|
Vorbei ist die Zeit, in der Oma die Wäsche nach dem Waschen noch unter freiem Himmel ausgebreitet auf dem Rasen bleichen musste („Rasen- bzw. Sonnenbleichen“), damit sie ihre weiße Farbe auch nach ein paar Mal Tragen behielt. Damals machte man sich den frei werdenden aktiven Sauerstoff (auch Sauerstoffradikale genannt) zu Nutzen, der sich beim Bestrahlen der Wäsche mit Sonnenlicht bildet.
Fast 100 Jahre nach der Entdeckung des Verfahrens zur Herstellung des Aktivsauerstoffs Natriumperborat (das Bestandteil des ersten „selbsttätigen“ Waschmittels Persil ist), bleibt das „natürliche Bleichen“ den Hausfrauen und -männern erspart. Heute wird mit Hilfe der Wirksubstanz Wasserstoffperoxid gebleicht. Weil diese Detergenz eine geringe Lagerstabilität aufweist, wird es an Perborat oder Percarbonat gebunden („Baukastenwaschmittel“). Das Wort „Persil“ wurde übrigens zusammengesetzt aus „Perborat“ und „Silikat“, den Hauptbestandteilen des gleichnamigen Waschmittels.
Als Dr. Otto Liebknecht (Bruder von Karl Liebknecht) 1904 in der Frankfurter Versuchsstation der Degussa (Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt) die Synthese des Natriumperborats gelang, die 3 Jahre später den weltweiten Erfolg von Persil erst möglich machte, hätte er nicht zu Träumen gewagt, in welche Richtung das führen würde.
Heute wissen wir es besser: Die immer stärkere Benutzung von Oxy-Produkten, um Schmutz und Flecken auf der Wäsche zu Leibe zu rücken, scheint überall in Mode zu sein. Denn es lässt die schwächelnde Waschmittelindustrie wieder aufleben, da der Markt der Waschzusätze in den letzten Jahren zweistellig gewachsen ist. Diese Entwicklung kompensiert zwar noch nicht den Absatzrückgang bei den traditionellen Waschmitteln, ist jedoch ein deutliches Zeichen für eine Trendwende.
Es scheint, als seien viele Hausfrauen und -männer davon überzeugt, sich Ärger mit Flecken zu ersparen, indem sie gleich einen Chemiecocktail in Form der Oxy-Produkte benutzen. Hinzu kommt noch, dass sie noch nicht einmal viel Energie aufwenden brauchen, da Dank spezieller Zusätze (Bleichaktivatoren) die Chemiekeule schon ab etwa 40 °C wirkt. Im Vergleich dazu sind die traditionellen Waschmittel bei diesen Temperaturen noch nicht in der Lage effektiv zu waschen. Sie benötigen dazu Temperaturen ab 70 °C. Kein Wunder also, dass diese „Mittelchen“ heutzutage so beliebt sind, könnte man meinen.
Doch nicht nur im Waschmittel, sondern auch im Duschgel findet man „O2“ aktive Substanzen. Was früher die Haare zum (er-)bleichen gebracht hat, lässt heute die Zähne weiß strahlen und wenn nicht die, dann wenigstens die Fußmatten im Auto. Heute kann jeder das bleichen, was ihm in die Finger kommt. Hauptsache, er lässt diese nicht zu lange in der Tinktur. Denn dass Bleichmittel gesundheitsschädlich sind, sei es für die Haut oder für die Schleimhäute, wird sogar jeder Friseur bestätigen können.
Nur der anfänglichen Vorsicht der Industrie haben wir es zu verdanken, dass die „Oxy“-Waschmittel nicht schon in den 90er Jahren die Regale der Discountmärkte bevölkert haben. Denn es wurde anfänglich nicht von so einer großen Akzeptanz ausgegangen. Doch lange musste der Siegeszug der Alleskönner in Sachen Bleiche nicht auf sich warten lassen. Fragt sich nur, wie lange es braucht, bis hinter dem Strahlen der Absatzzahlen und dem blütenreinen Image, die ersten Flecken auf der weißen Weste der Waschmittelindustrie auftauchen.
Dieser Effekt könnte auftreten, wenn viele Verbraucher, durch den ständigen Kontakt mit der Wäsche, an ihrer eigenen Haut zu spüren kriegen, dass bei intensiver Nutzung Allergien ausgelöst werden können. Deswegen wird grundsätzlich empfohlen Oxy-Produkte und Co. nicht als Hauptwaschmittel sondern nur als Zusatzmittel zu verwenden, wenn sich das Bleichen nicht vermeiden lässt.
Auch sollte man gegebenenfalls die Wäsche in weniger verschmutzte und stark verschmutzte vorsortieren, um nur die stark verschmutzten Kleidungsstücke mit Bleichmitteln behandeln zu müssen. Schon vermindert man aktiv die Umweltbelastung und lebt gesünder, durch die Reduktion des mit Bleichmittelrückständen versetzten Abwassers. So ist jeder selber vor die Wahl gestellt, ob er zugunsten seiner Gesundheit auf die Benutzung von Oxy-Produkten verzichten möchte oder zumindest ihre Verwendung auf das kleinste Maß einschränkt.
|