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Der zerplatzte amerikanische Traum


11.09.2006 (J. Schramm) Kategorie: Welt

Bild: salud.ecoportal.net

Im Jahr 1886 wurde sie das erste Mal für 5 Cent pro Glas verkauft – Coca Cola. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, welche Symbolkraft Coca Cola in den folgenden Jahrzehnten gewinnen sollte. Nicht nur das Bild des rot-weißen Weihnachtsmannes wurde von der süßen Brause geprägt, sondern auch das der „westlich-zivilisierten“ Welt wurde durch die Flasche mit den geschwungenen „C’s“ beeinflusst. So ist Coca Cola längst nicht mehr nur eine Marke, sondern sie steht für den „American Way of Life“, der sich irgendwo zwischen Freiheit, Individualität, Ignoranz und Gleichgültigkeit bewegt.

Neben McDonalds ist Coca Cola auch das Unternehmen, was vermehrt von anti-amerikanischer Propaganda als „Feindbild“ gebrandmarkt wurde.

Doch die Diskussion, die in den letzten Monaten aufgekommen ist, beschäftigt sich mit dem harten Firmenalltag der Coca Cola-Company. Denn während das Unternehmen sich selbst als verantwortungsbewusst präsentiert (www2.coca-cola.com) und die genommene Rücksicht auf die Umwelt und die Arbeitsbedingungen betont, zeichnen Gewerkschaftsvertreter und Umweltschützer ein anderes Bild.

Gewerkschaftsvertreter auf der ganzen Welt kämpfen dafür, dass Morddrohungen, die kolumbianische Gewerkschaftler von Coca Cola erhalten haben sollen, bestraft und öffentlich gemacht werden. Auch von unerklärten Todesfällen und Mordanschlägen ist die Rede. Coca Cola wird vorgeworfen, dass es Gewerkschaften in so genannten „Schwellenländern“ und „Dritte-Welt-Ländern“ unterlaufe, Gewerkschaftler bedrohe und einschüchtere, um somit die Produktion zu optimieren, indem die Angestellten mehr arbeiten als sie es müssten und dürften.

Die daraus folgenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen sind ein weiterer Vorwurf, der im Raum und konträr zum offiziellen Firmenbild steht. Die deutsche Gewerkschaft Ver.di reagierte mit einem Boykott der schwarzen Brause auf die Vorwürfe der kolumbianischen Gewerkschaft SINALTRAINAL.

Doch auch im eigenen Land stößt das Unternehmen auf Widerstand und Kritik. Zahlreiche Universitäten haben das beliebte Getränk aus ihren Automaten verbannt. Auch die Kölner Universität hat sich diesem Boykott angeschlossen und kämpft für „colafreie“ Bildungseinrichtungen.

Neben den schweren Vorwürfen, die an der Integrität des Unternehmens zweifeln lassen, werden auch die Stimmen der Umweltschützer lauter, die dem Unternehmen einen fahrlässigen Umgang mit Pestiziden vorwerfen. Mit Indien hat sich in den letzen Wochen zum ersten Mal eine Regierung den Kritikern angeschlossen und wissenschaftliche Untersuchungen veranlasst.

Das unabhängige Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Dehli hat bei diesen Untersuchungen herausgefunden, dass die Pestizidkonzentration in den Getränken des Brauseherstellers über den indischen Grenzwerten liegt. Die Grenzwerte wurden hierbei so stark überschritten, dass vereinzelte Werte 53,7-mal höher lagen als es das indische Gesetz erlaubt. Bei der Studie zeichnete sich zusätzlich eine kontinuierliche Überschreitung der Grenzwerte ab (www.cseindia.org).

Obwohl das Unternehmen Coca Cola auf die Verwendung von Raffinade (also reinstem Zucker) verweist, wird vermutet, dass pestizidlastiger Rohrzucker zum Herstellen der Limonade verwendet wurde und wird. Wo genau die Pestizide herkommen und wie genau sie in die Softdrinks gelangt sind, ist allerdings nicht bekannt. Für die indische Regierung ist nur klar, dass sie in dem Getränk vorhanden sind.

