
Er geht, wankt davon und verschwindet hinter der Torsäule am Parkeingang. Die Zeit verflüssigt sich, wird träger und träger, als ob sie gleich stehen bleiben wolle. Irgendwo am Kiesweg klingelt ein Handy. Eine junge Frau taucht auf, wogt an den passenden Stellen, presst das Gerät ans Ohr.
„Ja, wir treffen uns dann gegen ...“, trägt der Wind ihre Stimme herüber. Warum steckt die mir nicht mal die Hand rein? Richtig tief, damit ich auch vom Wogen noch was zu spüren bekomme ... Fast glaube ich, ich könnte erröten, so heiß wird mir bei dem Gedanken, sie würde ...
Da ist er wieder, der Berserker. Hat mir den Gefallen getan, Trottel der. Jetzt kommt er heran, lässt sich auf die Bank fallen und hebt die Fusel-Pulle an den Hals. Ich höre das Glucksen, als das Zeug seine Stoppelkehle hinunter rinnt. Diesmal erfüllt es mich mit freudiger Erwartung. Ein paar Schlucke noch, dann ist die Buddel leer. Jetzt muss ich mich konzentrieren ... Mit aller Macht beginne ich zu vibrieren. Die kleine Karte rutscht immer näher an den Schlitz heran, der an meinem Boden klafft, seit der Kerl mich getreten hat.
Mit einem – leider unhörbaren – Kampfschrei werfe ich mich zur Seite. Das Kärtchen schnippt davon, landet irgendwo in der Wiese und ich stürze um. Der Unhold glotzt mich verständnislos an. Ein altes Muttchen, das gerade noch ein paar Stiefmütterchenpflanzen aus der Rabatte geklaut hat, schreit: „Hier randaliert einer! Holt die Polizei! Amokläufer! Hilfe!“
Dann eilt sie, so schnell ihre alten Beine sie tragen, davon.
Zwei Streifenpolizisten kommen herbei. Dass die gerade jetzt in der Nähe sind, passt mir natürlich ausgezeichnet. Ich rolle mich noch ein wenig über den Weg, wobei mein Deckel aufklappt und sich mein Inhalt malerisch verteilt. Ich wusste gar nicht, dass ich eine Begabung für Expressionismus habe ...
Jetzt treten sie an den Säufer heran. Einer stellt sich vor und verlangt: „Ihren Ausweis, bitte!“
Wühlen in der Jacke, stutzen, wieder wühlen. – „Ja, mein Freund, jetzt bist du fällig ...“
In seiner Ratlosigkeit versucht der doch tatsächlich, abzuhauen!
Der zweite Polizist hebt mich auf und stellt mich wieder gerade hin, während der erste den Kerl abführt. Auch den Müll stopft er wieder zurück, beinahe versonnen. Dann folgt er seinem Kollegen zum Auto.
Ordnung muss schließlich sein und ich sorge dafür ...
1. Platz beim Monatswettbewerb August 2006 von www.kurzgeschichten-planet.de
Der Life-Go-Hauptartikel zum Thema heißt „Kurzgeschichten im Portrait“. Über ihn finden Sie auch alle anderen bisher auf unserer Seite veröffentlichten Kurzgeschichten.
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