Dass bereits seit rund 4 Jahren gegen die Firmenpolitik Coca Colas in Indien protestiert wird, hält das Unternehmen nicht davon ab, die Vorwürfe konsequent zu negieren. Jetzt reagierten zahlreiche indische Bundesstaaten mit einem Boykott der zuckerhaltigen Limonade, was konkret bedeutet, dass Coca Cola nicht mehr verkauft wird, ohne dass ein Warnhinweis auf der Verpackung angebracht wurde. Zusätzlich kristallisierte sich bei der Studie heraus, dass auch andere Softdrinkhersteller gegen die Pestizidauflagen verstoßen haben und somit auch unter den Boykott fallen. Auch der größte Konkurrent von Coca Cola, Pepsi, sieht sich mit den Vorwürfen von Umweltverschmutzung konfrontiert.

Auch innerhalb der Bevölkerung wird der Protest immer stärker, da Coca Cola sich auch den Vorwürfen ausgesetzt sieht, das Grundwasser und den Boden mit kontaminiertem Wasser zu verseuchen. In einigen Regionen haben sich bereits breite Bürgerbewegungen formiert, die sich für die systematische Schließung von Coca Cola-Niederlassungen einsetzen. Unterstützt werden sie hierbei seit kurzem von der eigenen Administration.

Handelt es sich hierbei lediglich um die berechtigte Wehrhaftigkeit einer Regierung zum Schutze des eigenen Volkes oder tut sich hier bereits ein Politikum auf?

Fakt ist, dass Indien eine aufstrebende Nation ist, was nicht zuletzt die steigende Begeisterung für die indische Filmindustrie in Form von „Bollywood“ zeigt. Kann es eventuell sein, dass sich Indien vom großen Amerika emanzipieren will? Die eigenen Traditionen im Zuge des technologischen Fortschritts zu erhalten und weiter zu entwickeln, mag durchaus im Interesse der indischen Regierung liegen. Die amerikanische Administration hat in den letzten Jahren durch militärische Interventionen die Frage nach der Reinheit des „American Way of Life“ stark verschärft und auch die kulturelle Expansion des Landes wird zunehmend stärker kritisiert.

Coca Cola steht nicht einmalig, aber doch außerordentlich als Symbol für diese Entwicklung. Die erhobenen Vorwürfe und Boykotte sind in gewisser Weise auch ein Katalysator für eben jenen gravierenden Vertrauensverlust in den „großen Bruder“ USA, der eben keiner mehr zu sein scheint.

Abgesehen von diesen politischen Problemen muss die Kritik an der realen Firmenpolitik des Unternehmens ernst genommen und hinterfragt werden, denn ideologische Verblendung auf beiden Seiten muss zwangsläufig zu Schäden der Arbeiter führen. Coca Cola darf hierbei jedoch nicht als Feindbild für den Unmut über die amerikanische Politik benutzt werden, unabhängig vom Einfluss, den das Unternehmen in Washington hat. Die grundsätzliche Pauschalisierung des Unternehmens als „böse“ kann jedoch keine Basis sein. Auf der anderen Seite darf eine Pauschalisierung von Kritikern zu Gegnern von „Freiheit und Individualität“ nicht als Entschuldigung für unmenschliche Arbeitsbedingungen und bewusste Gesundheitsgefährdung missbraucht werden.

Fakt ist auch, dass die indische Administration lange gezögert hat, bis sie sich den Protesten der eigenen Bevölkerung beugte und eigene Untersuchungen anstellte. Doch die neuen Beweise scheinen geradezu erdrückend. Allerdings hat es Coca Cola bis jetzt geschafft, seinen Ruf durch Gegenstudien und simples Infragestellen der Vorwürfe zu erhalten.

Sollte sich das Unternehmen Coca Cola fair und verantwortungsbewusst verhalten, darf der Boykott nicht aufrechterhalten werden, da sonst eine politische Krise folgen muss. Sollte sich das Unternehmen aber so verhalten, wie es die Kritiker schildern, gehört es bestraft. Das wäre dann die Aufgabe der Vereinten Nationen.



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